Stand: 29.11.2015 11:56 Uhr

Doppel-Schmerz und Ratlosigkeit in Bremen

von Ines Bellinger, NDR.de
Werder-Raute auf Sinkflug: Die Bremer Fans waren nach der Derby-Niederlage restlos bedient.

Dass Bruno Labbadia nach dem 3:1-Sieg im 103. Nordderby Werder Bremen als eine "Mannschaft auf Augenhöhe" bezeichnete, hätte man nach der schwachen Vorstellung der Grün-Weißen als Ironie werten können. Es war jedoch die reine Höflichkeit des Trainers, der mit seinem aufstrebenden HSV nun um die Europapokalplätze mitspielen darf und seinen Derby-Siegern zur Belohnung zwei Tage frei gab. Die Grün-Weißen stellen indes schon wieder Negativrekorde auf und müssen erneut frühzeitig dem Abstiegskampf ins Auge sehen. Die Pleite gegen den Lieblingsfeind besiegelte die Serie von fünf Heimniederlagen - das gab es noch nie in der Bremer Bundesliga-Geschichte. Und eine Derby-Niederlage schmerzt natürlich doppelt. "Die erste Halbzeit war genauso schlecht wie beim 0:6 in Wolfsburg. Dann lief es besser, aber warum erst so spät?", klagte Werder-Coach Viktor Skripnik und wirkte nicht zum ersten Mal ratlos.

Defensive nach wie vor anfällig

Der Trainer wird in der Bremer Krise zur Schlüsselfigur. Ein gutes Jahr nach seinem Amtsantritt bleibt unter dem Strich die Erkenntnis, dass er die Mannschaft nicht weiterentwickelt hat. Die Defensive ist ähnlich anfällig wie in den vergangenen Jahren. An der Seite von Abwehrchef Jannik Vestergaard erreicht kein Innenverteidiger stabiles Erstliga-Niveau. Assani Lukimya gegen den HSV für Alejandro Galvez spielen zu lassen erwies sich als grandioser Fehlgriff. Auch Theodor Gebre Selassie wirkte nach seiner in Augsburg erlittenen Gehirnerschütterung noch desorientiert. Dass Ivo Ilicevic das linke Bein vornehmlich als Stütze hat, war ihm bisher wohl entgangen. So tappte er beim üblichen Rechtsschwenk des Kroaten in die Falle und ermöglichte ihm den Kunstschuss zum 1:0.

Web-Doku
Multimedia-Doku

HSV - Werder: Tore, Tränen und Triumphe

HSV gegen Werder Bremen - das bedeutet seit Jahrzehnten rauschende Fußballfeste und große Emotionen. NDR.de blickt in einer Multimedia-Doku auf die bewegte Geschichte des Derbys zurück. mehr

Problemzone Offensive

Die eigentliche Problemzone der Werderaner aber ist die Offensive. Mit 14 Treffern in 14 Spielen stehen die Bremer genauso schlecht da wie Aufsteiger Darmstadt 98, der allerdings neun Tore weniger kassierte. Gründe dafür gibt es viele. In der Mittelfeldraute fehlt ein Spielgestalter. Zlatko Junuzovic, bei der Aufholjagd in der vergangenen Saison noch einer der Aktivposten der Bremer, hat sich auf der Suche nach seiner Form wohl hoffungslos verlaufen und muss zumeist auch mit der Außenbahn vorliebnehmen. An der Einstellung von Fin Bartels gibt es zwar nie etwas zu deuteln, doch die Chancenverwertung des Mittelfeldrenners ist desaströs. Gegen den HSV hätte er kurz nach der Pause im Alleingang das 0:2 wettmachen können, vergab seine Möglichkeiten aber kläglich. Und den vor der Saison stark geredeten Maximilian Eggestein verbannte Skripnik nach Anpassungsproblemen zum Bundesliga-Start genauso fix wieder auf die Bank wie andere Talente, die das Vertrauen des Trainers bräuchten.

