Stand: 01.11.2015 12:51 Uhr

Ja zum Videobeweis - oder doch nicht?

von Ines Bellinger, NDR.de
Nach Wolfsburgs Abseitstor redet Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler (r.) wutentbrannt auf den vierten Offiziellen, Wolfgang Stark, ein.

Ja, es war Abseits - aber ... Aber wäre es vermessen zu sagen, dass Schiedsrichter Manuel Gräfe trotz seiner offensichtlichen Fehlleistung(en) im Spitzenspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen (2:1) eine gute Figur abgab? Nach dem Spiel jedenfalls, als sich die Wellen der Empörung halbwegs gelegt und auch der Referee die Gelegenheit gehabt hatte, das zu tun, wozu alle anderen zuvor schon in zigfacher Wiederholung Gelegenheit hatten: seinen Blackout vor dem 1:0 in der Zeitlupe zu analysieren. André Schürrle hatte den weit im Abseits stehenden Vieirinha angespielt und dieser für Nicklas Bendtner aufgelegt. Der sah bereits den Assistenten mit der Fahne wedeln, drückte den Ball sicherheitshalber aber erst mal über die Linie - und auch zu seiner Verblüffung zählte der Treffer. "Das ist mein Fehler, das tut mir leid. Die Leverkusener können auch zu recht sauer sein", gestand Gräfe, der Leverkusens Kevin Kampl zuletzt am Ball gesehen und seinen Assistenten an der Linie deshalb ignoriert hatte. Angesichts der wüsten Proteste kurz nach dem Treffer befragte Gräfe dann doch noch die beteiligten Schürrle und Kampl, bekam von den Spielern aber unisono die Auskunft, dass sie sich selbst nicht sicher seien, wer zuletzt am Ball war. "Der Videobeweis hätte in dieser Szene geholfen", sagte Gräfe.

Der Weisheit letzter Schluss?

Ein Handtor für Hannover, ein Abseitstreffer für Wolfsburg - die Diskussion um eine Entscheidungshilfe für die Schiedsrichter kocht in schöner Regelmäßigkeit nach krassen Fehlentscheidungen hoch. Doch was, wenn der Videobeweis erst da ist und künftig auch Regelauslegungen im Kann-Bereich seziert werden? "In der Situation hätte es heute geholfen. Viele andere bleiben aber grau und verhelfen nicht zu mehr Gerechtigkeit", gab Gräfe zu bedenken. Auch Klaus Allofs würde das, was den Fußball eben auch ausmacht, ungern einer technischen Analyse opfern. "Ich weiß nicht, ob der Videobeweis der Weisheit letzter Schluss ist", sagte Wolfsburgs Manager im "ZDF-Sportstudio". "Wir verlagern das Problem dann auf eine andere Ebene."

Allofs vermutet Konzessionsentscheidung

Verständlich, dass der kurz nach besagter Szene zum Spielfeld geeilte und vor Wut schäumende Bayer-Sportdirektor Rudi Völler das anders sah: "Warum Gräfe dieses Risiko eingeht, seinen Linienrichter zu überstimmen, verstehe ich nicht. Da musst Du dir 100 Prozent sicher sein. Das ist eine riesengroße Ungerechtigkeit." Die Wolfsburger redeten nicht um den heißen Brei herum: "Klar war das ein Abseitstor", sagte VfL-Trainer Dieter Hecking. Doch zum Thema Ungerechtigkeit hatten auch sie noch einen Redebeitrag zu bieten, denn in der zweiten Hälfte hatte Leverkusen von einer weiteren Fehlentscheidung profitiert. Gräfe verweigerte Daniel Caligiuri nach einem Foul von Bayer-Keeper Bernd Leno einen Elfmeter (50.). Für Allofs eine Konzessionsentscheidung: "Er wusste schon in der Halbzeit, dass er einen Fehler gemacht hat, und ich glaube, dass er das mitnimmt in die zweite Halbzeit."

Manager und Spieler machen auch Fehler

Letztlich war der Wolfsburger Heimerfolg in einer nicht nur wegen der umstrittenen Szenen packenden Bundesliga-Partie jedoch verdient. Der VfL kletterte auf Rang drei und tankte vor dem Champions-League-Spiel bei PSV Eindhoven am Dienstag ordentlich Selbstvertrauen. Aus der komfortablen Sicht des Siegers legte am Ende auch Hecking noch ein gutes Wort für den Schiedsrichter ein. "Da wird mittlerweile so ein Druck aufgebaut auf die Herren, dass da auch mehr Fehler passieren als in der Vergangenheit", sagte der VfL-Coach. "Wir müssen aufpassen, dass der Druck nicht unmenschlich wird." Doch auch in dieser Frage machte sich der im Kreuzfeuer der Kritik stehende Schiedsrichter kerzengerade: "Damit muss man leben in der Bundesliga", sagte Gräfe. "Schiedsrichter machen Fehler - Manager und Spieler auch. Ich glaube, wir müssen endlich mal einen normalen Umgang hinkriegen. Ich ärgere mich heute am meisten."

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