Stand: 12.04.2017 20:35 Uhr

Im Fußball gibt's keine Zeit zum Innehalten

Wer hinter dem Sprengstoff-Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund steckt, ist noch unklar. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Terrorismus, meldet auch die vorläufige Festnahme eines Verdächtigen. Und im Stadion? Da ging es gut 24 Stunden nach dem Anschlag weiter, fast so, als wäre nichts gewesen.

Ein Kommentar von Marcus Tepper, Westdeutscher Rundfunk

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Humanität und Respekt vor den Opfern sind wichtiger als der atemlos getaktete Terminkalender des Fußballs, meint Marcus Tepper.

Als 1972 palästinensische Terroristen ein Attentat auf die Olympischen Spiele in München und die israelische Mannschaft verübten, wurden die Spiele der 20. Olympiade für 24 Stunden unterbrochen. "The games must go on", so donnerten die Worte von IOC-Präsident Avery Brundage damals bei der Trauerfeier durch das Olympiastadion. "Die Spiele müssen weitergehen!" Und so hieß es noch am Tag der Trauerfeier wieder: "Schneller, höher, weiter."

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"Erhebliche Zweifel" an Bekennerschreiben

Daran, dass die Bekennerschreiben nach dem Anschlag auf den BVB tatsächlich von Islamisten verfasst wurden, gibt es erhebliche Zweifel. Mehr bei tagesschau.de. extern

Seitdem wird gestritten, wie der Sport mit Terror und Gewalt umgeht. Traurige Anlässe und Schauplätze gab und gibt es genug seit München 1972. Atlantas Olympic Park, der Boston Marathon, das Pariser Stade de France, seit Dienstagabend der Weg des Mannschaftsbusses von Borussia Dortmund.

Und immer wieder die Frage: Soll man Gewalt und Terror entschlossen die Stirn bieten und trotzig mit Sport und Spiel weitermachen? Oder brauchen Betroffene, Sportler und Fans nicht Zeit zum Trauern und Verarbeiten? Verlangt die Würde der Opfer nicht einen Moment des Innehaltens?

Ein atemlos getakteter Terminkalender

Meine Antwort darauf: Ein klares "Ja"! Heute sollte nicht Fußball gespielt werden. Humanität und Respekt vor den Opfern sind wichtiger als der atemlos getaktete Terminkalender des Fußballs. Wenn in Dortmund gut 24 Stunden nach dem Anschlag der Ball wieder rollt, dann mag das auch eine "Jetzt-erst-Recht"-Reaktion von Spielern und Fans sein, indes räumen die Fußball-Macher unumwunden und auch ein wenig hilflos ein, dass hier vor allem die blanke Terminnot ausschlaggebend ist.

Traurig: Es gibt keine Zeit zum Innehalten

Was soll man machen? So viele Spiele, so wenig Zeit! Bundesliga, Champions League, Europa League, DFB-Pokal und Länderspiele. Alle zwei Jahre eine Welt- und Europameisterschaft. Fußball läuft mittlerweile an fünf, sechs, bisweilen sogar an sieben Tagen in der Woche. Die Geldmaschine braucht das stetige Event. Schon im Regelbetrieb reicht die Zeit ja kaum zum Durchschnaufen und Regenerieren. Das merken vor allem die Spieler, aber auch die Fans. Und jetzt gibt es selbst im Krisenfall keinen Platz zum Innehalten, Trauern und Verarbeiten: "The games must go on!"

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NDR Info | Kommentare | 12.04.2017 | 17:08 Uhr