Stand: 15.02.2016 11:09 Uhr

Rudnevs: Auferstehung eines Aussortierten

von Andreas Bellinger, NDR.de
Es läuft: Artjoms Rudnevs hat sich zurück ins Team gekämpft - und trifft auch wieder.

Auf einmal ist er Brunos Bester. Was ein Tor doch alles bewirken kann. Plötzlich überschlagen sich sogar die Kollegen mit Lob und Anerkennung. Der Trainer fühlt sich bestätigt, ihm das Vertrauen geschenkt und nach fast genau einem Jahr wieder einen Platz in der Anfangsformation des Hamburger SV gegeben zu haben. Und die Zuschauer wollen gleich gar nicht mehr von ihm lassen, von "Rudi", dem Schützen des vorentscheidenden zweiten Tores am Sonntagnachmittag beim 3:2 des fast drei Monate lang daheim sieglosen Hamburger SV gegen Borussia Mönchengladbach. Mit Ovationen überschütteten sie Artjoms Rudnevs schon bei seiner Auswechslung elf Minuten vor dem Ende. Und nach dem Spiel gaben sie erst Ruhe, als der 28-Jährige endlich zu ihnen über den Zaun geklettert war. "Ich habe Rudi nach dem Spiel einen Ruck gegeben, dass er sich auch ruhig mal von den Fans feiern lassen kann", sagte Lewis Holtby. Ein bisschen Hollywood an der Elbe. Das gefällt dem kleinen Mittelfeldakteur, dem schon als Missverständnis titulierten Rudnevs ist das Ballyhoo dagegen eher unangenehm.

Ungewohntes Bad in der Menge

Diesmal allerdings schien es anders zu sein. Strahlend und für seine Verhältnisse fast euphorisch genoss Rudnevs das Bad in der Menge der treuesten der treuen HSV-Fans, die sich ihn und nur ihn für das Sieges-Ritual in der Nordkurve ausgesucht hatten. Rudnevs war für sie der Star des Abends - auch wenn Trainer Labbadia später meinte: "Es ist schön, wie das Publikum ihn gefeiert hat. Wenn ich da oben gestanden hätte, hätte ich aber auch Emir Spahic gerufen. Er hat ein überragendes Spiel gezeigt." Nur keinen Überschwang aufkommen lassen? "Schon am Freitag wartet in Frankfurt ein Gegner auf Augenhöhe auf uns", sagte auch der mit 71 Prozent gewonnener Zweikämpfe in dieser Kategorie diesmal beste HSVer, Aaron Hunt.

"Will meine Leistung bestätigen"

Dabei ist es gar nicht notwendig, Rudnevs davor zu bewahren, nach nur einem bärenstarken Spiel abzuheben. Schon gar nicht besteht bei ihm die Gefahr von allzu großen Tönen - erst recht nicht in der Öffentlichkeit. Interviews gibt er schon länger nicht mehr. Dass er via Twitter zumindest seinen "Dank für die Unterstützung" übermitteln ließ, dürfte die HSV-Pressestelle einige Mühe gekostet haben. Zumal Rudnevs auch noch einen zweiten Satz folgen ließ, der da heißt: "Mehr möchte ich im Moment nicht sagen; ich möchte erst meine Leistung bestätigen." Ihm diese Möglichkeit zu verwehren, dürfte Labbadia kaum mehr in den Sinn kommen. Für seine Idee, den zuletzt formschwachen Pierre-Michel Lasogga für Rudnevs aus dem Team zu nehmen, durfte sich der Coach zu recht loben lassen. "Wir haben vorne gewechselt, weil Rudi zuletzt viel Energie in unser Spiel gebracht hat und wir das einfach brauchen." Es war der verdiente Lohn für sein Joker-Tor in Stuttgart und die Tor-Vorlage im Heimspiel gegen Köln.

Jeder bekommt seine Chance

Labbadia nutzte die unerwartete Steilvorlage aber auch, um noch einmal Grundsätzliches los zu werden: "Wie schon häufiger erwähnt", dozierte der Trainer, "ist Rudi das perfekte Beispiel dafür, dass jeder Spieler bei uns seine Chance bekommen kann." Ivo Ilicevic, der Schütze des letztlich entscheidenden dritten Tores, ist noch so ein Aussortierter, der sich gegen Gladbach in den Vordergrund spielen durfte. Nach seinem Kopfstoß im Training gegen Michael Gregoritsch und anschließender Suspendierung begnadigte ihn Labbadia - und durfte sich nicht zuletzt wegen des Kopfballtreffers bestätigt fühlen. Labbadia: "Wir sind mit dem Vorfall ganz klar umgegangen und nun hat er sich mit dem Tor belohnt."

Rudnevs will partout nicht weg

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Ziemlich beste Freunde: Artjoms Rudnevs und Trainer Bruno Labbadia verstehen sich wieder.

Der Star des Abends aber war einer, den es eigentlich gar nicht mehr beim HSV hätte geben sollen. Zumindest ist es eine dieser eher seltenen Geschichten im Profifußball, in dem der Wechsel des Arbeitgebers aus vielerlei Gründen meist mehr früher als später an der Tagesordnung steht. Dass sich ein Spieler trotz aller Probleme und Hindernisse durchbeißen will, ist eher die Ausnahme. Zumal, wenn durchaus attraktive Angebote vorliegen, wie es bei Rudnevs der Fall gewesen sein soll. Hannover wollte die Ausleihe im vorigen Jahr zwar nicht verlängern. Aber England, Griechenland und Türkei hießen die Alternativen, die der Lette für Hamburg aber partout nicht eintauschen wollte.

Zweifel sind erlaubt

Monatelang wie ein Aussätziger behandelt, vom Trainer verschmäht und auf die Tribüne verbannt, ließ sich Rudnevs nicht den Glauben an sich und seine Möglichkeiten rauben. Eine scheinbar unglaubliche Geschichte, die sich allein an der Währung des Profifußballs markant ablesen lässt. Laut "Transfermarkt" sank der Marktwert des lettischen Nationalspielers seit seiner Verpflichtung im Juli 2012 von 6,5 Millionen Euro auf nun knapp eine Million. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass der HSV den Vertrag im Juni auslaufen lassen will. Oder doch nicht? Erste Zweifel soll es schon geben.