Stand: 28.03.2016 10:35 Uhr

HSV-Scout: "Nachwuchs nicht mit Geld zubuttern"

Der Hamburger Benjamin Scherner leitet beim HSV das Nachwuchs-Scouting.

Der Hamburger SV will künftig wieder auf den eigenen Nachwuchs setzen. Aufgrund der finanziellen Lage beim Fußball-Bundesligisten, aber auch aus Überzeugung. Dafür haben sich die Hanseaten ein Leitbild auf den Leib schneidern lassen. Einen wichtigen Baustein soll der Umbau der zweiten Mannschaft in der Regionalliga in eine U21 bilden. Dabei kommt Nachwuchs-Chefscout Benjamin Scherner laut Clubführung eine "tragende Rolle" zu. Mit NDR.de hat der 29-jährige Hamburger über seine Arbeit, das Vereins-Leitbild und die "neue" Konkurrenz aus Hoffenheim, Wolfsburg und Leipzig gesprochen.

Welche Strahlkraft hat der Bundesliga-Dino bei den Jugendlichen von heute?

Benjamin Scherner: Der Verein hat einfach eine große Tradition und einen Namen. Zudem hat natürlich die Großstadt für viele ihren Reiz. Keine Frage, die Strahlkraft ist immer noch groß. Das sehe ich allein daran, dass ich, wenn ich auf Scoutingtour in Westfalen oder im Osten bin, auf einmal HSV-Fahnen vor Häusern im Wind flattern sehe.

Manager Peter Knäbel hat kürzlich mit Bezug auf die Nachwuchsarbeit gesagt: "Wir wollen führend in Norddeutschland werden." Einfach gefragt: Warum ist der "große HSV" das denn nicht?

Scherner: Es hat in den vergangenen Jahren sehr viele Wechsel in der sportlichen Führung gegeben. Das hat sich auf die Profis ausgewirkt, aber auch auf den Jugendbereich. Da ist nämlich Konstanz sehr wichtig - personell, aber auch konzeptionell. Man braucht ein Netzwerk, gute Kontakte. Als vor zweieinhalb Jahren das von Manager Frank Arnesen installierte Scoutingteam hier weg ging, lag alles brach. Bevor ich am 1. November 2014 in der Position beim HSV angefangen habe, gab es gar keinen Chefscout für den Nachwuchsbereich, die ganze Abteilung gab es überhaupt nicht. Am 1. Januar 2015 haben wir den ersten Mitarbeiter eingestellt, jetzt sind es sieben. Wir mussten von null starten und wollen jetzt aus dem Norden heraus wieder wachsen.

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Ihnen kommt bei dem Prozess eine "tragende Rolle" zu. Was bedeutet das?

Scherner: Ich arbeite eng mit Peter Knäbel und Chefscout Benjamin Schmedes zusammen, tausche mich aber auch regelmäßig mit Sportdirektor Bernhard Peters und unserem Vorsitzenden Dietmar Beiersdorfer aus. Meine Abteilung ist sozusagen ein Dienstleister. Wir müssen immer eine Antwort haben, wenn personell eine Baustelle in einem der Teams entsteht. Auch wenn für vorne links zwei Spieler im Kader stehen, kann es immer sein, dass durch einen Transfer plötzlich Handlungsbedarf entsteht. Wir sammeln Informationen, lernen Spieler kennen und können dann gemeinsam mit der sportlichen Führung und den Trainern die Entscheidungen treffen.

Was ändert sich in Ihrer Arbeit durch die Umstellung der zweiten Mannschaft von einer U23 auf eine U21?

Scherner: Die U23 war in den letzten Jahren tatsächlich "nur" eine zweite Mannschaft. Viele Spieler haben sich über Probetrainings für den Kader empfohlen. Eine Identität als Gesicht der Nachwuchsarbeit beim HSV hatte das Team aber nicht. Wir wollen die Quote der Spieler, die aus der U19 übernommen werden, deutlich erhöhen. Die U21 soll die letzte Ausbildungsstation hin zu den Profis sein. Eben auch für die, die nicht sofort einen Profivertrag bekommen, sondern vielleicht noch ein, zwei Jahre brauchen. Für das Scouting im Bereich U17 und U19 bedeutet das, bei den Spielern die Fantasie zu haben, dass sie es in wenigen Jahren mindestens in die Herren-Regionalliga schaffen.

Welche Rolle spielt das neue Leitbild beim Herantreten an sportlich interessante Jugendliche?

Scherner: Der Nachwuchsabteilung und auch unserem Scouting hat es einen großen Schub gegeben, dass sich der HSV schriftlich verpflichtet hat, in diesem Maße auf die eigenen Talente zu setzen. Wir haben einen Scoutingkodex, nachdem wir größtmögliche Transparenz walten lassen. Wir kommunizieren offen mit den Vereinen und sprechen erst mit den Eltern oder auch den Beratern der Spieler, ob überhaupt Interesse an einem Wechsel bestünde. Wir leben das Leitbild tagtäglich, auch wenn wir Scouts bei den Familien im Wohnzimmer sitzen. Wir wollen nicht mit 100 Euro mehr, sondern mit unserer Arbeit und unserem Konzept überzeugen. Im Leitbild geht es um Siegeswille, Mentalität und Teamwork. Ich zeige den Spielern manchmal kleine Videoclips - zum Beispiel aus anderen Sportarten. Ein Boxenstopp in der Formel 1 funktioniert nur, wenn alle zusammenarbeiten - und dann rasend schnell.

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