Stand: 12.09.2012 15:41 Uhr

Europacup 1977: Sieg der Physis

von Utz Rehbein, NDR.de
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Georg Volkert verwandelt den Elfmeter eiskalt zum 1:0 gegen Anderlecht.

Ungewöhnlich konzentriert schaut Georg Volkert drein, als er sich den Ball nimmt. Er lässt sich vom Schiedsrichter brav die Pfeife zeigen, was bedeuten soll, dass der Strafstoß nicht vor dem Pfiff auszuführen ist. Kein Grinsen. Der HSV-Linksaußen geht weit zurück, schnupft beide Nasenlöcher aus, läuft entschlossen an und schlenzt den Ball halbhoch zum 1:0 ins linke Toreck. Am 11. Mai 1977 gewinnen Volkert und sein HSV unter Amsterdamer Flutlicht den Europapokal der Pokalsieger, ihren ersten internationalen Titel. In der Nachspielzeit wird es sogar noch ein 2:0 im Finale gegen Belgiens Serienmeister RSC Anderlecht. Volkert gibt den Assist-Pass, der junge HSV-Neuzugang Felix Magath spielt seine Technik aus und trifft aus wenigen Metern. Triumphator Volkert kickt schon seit sieben Jahren in der Hansestadt. Geholt wurde er, um die schräge Stürmerikone Charly Dörfel zu ersetzen. Der Franke erwies sich nach Anfangsschwierigkeiten als Idealbesetzung: beidfüßig, dribbelstark bis zur Genialität, torgefährlich, clever, eitel. Mit Schnauzbart mutete er zeitweilig als Doppelgänger eines populären TV-Ermittlers an, bei der Rückennummer auf dem Trikot legte er Wert auf eine nach oben hin trichterförmig auseinandergehende 11: macht ein breites Kreuz.

Identifikationsfigur Volkert

Der Weg ins Finale '77

1. Runde:
HSV - IB Keflavik 3:0 (Tore: Zaczyk, Reimann, Hidien)
IB Keflavik - HSV 1:1 (Hidien)
Achtelfinale:
HSV - Hearts of Midlothian 4:2 (Björnmose, Eigl, Reimann, 1 Eigentor)
Hearts - HSV 1:4 (Eigl 2, Magath 2)
Viertelfinale:
MTK Budapest - HSV 1:1 (Volkert)
HSV - MTK Budapest 4:1 (Reimann 2, Kaltz, Zaczyk)
Halbfinale:
Atletico Madrid - HSV 3:1 (Magath)
HSV - Atletico Madrd 3:0 (1 Eigentor, Reimann, Keller)

Über Jahre füllt der HSV-Elfer ("Als guter Linksaußen landest Du entweder in der Nationalmannschaft oder in der Klapsmühle") in Ermangelung anderer Persönlichkeiten in der Mannschaft die Rolle der Identifikationsfigur aus. Die Fans fordern sein Comeback im DFB-Team. Aber die Sympathien von Bundestrainer Schön hatte Volkert sich schon vor seiner HSV-Zeit verscherzt - nachdem der ihn während einer Südamerikareise 1968 nachts unter dem Tisch einer Hotelbar hervorzerren musste. Die Anhänger hingegen verzeihen ihrem Schorsch alles, sogar seine ökonomische Spielweise. Zufall oder nicht - immer während Vertragsverhandlungen steigt Schlitzohr Volkerts Eifer in Bundesligaspielen spürbar an. Im Frühjahr 1977 läuft mal wieder ein Vertragspoker - mit Manager Dr. Peter Krohn, der den 31 Jahre alten Star schon mal für kurze Zeit suspendiert und Fanproteste hervorgerufen hat. Im Finale von Amsterdam ist Volkert umgeben von anderen Ex-Nationalstürmern, die Krohn vor der Saison angeheuert hat: Mittelstürmer Ferdi Keller (ein Länderspiel), Rechtsaußen Arno Steffenhagen (ein Länderspiel). Letzterer nach langem, unfreiwilligem Südafrika-Gastspiel, weil er 1972 in den Bundesligaskandal verwickelt war. Ein Foul an Steffenhagen führt zu Volkerts spielentscheidendem Strafstoß.

HSV gegen Anderlecht physisch überlegen

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Willi Reimann (r.) im Europapokal-Finale - im von HSV-Manager Peter Krohn entworfenen rosa Trikot.

Entscheidend ist gegen den belgischen Spitzenclub, der die niederländischen Weltstars Rob Rensenbrink und Arie Haan aufbietet, am Ende aber auch die überlegene Physis der Hamburger. Die verdanken sie ihrem Trainer Kuno Klötzer, und hinterher zeigen sie ihm ihre Dankbarkeit. Als Volkert & Co. den Coach auf den Schultern über den Rasen tragen, schreitet Generalmanager Krohn im schwarzen Ledermantel wie ein Todesbote hinter der Spielertraube her. Die Trennung vom Trainer steht seit zwei Monaten fest, Krohn hat sich längst mit dem schillernden 60er-Retrocoach Rudi Gutendorf ("Riegel-Rudi") zusammengetan. Der ist zwar gerade mit Tennis Borussia Berlin aus der Bundesliga abgestiegen, verfügt aber über das elaboriertere Vokabular.

Krohn und Klötzer - das passt nicht

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HSV-Trainer Kuno Klötzer musste trotz des Europapokal-Erfolges gehen.

Für den wenig wortgewandten Klötzer, seit fast vier Jahren das Sinnbild ehrlicher Arbeit beim HSV, hat Krohn nicht einmal nach dem Europapokal-Erfolg ein versöhnliches Wort übrig. "Die Welt des Herrn Klötzer", ätzt er, "sind die Stinkes und Wübkes." Gemeint sind zwei aus dem Hamburger Amateurbereich verpflichtete Perspektivkräfte namens Spincke und Wöbcke. Krohn arbeitet gerade an der Verpflichtung des englischen Weltstars Kevin Keegan. Komplimente für "Ritter Kuno" hören sich aus Krohns Mund so an: "Ich mag ihn, weil er der alte Turnlehrer-Typ ist." Matchwinner Volkert wird Krohn, dem er letztlich einen neuen Vertrag plus Gehaltserhöhung aus dem Kreuz leiert, beim HSV um ein gutes halbes Jahr überleben: Ende Oktober 1977, nur fünf Monate nach dem großen Abend von Amsterdam, werfen die inzwischen hoffnungslos zerstrittenen Krohn und Gutendorf das Handtuch. Georg Volkert wird am Saisonende vom neuen HSV-Manager Günter Netzer nach Stuttgart verkauft.

Hamburger SV - RSC Anderlecht 2:0 (0:0)
Tore: 1:0 Volkert (FE, 80.), 2:0 Magath (90.)
Zuschauer: 58.000
HSV: Kargus - Kaltz, Ripp, Nogly, Hidien - Memering, Magath, Reimann  - Steffenhagen, Keller, Volkert
Anderlecht: Ruiter - van Binst, van den Daele, Thissen, Broos - Haan, Coeck, Dockx (83. Poucke), van der Elst - Ressel, Rrensenbrink

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 29.09.2012 | 22:00 Uhr

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