Stand: 12.10.2017 12:39 Uhr

Die blinden Torjäger des FC St. Pauli

von Charlotte Horn, NDR Info

Viele blinde und sehbehinderte Menschen versuchen, möglichst selbstständig zu sein und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. In Hamburg bietet ihnen dazu unter anderem der FC St. Pauli Gelegenheit - in der Blindenfußball-Mannschaft. Das Team spielt mit Spaß und noch dazu sehr erfolgreich: Erst vor wenigen Wochen wurde es deutscher Blindenfußball-Meister. NDR Info war beim Training dabei und hat den Kapitän getroffen.

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Abwehrspieler Rasmus Narjes ist der Kapitän der Blindenfußball-Mannschaft des FC St. Pauli.

Rasmus Narjes dribbelt konzentriert den Ball zwischen seinen Füßen. Auf dem Rücken des braunen FC-St.-Pauli-Trikots prangt die Nummer sieben. Der 17-Jährige spielt einen kurzen Pass zu einem seiner Mannschaftskollegen.

Fußball von Sehenden und Fußball bei den Sehbehinderten sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Vor den Augen tragen die Spieler blickdichte Brillen, die zum Schutz mit Schaumstoff gepolstert sind. Alle Spieler haben so die gleichen Bedingungen, egal wie stark sehbehindert sie sind.

Die Blindenfussball-Mannschaft des FC St. Pauli beim Training. © NDR Fotograf: Charlotte Horn

Blindenfußballer müssen gut aufeinander hören

NDR Info - Aktuell -

Rasmus Narjes spielt erfolgreichen Blindenfußball beim FC St. Pauli. Er erzählt, wie er auf dem Platz zurecht kommt - und was er sich außerhalb des Platzes wünscht.

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Sehende Guides rufen die Spieler in Richtung Tor

Damit sich die Spieler auf dem Feld orientieren können, klingt der Ball wie eine Rassel. Und damit sie sich gegenseitig hören, rufen die Spieler immer "Voy" - das ist spanisch und heißt übersetzt: "Ich gehe". Genau dieses Abstimmen ist beim Blindenfußball besonders wichtig, sagt Abwehrspieler Rasmus, der auch Mannschaftskapitän ist: "Man spielt vier gegen vier. Und dann gibt es noch den Torwart, der sehen kann, und den Trainer. Der gibt von der Mitte Anweisungen." Hinter den beiden Toren stehen außerdem noch sogenannte Guides. Auch sie können sehen. Sie rufen Kommandos und weisen den Spielern auf diese Weise den Weg zum Tor. "So ist es ein Sport mit Sehenden und Blinden, also wie im normalen Leben auch."

Rasmus Narjes weiß sich zu behaupten

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Gemeinsame Sache: Zu einer Blindenfußball-Mannschaft gehören sehbehinderte und sehende Menschen.

Während Rasmus Narjes erzählt, sind seine Augen unbestimmt ins Leere gerichtet. Seit seiner Geburt ist der 17-Jährige blind. Er sieht nur helle und dunkle Flecken. Schon als Kind hat er am Radio Fußballspiele verfolgt, und er wollte natürlich auch selbst spielen. Sein Ziel ist es vor allem, selbstständig zu sein, alleine zur Schule oder zum Training zu fahren.

In den Räumen der Sporthalle an der Hamburger Blindenschule findet sich der großgewachsene Jugendliche gut und sicher zurecht: "Ich fühle mich überhaupt nicht benachteiligt. Ich muss mich halt einfach nur durchkämpfen. Manchmal ist es ein bisschen hart in der Schule. Die anderen kriegen Arbeitsblätter und für mich müssen die erstmal barrierefrei gestaltet werden. Das ist natürlich manchmal ein Kampf. Genau das möchte ich eben. Und im Blindenfußball ist das auch manchmal ein Kampf, sich einzubringen und im Team mit anderen Leuten zu spielen."

Erfolge auf dem Spielfeld, Ärgernisse im Alltag

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Beim Training ist auch Rasmus' Mutter Ulrike dabei: Sie hilft dieses Mal im Tor aus. Stolz verfolgt sie ihren Sohn auf dem Spielfeld: "Als Rasmus geboren wurde und wir erfahren haben, dass er blind ist, haben wir auch gedacht: 'Naja, was wird kommen?' Dass es so toll wird, hätten wir nicht gedacht!"

Über den deutschen Meistertitel hat sich Rasmus sehr gefreut. Auf dem Fußballplatz fühlt er sich gleichberechtigt. Das ist im Alltag anders: Oft stört ihn, wie Menschen mit ihm als Blindem umgehen, zum Beispiel, wenn er das richtige Gleis am Bahnhof sucht: "Ich würde sagen, wenn man sieht, okay, die gehen ganz langsam, die wissen nicht Bescheid, dann kann man die ruhig mal ansprechen: Soll ich dir helfen? Aber man sollte den Blinden auf keinen Fall anfassen und ihn irgendwohin mitnehmen."

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"Ich renne durch den dunklen Raum und jubele"

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Rasmus fordert Blinde zu mehr Mut auf

Der 17-Jährige wünscht sich, dass blinde Menschen mehr unterstützt werde. Er habe das Gefühl, dass der Staat versuche, die Hilfe auf das Nötigste zu beschränken - zum Beispiel, wenn man einen höheren Bildungsabschluss mache: "Aber sonst finde ich, sollten Blinde noch viel mehr Sachen einfordern. Wie eingeschüchtert viele Blinde umher laufen oder zu Hause sitzen und nichts machen, da sind die Leute selbst gefordert. Ich meine, nur weil man nicht sehen kann, da ist es ja trotzdem wohl möglich zu sprechen, was zu fragen und sich weiterzuentwickeln."

In zwei Jahren macht Rasmus Narjes sein Abitur. Danach will er "in der Juristen-Szene einsteigen", wie er sagt. Gerechtigkeit interessiere ihn. Und auf dem Fußballfeld? Im April 2018 tritt der Abwehrspieler vielleicht mit dem deutschen Team bei der U23-Blindenfußball-WM in Argentinien an. Sein Trainer ist sich sicher, dass er einen Platz in der Mannschaft bekommen wird.

Zwei Männer stehen an einem Fussballplatz.

Ägypten: Blindenfußball in Kairo

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Ali ist Professor und begeisterter Fußballspieler. Eine Herausforderung für ihn, denn er ist blind. Gemeinsam mit blinden Mitspielern spielt er in der ersten Blindenfußballmannschaft Ägyptens.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 12.10.2017 | 07:50 Uhr

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