Stand: 14.06.2015 09:44 Uhr

Schwul-lesbische EM: Die Titel sind verteilt

Es ging um Spaß am Sport, aber auch um ein Signal gegen Ausgrenzung: Am Wochenende haben 400 Spieler aus acht Ländern in Norderstedt an der schwul-lesbischen Fußball-Europameisterschaft teilgenommen. Wie die Organisatoren mitteilten, setzte sich der Verein Vorspiel Berlin im Herrenfinale am Sonnabend mit 3:0 gegen die Dublin Devils durch. Europameister bei den Frauen wurde der FC Krylya aus Moskau. Die russische Elf besiegte die Kicking Deerns des Gastgebervereins aus Hamburg mit 2:1 nach Neunmeterschießen.

"Überglücklich, dass so eine tolle Atmosphäre herrscht"

"Wir wollen alle Spaß haben beim Fußball, aber auch ein politisches Zeichen setzen gegen Homophobie", sagte Alexander von Beyme vom veranstaltenden schwul-lesbischen Sportverein Startschuss aus Hamburg im Vorfeld. Der Organisator konnte selbst nicht bei seinen Ballboys mitspielen. "Das tut schon ein bisschen weh", sagt der 38-Jährige. "Ich bin aber superstolz. Das Turnier ist mein Baby - ich bin überglücklich, dass eine so tolle Atmosphäre herrscht und alles gut geklappt hat." Die insgesamt zwölf Mitglieder des Organisationsteams hätten tolle Arbeit geleistet.

Fußball-EM: Mit Spaß und Toren für Toleranz

Prominente Unterstützung aus Sport und Politik

Schon am Donnerstagabend war die EM offiziell eröffnet worden. Bei einem Empfang im Millerntorstadion des FC St. Pauli waren Hamburgs Sport- und Innensenator Michael Neumann (SPD) und DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenborg zu Gast. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) war Schirmherr der Veranstaltung. Zudem freute sich der Verein Startschuss über Unterstützung vom Hamburger Fußball-Verband und von den Bundesliga-Clubs. Der HSV stellte nicht nur seine Plätze zur Verfügung, sondern brachte auch viele Ideen ein und half bei der Umsetzung. Die Stiftung des SV Werder Bremen stellte 4.500 Euro zur Verfügung und auch der FC St. Pauli engagierte sich.

Hitzlsperger: Im Nationalteam nie schwulenfeindliche Sprüche gehört

Nicht nur der Empfang zur Eröffnung, sondern auch die Siegerehrung fand am Samstagabend im Millerntorstadion statt. Die Pokale und Medaillen überreichte Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, der sich Anfang 2014 als erster deutscher Profifußballer als homosexuell geoutet hatte. Hitzlsperger sagte am Rande der Veranstaltung, Homosexualität sei im Fußball längst kein Tabu mehr: "Spieler in meiner Generation haben mit diesem Thema kein Problem mehr. Ich habe in der Nationalmannschaft nie einen schwulenfeindlichen Spruch gehört." In den letzten Jahren habe eine positive Entwicklung stattgefunden. Sein Outing solle eine Hilfestellung für andere Fußballer sein, sagte Hitzlsperger. "Mit einem Coming-out kann man seine Lebenssituation verbessern." Aber jeder müsse selbst entscheiden, ob er das möchte oder nicht.

EM-Veranstalter: Wir brauchen Leute mit Haltung

Von Beyme forderte von Politikern und Fußball-Prominenz mehr Einsatz im Kampf für Toleranz. "Wir brauchen Leute mit Haltung, wir brauchen Leute mit Eiern", sagte er in Anspielung auf das berühmte Zitat von Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn. Noch immer sei Homophobie ein Problem. "Aber immerhin gibt es jetzt mehr Leute, die dagegen halten - es gibt mehr heterosexuelle Verbündete", betonte der EM-Organisator. "Trotzdem sind für viele Menschen homosexuelle Fußballer noch längst nicht alltäglich." Gerade in kleinen Vereinen hätten schwule und lesbische Spieler noch mit Diskriminierungen zu kämpfen.

