Stand: 01.10.2017 10:00 Uhr

Trostlos-Derby: HSV und Werder in Not

von Andreas Bellinger, NDR.de
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450 Minuten ohne Treffer: Trotz guter Ansätze reichte es für den HSV nicht zum Derbysieg.

Die Pfiffe im Hamburger Volksparkstadion waren noch nicht verstummt, da begann auf beiden Seiten bereits das Schönreden eines erschreckend schwachen Nordderbys zwischen dem HSV und Werder Bremen. Spötter hatten die 107. Auflage der beiden Krisenclubs schon vorher "Notderby" getauft - sie behielten auf ernüchternde Weise recht. Doch während die harmlosen Bremer am Sonnabend von Glück reden durften, wenigstens ein 0:0 mit nach Hause nehmen zu können, ärgerten sich die kaum weniger desolaten Hamburger über zwei aus ihrer Sicht verschenkte Punkte. "Wir wären heute der absolut verdiente Sieger gewesen", sagte HSV-Trainer Markus Gisdol. Und Clubchef Heribert Bruchhagen klagte: "Uns hat nur das Quäntchen Glück gefehlt."

Gisdol: "Leistung war sehr gut"

Vor allem aber priesen die Hanseaten von der Elbe ihre Bundesliga-Frischlinge Tatsuya Ito (20), Vasilije Janjicic (18) und Sturmtalent Jann-Fiete Arp (17), die Gisdol aus der Verletzungsnot heraus aufgestellt hatte. "Die Youngster haben ihre Sache wirklich sehr gut gemacht", sagte Gisdol, der weiter auf Nikolai Müller und Filip Kostić verzichten musste, aber froh war, die Leistungsträger Aaron Hunt und Albin Ekdal wieder aufbieten zu können. Die Leidenschaft und Zuversicht, die das jugendliche Trio versprühte, machten die spielerischen und technischen Unzulänglichkeiten und Fehler gleichwohl nicht vergessen.

Hamburgs Jann-Fiete Arp (l.) und Bremens Milos Veljkovic © Witters Fotograf: TimGroothuis

Gisdol baut auf die "jungen Wilden"

Ito, Janjicic, Arp: Beim 0:0 gegen Werder Bremen baute HSV-Trainer Markus Gisdol auf die Jugend - und fühlte sich durch die Leistungen der "jungen Wilden" bestätigt.

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Werders Schießbude geschlossen

Verteidiger Dennis Diekmeier betonte nach dem Ende der Pleitenserie von vier Spielen: "Wir ärgern uns, weil mehr drin war." Besonders die positive Körpersprache hob er heraus und dass jeder für jeden gekämpft habe. Tugenden, die eigentlich in jedem Spiel selbstverständlich sein sollten. Die aber mitunter fehlen - wie bei den Bremern der Mut zum Siegen. "Wir beschäftigen uns mehr damit, nicht zu verlieren als gewinnen zu wollen", hatte Thomas Delaney vor Wochenfrist im Sportclub des NDR gesagt. Diesmal machte der Däne keinen Unterschied, was sicherlich auch an der wieder auf Torsicherung getrimmten taktischen Ausrichtung seines Trainers gelegen haben mag. Die Schießbude der Liga, die im Vorjahr nach sieben Spieltagen bereits achtzehn Gegentore (aktuell sieben) kassiert hatte, blieb im Volksparkstadion jedenfalls wieder geschlossen, obwohl in Ludwig Augustinsson und Lamine Sané zwei Abwehrstützen fehlten.

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Ein Youngster macht Alarm

Gisdol war derweil besonders von den offensiven Eigenschaften Itos angetan: "Er war unglaublich belebend für unser Spiel." Allerdings nur 52 Minuten lang. Dann war der erste Startelf-Einsatz des von Krämpfen in beiden Beinen geplagten Japaners beendet. "Er war eigentlich schon in der Halbzeit komplett leer", sagte Gisdol. Bis dahin allerdings hatte der nur 163 Zentimeter große Ito auf der linken Seite, unterstützt vom Ex-Werderaner Hunt und Gōtoku Sakai, für ordentlich Alarm gesorgt - und dem Olympia-Zweiten Robert Bauer in Werders Abwehr manches Schnippchen geschlagen.

Junuzovic nährt Hoffnungen

Dass die Bremer nach Itos Aus wieder besser ins Spiel fanden, hatte andere Gründe. Erstmals in dieser Saison konnte Zlatko Junuzovic nach seiner Achillessehnenreizung mitwirken. Die Einwechslung des Kapitäns nach einer guten Stunde nährte Hoffnung auf Besserung und tat vor allem Delaney gut. Endlich entwickelte der Mittelfeldakteur konstruktive Ideen, nachdem zuvor im Zusammenspiel mit dem quirligen, aber oft zu eigensinnigen Florian Kainz vieles Stückwerk geblieben war. Auch Maximilian Eggestein belebte das Bremer Spiel, sodass Trainer Alexander Nouri zufrieden feststellte: "Wir standen stabil und hätten gewinnen können."

Werders Harmlos-Rekord

Tatsächlich aber war Werder im "wichtigsten Spiel des Jahres" (Abwehrchef Niklas Moisander) nur in der Anfangsviertelstunde und nach dem Doppel-Wechsel von Junuzovic und Eggestein für Kainz und Philipp Bargfrede den Gastgebern überlegen, ohne aber zwingend zu sein. Während der gute Keeper Jiri Pavlenka das Werder-Tor sauber hielt, gelang den Grün-Weißen vorne abermals nichts Zählbares. So unterbot Werder mit drei Toren (Delaney, Sané, Bartels) aus sieben Spielen seinen Harmlos-Rekord von 1972 - damals schlugen nach sieben Partien vier Treffer zu Buche.

Die sichere Variante

Nouri blieb trotzdem gelassen und seiner Linie treu: "Wir haben wieder zu null gespielt." Der Coach hatte wohl die Ansage gemacht, im Notfall "die sichere Variante mit einem langen Ball" zu wählen und nahm dafür erneut einen Harmlos-Sturm in Kauf, dem der verletzte Max Kruse sowie der nach Hoffenheim weitergezogene Serge Gnabry an allen Ecken und Enden fehlen. Bartels, der seiner Form aus der Rückserie hinterherläuft, und Neuzugang Ishak Belfodil können die Lücke bislang nicht schließen.

Nouris Rückhalt bröckelt

Doch statt wie Gisdol, der kurz vor dem Ende sogar noch U17-Nationalspieler Arp brachte, aus der Not eine Tugend zu machen, ließ Nouri das hoch gehandelte 18 Jahre alte Sturmtalent Johannes Eggestein weiter auf der Bank schmoren. Kritik erntete er dafür nicht nur in Diskussionsforen im Netz ("Was macht der eigentlich beruflich ..."), auch in der Werder-Familie soll der bedingungslose Rückhalt wegen der schon zehn Spiele währenden Sieglosserie (seit April) allmählich schwinden, wie es heißt.

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Sogar die Unterstützung der Fans scheint hüben wie drüben zu bröckeln. Nach inzwischen etlichen Krisenjahren war das ehedem brisante Nordderby mit 54.613 Zuschauern nicht ausverkauft und nach dem Schlusspfiff gab es verdiente Pfiffe. Ein Ende der grauen Realität mit Duellen zwischen Not und Elend ist nicht abzusehen. Auch in dieser Saison müssen wohl beide Mannschaften bis zum Schluss gegen den Abstieg kämpfen.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.10.2017 | 22:50 Uhr

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