Stand: 20.11.2017 09:45 Uhr

Werder kann's noch: Aber reicht ein Kruse?

von Andreas Bellinger, NDR.de

Es wird wieder gesungen im Weserstadion - fast schon gejubelt und gefeiert wie zu besseren Fußballzeiten. Für die strahlenden Gesichter sorgte ein überragender Max Kruse, der am Sonntag im Bremer Schietwetter mit drei Toren und einer Vorlage fast im Alleingang die knapp sieben Monate währende Sieglos-Tristesse der Werderaner beendete. Mit lange vermissten Tugenden und vor allem nimmermüdem Offensivgeist haben die von Trainer Florian Kohfeldt auf Selbstvertrauen programmierten Grün-Weißen den Schalter umgelegt und beim 4:0 (1:0) gegen Aufsteiger Hannover 96 auf einen Schlag ebenso viele Tore erzielt wie an den elf Bundesliga-Spieltagen zuvor. "Wir müssen den Sieg aber richtig einordnen", sagte Werders Coach im NDR Sportclub: "Es waren auch Momente dabei, in denen Hannover das Spiel hätte drehen können."

Bremens Trainer Florian Kohfeldt © Witters Fotograf: TimGroothuis

Werder gewinnt und Kohfeldt genießt

Alle Augen auf Werders neuen Chefcoach Florian Kohfeldt im Spiel gegen Hannover 96. Den Bremern gelingt im Nordduell der erste Saisonsieg, Max Kruse überragt.

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Lange vermisste Offensive

Sein Gegenüber André Breitenreiter sah das in seiner Analyse des abwechslungsreichen Spiels auf gutem Niveau ähnlich. Der Trainer der großartig in die Saison gestarteten und nun auf Platz acht der Tabelle "abgerutschten" Niedersachsen bekannte aber auch: "Der Gegner war besser, auch wenn es anders hätte laufen können." Es war ein Statement, das ihm sicherlich nicht deshalb leichter fiel, weil Kohfeldt 2014 als Praktikant bei ihm in Paderborn hospitiert hatte. Der Bremer Coach, der als Co-Trainer unter Viktor Skripnik schon Bundesliga-Atmosphäre geschnuppert hat, hatte dem Team in seinem ersten Heimspiel als Cheftrainer die lange vermisste Offensive verordnet, die sich - anders als bei seiner Premiere in Frankfurt (1:2) - diesmal auch auszahlte.

Kruse: "Auf dem Teppich bleiben"

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Nach Wochen quälender Stagnation und einer von Alexander Nouri vorgegebenen Mauertaktik funktionierte der Bremer Vorwärtsgang wieder wie geschmiert und hatte in Kruse sowie dem deutlich verbesserten Fin Bartels die treibenden Kräfte. Allenthalben wurden Erinnerungen wach an die Rückrunde der vorigen Saison, als das Duo Kruse/Bartels der Garant für den Aufschwung der Hanseaten bis an die Schwelle zur Europa League war. Nach Pass von Kruse traf Bartels zur Führung und legte noch zweimal für seinen Sturmpartner auf, dem er den Titel "Spieler des Tages" nicht streitig machen wollte: "Wenn man einen lupenreinen Hattrick macht, gibt es wohl keine zwei Meinungen." Kruse hatte einen "Sahnetag" (Breitenreiter), den er aber nicht überbewerten wollte: "Wir haben acht Punkte, mehr nicht. Wir müssen auf dem Teppich bleiben."

"Sechser" dürfen auch stürmen

Dem "Unterschiedspieler" (Breitenreiter), der beharrlich auf eine Rückkehr in die Nationalmannschaft hofft, bescheinigten beide Trainer eine hohe Spielintelligenz und die Gabe, den Rhythmus einer Partie bestimmen zu können. Der so Gelobte gab die netten Worte gerne weiter: "Wir haben das erste Mal in dieser Saison richtig guten Fußball gespielt. Man konnte endlich sehen, welches Potenzial in der Mannschaft steckt." Tatsächlich erinnerte wenig an die "blutleeren" Auftritte der vergangenen Wochen, in denen Werders Spielweise vom Gegner auch schon mal als "Murks" kritisiert wurde. Die Fünferkette gehört der Vergangenheit an. Die sogenannten "Sechser" dürfen unter Kohfeldt durchaus auch stürmen, was beispielsweise Maximilian Eggestein zu einer starken Vorstellung und Philipp Bargfrede zu einer Torvorlage nach Balleroberung im Mittelfeld motivierte.

Reichlich Arbeit für Kohfeldt

"Es passt insgesamt sehr gut, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns", sagte Kohfeldt. Der 35-Jährige ist gut beraten, den Augenblick zu genießen, die kommenden Aufgaben dabei aber nicht aus dem Fokus zu verlieren. "Wir haben gezeigt, wie wir den Weg beschreiten wollen", sagte er. Unbeeindruckt vom Prozedere der Trainersuche und den weder schmeichelhaften noch geschickten Äußerungen von Sportchef Frank Baumann will Kohfeldt Werder bis zur Winterpause auf Vordermann bringen. Dass dies reichlich Arbeit verlangt, betonte er nachdrücklich: "Das Nachrücken beispielsweise hat mir nicht gefallen."

Unerschütterliche "Wonderwall"

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Immer voller Unterstützung: die Werder-Fankurve.

Konkret waren es zwei Szenen nach der Halbzeit, die Werders Renaissance durchaus hätten verderben können. Nachdem aber der einstige Werderaner Martin Harnik am wieder sicheren Keeper Jiri Pavlenka gescheitert war und Salif Sané über das Bremer Tor geköpft hatte, fuhren die Gastgeber einen verdienten Sieg ein. Noch lange nach Spielschluss feierten sie den Sprung auf den Relegationsplatz mit den treuen Fans, von denen 500 sogar zum Abschlusstraining gekommen waren. Die trotz aller Enttäuschungen nicht eingestürzte "grün-weiße Wonderwall" ist ein Phänomen, das wieder Faustpfand im Abstiegskampf sein könnte.

Hartes Programm bis Weihnachten

Denn aus dem Gröbsten ist Werder als 16. noch lange nicht heraus. Auch wenn die Wiederauferstehung des lange verletzten Kruse ein wichtiger Schritt ist. "Heute können wir uns alle freuen, aber morgen sollten wir uns wieder konzentrieren", sagte der Ex-Nationalspieler. Am Sonnabend müssen die Bremer nach Leipzig, dann kommt Aufsteiger Stuttgart gefolgt von den Auswärtspartien in Dortmund und Leverkusen und dem Heimspiel gegen Mainz. Letztes Spiel des Jahres ist das Pokal-Achtelfinale im Weserstadion gegen den SC Freiburg. Dann ist Weihnachten und so oder so "Bescherung" für Kohfeldt, dessen Bewährungszeit dann abläuft.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 19.11.2017 | 22:50 Uhr