Stand: 03.02.2016 10:15 Uhr

Die drei Leben des Martin Abraham Stock

von Andreas Bellinger, NDR.de
Martin Abraham Stock (M.) sagt Tschüs: Sepp Herberger (r.) und DFB-Geschäftsführer Georg Xandry verabschieden ihren Vorstandskollegen, der 1950 nach Brasilien emigriert.

Der Hamburger Martin Abraham Stock war Sportler mit Leib und Seele. Er war Fußballer, Schiedsrichter und schließlich erster Jude im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes. Warum der Holocaust-Überlebende trotz aller Verdienste nie wirklich Anerkennung fand, beschreibt Historiker Arthur Heinrich in einem umfänglich recherchierten Buch. Teil fünf der Serie über den Hamburger Fußball im Nationalsozialismus.

Das Bild ist vergilbt und ziemlich unscharf. Fast sechs Jahrzehnte lag es in einer Schublade. Vergessen wie der weißhaarige Mann, der auf dem Schnappschuss so zufrieden erscheint. Der Händedruck von Fußball-Bundestrainer Sepp Herberger macht ihn augenscheinlich stolz und beider Blick spiegelt wider, wonach sich Martin Abraham Stock, der leidenschaftliche Fußballer und Funktionär, immer gesehnt hatte: integriert zu sein und akzeptiert - auch als Jude im Deutschland der NS-Zeit.

Als Jude im deutschen Fußball

Als das Bild dem Historiker Arthur Heinrich mehr zufällig in die Hände fiel, blieb sein Blick zunächst bei Weltmeister-Trainer Herberger haften. Doch schon der zweite Gedanke galt dem ihm unbekannten Stock. Der hatte die Nazi-Herrschaft überlebt, obwohl er in mehreren Arbeits- und Vernichtungslagern interniert war. Und er hatte sich nach dem Krieg als Spielausschuss-Vorsitzender im Mai 1950 sogar bis in den Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) emporgearbeitet. Diesem Martin Stock, der seinen zweiten Vornamen im Dritten Reich meistens verschwieg, gehörte fortan Heinrichs Interesse - und aus dem ehedem unscharfen Bild wurden nach monatelanger Recherche gut 300 Seiten über einen Juden im deutschen Fußball. Ein Buch über einen Sportler aus Leidenschaft, der dazugehören wollte, sich stets arrangierte - und trotzdem nie vollends geachtet und anerkannt wurde.

Lobhudelei statt Anerkennung

Der Aufstieg des Fußballs

Begünstigt durch den neuen Achtstunden-Arbeitstag und die zunehmende Berichterstattung steigt der Fußball in den 1920er-Jahren zum Massensport auf. Das erste Endspiel um die "bürgerliche" deutsche Meisterschaft sahen 1903 in Altona nur 2.000 Menschen, 1928 waren es beim Sieg des Hamburger SV im Endspiel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Altona schon 42.000 Besucher. Um 1930 zählte der DFB mehr als eine Million Mitglieder.

Als sich Stock nach nur wenigen Monaten, im Oktober 1950, entschloss, Deutschland doch zu verlassen und seinem Bruder nach Brasilien zu folgen, wurde er von Herberger und  DFB-Generalsekretär Georg Xandry verabschiedet. Das zumindest. Und auch Präsident Peco Bauwens dankte dem "lieben Kameraden und Freund" für seine "selbstlose und aufopferungsvolle Mitarbeit" beim sportlichen Wiederaufbau. Aber es war eben auch eine Lobhudelei ohne Substanz vom Chef eines Verbandes, in dem viele NSDAP-Mitglieder auch nach dem Krieg weiter das Sagen hatten. Dass Stock als Jude und Verfolgter des NS-Regimes schreckliches Leid erduldet hatte, erwähnte der 1934 nach nur einem Jahr in der NSDAP wieder ausgeschlossene Bauwens (seine Frau war Jüdin) nicht.

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