Stand: 01.09.2016 11:47 Uhr

90 Minuten Freiheit: Die Knastkicker in "Santa Fu"

von Andreas Bellinger, Anne Strauch und Boris Poscharsky
Trainer Gerd Mewes ist seit 35 Jahren Trainer von Eintracht Fuhlsbüttel. Ans Aufhören denkt der 71-Jährige noch lange nicht.

Eintracht Fuhlsbüttel hat nur Heimspiele. Die Knastkicker von Trainer Gerd Mewes spielen in der untersten Kreisklasse - und sind dort eine Klasse für sich. 149 Tore haben die "schweren Jungs" in ihrer besten Saison geschossen. Dem Sportclub verrät Mewes, warum er nach 35 Jahren in "Santa Fu" nicht müde wird, Trainer von Mördern, Räubern und Terroristen zu sein.

Schmuddelwetter beim Lokaltermin. Passend zum Ambiente: trist, nass und ungemütlich. Der Grandplatz hinter hohen Mauern und Stacheldraht steht zur Hälfte unter Wasser. Fußball spielen? Wohl eher ist es ein Sonntagmorgen, an dem man sich noch mal im Bett rumdreht. Nirgends sonst würde ein Schiedsrichter auf diesem knöcheltiefen roten Sand wohl ein Punktspiel anpfeifen. Hier schon, im Hochsicherheitsgefängnis von "Santa Fu". Schließlich ist es in der JVA Hamburg-Fuhlsbüttel der Höhepunkt der Woche: diese Partie der untersten Kreisklasse gegen die 3. Herrenmannschaft des Barsbütteler SV. 90 Minuten Freiheit darf kein Schmuddelwetter vermasseln.

Alles gute Jungs?

"Ohne Sport ist scheiße hier drinnen", sagt einer der Knast-Sportler. Die Spieler von Trainer Gerd Mewes denken so: "Wir leben von Mittwoch bis Sonntag - Mittwoch ist Training und Sonntag ist Spiel." Seit 35 Jahren betreut Mewes Eintracht Fuhlsbüttel. Auf sein Team hält er große Stücke. "Es hat eine ganze Reihe von Spielern gegeben, die ich mochte und eine ganze Reihe, die ich nicht mochte. Sie kommen und gehen und sind sympathisch wie im richtigen Leben." Ein Spieler des Barsbütteler SV sagt: "Das sind alles gute Jungs." Alles gute Jungs? Darüber lässt sich bestimmt streiten.

Dealer, Mörder und ein Terrorist im Team

Das weiß auch Mewes, der schon Drogendealer, Mörder und sogar einen Terroristen im Team hatte. Mounir al-Motassadeq heißt der im Zusammenhang mit dem Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York Verurteilte. "Er hat sich vom Fußball wieder entfernt und abgesondert", erzählt Mewes. Die grauenvollen Bilder des Anschlags hat er oft vor Augen. Und doch sagt er über seinen ehemaligen Spieler: "Mir gegenüber war er immer höflich, zuvorkommend, nett." Wer das nicht ist im Team von Eintracht Fuhlsbüttel, ist die längste Zeit dabei gewesen. "Die Teilnahme an den Spielen hängt davon ab, wie der Gefangene sich im Vollzug verhält", erklärt JVA-Leiter Lars Röhrig. "Wenn einer gegen die Regeln verstößt, kann er am Fußballspiel nicht teilnehmen." Gegen Barsbüttel traf der Bannstrahl den Torhüter. Warum? Das weiß nicht einmal der Coach. Er würde es aber auch nicht sagen.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 12.09.2016 | 00:05 Uhr

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