"Es ist schön, Gleichgesinnte zu treffen"

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Der Spaß steht bei der schwul-lesbischen EM im Vordergrund - zum Beispiel bei den Leinebaggern.

Das weiß auch Thorsten Warnecke zu berichten. Der Hannoveraner spielt für den schwul-lesbischen Verein Leinebagger, der mit zwei Teams nach Hamburg reiste. "Es ist in den vergangenen Jahren besser geworden, aber wenn ich zum Beispiel in der Fankurve von Hannover 96 stehe, höre ich immer wieder schwulenfeindliche Sprüche", sagte Warnecke. Er genieße es deshalb, bei Turnieren dieser Art viele Gleichgesinnte kennenzulernen: "Ich hatte schon so viele tolle Begegnungen. Es ist schön, Leute zu treffen, die auch schwul sind, sich für Fußball interessieren und die gleiche Einstellung haben." Bei allem Ehrgeiz, die Spiele zu gewinnen, stehe für viele Teilnehmer ganz klar der Spaß und die internationale Atmosphäre im Vordergrund.

Auch Team aus Russland dabei

Noch schwerer hat es Inna Puzanova. Die Russin war mit ihrem Team vom FC Krylya aus Moskau angereist. In ihrem Heimatland sei es verboten, offen Homosexualität zu zeigen, sagte sie. Deshalb würde sie es genießen, bei Turnieren im Ausland befreit zu spielen. Ihr Verein besteht mittlerweile seit zehn Jahren und kämpft für mehr Toleranz.

Ein Schiedsrichter kam aus der homophoben Türkei

Auch einige Schiedsrichter, die bei der EM mitwirkten, sind schwul - beispielsweise Halil Ibrahim Dincdag aus der Türkei. In seiner Heimat darf der Unparteiische wegen seiner Homosexualität seit sechs Jahren nicht mehr pfeifen. Das türkische Militär bewertete seine sexuelle Orientierung als "psychosexuelle Störung" und musterte ihn aus. Die Unterlagen darüber wurden dem Schiedsrichterverband zugespielt, der Dincdag daraufhin wegen "mangelnder Fitness" suspendierte. Zwei Klagen gegen den türkischen Fußballverband auf Rehabilitierung und Schadenersatz haben Dincdag landesweit bekannt gemacht, doch die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Zu einem ersten Urteil könnte es im September kommen. "Wenn ich gewinne, ist es gut. Wenn ich verliere, kämpfe ich weiter, auch vor dem Europäischen Gerichtshof", sagte Dincdag.

80 Spiele an zwei Tagen

Die EM fand zum dritten Mal statt, Deutschland war zum ersten Mal Gastgeber. Die Mannschaften waren in unterschiedliche Leistungsklassen eingeteilt. Sie kamen aus Deutschland, England, Frankreich, Russland, Schweden, Irland und den Niederlanden. Ein Team aus Serbien hatte kurzfristig absagen müssen, da ein Sponsor absprang. Insgesamt gab es rund 80 Spiele an den zwei Tagen. Anmelden konnte sich bei dem Turnier jede Mannschaft, die Interesse hatte - einzige Bedingung war die Mitgliedschaft im Weltverband IGLFA, der Internationalen Gay And Lesbian Football Association.

Sportler bei der schwul-lesbisch Fußball-EM in Hamburg und Norderstedt. © NDR Fotograf: Heiko Block

Schwul-lesbische EM: Kicken für Toleranz

Hamburg Journal -

Mit der schwul-lesbischen EM in Hamburg soll ein Zeichen gegen Homophobie gesetzt werden. Bei dem Turnier geht es weniger um den Sieg, sondern um Anerkennung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 Aktuell | 12.06.2015 | 17:40 Uhr