Pizarro fehlen die Wegbereiter

Zum Beispiel Levin Öztunali, dem ein großes Potenzial bescheinigt wird. Der Enkel von Uwe Seeler hatte bestimmt darauf gebrannt, gegen den Club seines Großvaters von Beginn an aufzulaufen, er durfte aber nur in der letzten Viertelstunde ran. Auch die Rückholaktion von Claudio Pizarro hat bislang wenig Rendite abgeworfen. Der 37-Jährige lässt, wie bei seinem Treffer in Augsburg, zwar hin und wieder seine fußballerische Klasse aufblitzen. Doch Pizarro ist nicht mehr in der Form seiner Glanzzeiten, in der er Spiele allein entscheiden konnte. Vor allem fehlen ihm die Wegbereiter. Und das dürfte auch so bleiben. Zwar wagte Skripnik schon einen sachten Vorstoß in Richtung personelle Verstärkungen in der Winterpause, doch angesichts leerer Kassen wird Werder an der Qualität etwaiger Neuzugänge Abstriche machen müssen.

Wird Dutt zum Stolperstein?

Skripnik ist mit seiner wortkargen Art sicherlich auch niemand, der eine Mannschaft mit Verbal-Akrobatik anstacheln kann. Torsten Frings versuchte es nach dem Wolfsburg-Debakel ("tote Truppe", "keiner ist gesetzt"). Doch viel Wirkung erreichten auch die Worte des ehemaligen Anführers nicht. Der Mann, dessen Erbe Skripnik vor einem Jahr als Werder-Trainer angetreten hatte, könnte nun zum Stolperstein für ihn werden: Robin Dutt. Der Stuttgarter Sportdirektor hat beim VfB gerade Alexander Zorniger entlassen. Verlieren die Bremer am kommenden Sonntag auch im Schwabenland, dann dürfte für Skripnik die Luft langsam dünner werden, auch wenn Thomas Eichin beteuerte: "Auch nach dem nächsten Spiel in Stuttgart wird es keine Trainerdiskussion bei uns geben." Der Manager ahnte aber auch, welcher Spießrutenlauf nach der No-go-Niederlage gegen den HSV bis Weihnachten folgen wird, zumal derzeit in Frage steht, ob Werder nach den Spielen gegen Stuttgart, Köln und Frankfurt - wie in der Vorsaison - zumindest auf 17 Punkte kommt. "Wir haben jetzt drei ganz, ganz wichtige Spiele, wo der Druck jeden Tag größer wird. Den gilt es auszuhalten", sagte Eichin. Für die Fans, die frühzeitig das Weserstadion verließen, war die Schmerzgrenze bereits am Sonnabend überschritten.

Hamburger SV feiert Sieg im 103. Nordderby

Der HSV hat erstmals seit achteinhalb Jahren ein Bundesligaspiel im Weserstadion gewonnen. Werder Bremen geht nach der fünften Heimniederlage in Serie ganz schweren Zeiten entgegen. mehr

18 Bilder

Nordderby: Hamburg klettert - Bremen rutscht ab

Der Hamburger SV hat das 103. Nordderby gegen Werder Bremen mit 3:1 für sich entschieden. Der HSV klettert in der Tabelle weiter nach oben, Bremen steckt hingegen im Abstiegskampf. Bildergalerie

20 Bilder

Werder Bremens bitterste Abgänge

Ob Mesut Özil, Mario Basler oder auch Rudi Völler: Bremen hat schon so manchen Top-Spieler für gutes Geld ziehen lassen müssen. Die schmerzlichsten Werder-Abgänge. Bildergalerie

26 Bilder

Die bittersten Abgänge des HSV

Von Hrubesch bis Son: Seit 1983 hat der HSV immer wieder seine größten Stars abgegeben und dadurch sportliche Rückschläge erlitten. Ein Überblick. Bildergalerie