Windenergie in Norddeutschland
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Ministerpräsident Erwin Sellering, Kanzlerin Angela Merkel und Boris Schucht vom Netzbetreiber 50Hertz bei der Inbetriebnahme der neuen Stromtrasse.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Dienstag in Schwerin eine neue Starkstromleitung in Betrieb genommen. Die Stromtrasse verläuft zwischen dem Schweriner Ortsteil Görries und dem schleswig-holsteinischen Krümmel bei Geesthacht und schließt eine Lücke im Stromnetz zwischen Ost und Westdeutschland. Sie soll unter anderem den Großraum Hamburg künftig besser mit Strom aus dem Nordosten versorgen, das Netz stabilisieren und die Wahrscheinlichkeit von Blackouts verringern. 70 Kilometer der Trasse verlaufen durch Mecklenburg-Vorpommern, 19 Kilometer durch Schleswig-Holstein. Planung und Bau der 380-Kilovolt-Leitung des Netzbetreibers 50Hertz kosteten 93 Millionen Euro und dauerten zehn Jahre. Die Trasse von Schwerin bis zur Landesgrenze stand bereits 2010. Für das Teilstück in Schleswig-Holstein kam der Planfeststellungsbeschluss erst im April 2012.
Merkel hob bei der Inbetriebnahme hervor, die neue Leitung stehe "symbolisch für Vieles, was noch geschafft werden muss in unserem Land". Zum Gelingen der Energiewende müssten noch viele weitere neue Stromleitungen gebaut werden. "Ich bin sehr dafür, dass wir uns auf das Notwendige beschränken", sagte die Kanzlerin. "Aber das sind Tausende von Kilometern." Merkel kündigte an, bis zum Sommer des kommenden Jahres das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu reformieren. Dabei wolle sie darauf achten, "dass wir dort die erneuerbaren Energien fördern, wo sie am günstigsten erzeugt werden können". Zudem müsse die Befreiung vieler industrieller Großverbraucher von der Ökostrom-Umlage auf den Prüfstand.
Die neue Stromleitung ist laut 50Hertz die vierte Verbindung zwischen alten und neuen Bundesländern seit der sogenannten elektrischen Wiedervereinigung im Jahr 1995. Die Versorgungssicherheit des Großraums Hamburg erreiche nun wieder das Niveau wie vor dem Abschalten des Atomkraftwerks Unterweser nach der Katastrophe von Fukushima. Die Reaktoren in Brunsbüttel und Krümmel hatten wegen Pannen bereits zuvor die meiste Zeit stillgestanden.
Die neue Starkstromtrasse zwischen Schwerin und Krümmel ist aus Sicht des Netzbetreibers 50Hertz nur ein "Mosaikstein zur Umsetzung der Energiewende".
50Hertz betreibt das Übertragungsnetz in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, Boris Schucht, sprach von einem "Mosaikstein zur Umsetzung der Energiewende". Er wies darauf hin, dass das Übertragungsnetz weiter ausgebaut werden müsse, insbesondere in Nord-Süd-Richtung. "Wir sehen, dass es noch einen erheblichen Nachholbedarf gibt." Die hohen Investitionskosten seien notwendig, sagte Schucht. "Die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif." Wenn jedoch ineffiziente fossile Kraftwerke im Südwesten Deutschlands laufen müssten, weil der Strom aus effizienten Kraftwerken im Nordosten nicht in die Verbraucherzentren gelange, sei das noch teurer.
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) bezeichnete die neue Stromleitung als "wichtigen Schritt für den Ausbau leistungsfähiger Übertragungsnetze". Die Energiewende sei eine große nationale Aufgabe. "Um erfolgreich zu sein, müssen wir über die Ländergrenzen hinaus zusammenarbeiten, um unsere Kräfte zu bündeln." Sellering sagte, Mecklenburg-Vorpommern wolle in Zukunft noch mehr Strom in andere Bundesländer exportieren. Im Nordosten wird bereits mehr als die Hälfte des Stroms regenerativ erzeugt.
Der Ausbau des Stromnetzes gilt als mitentscheidend für das Gelingen der Energiewende. Die bislang 52 Windräder vor den deutschen Küsten von Nord- und Ostsee bringen es laut Branchenverband auf eine Gesamtleistung von 200 Megawatt, 30.000 Megawatt halten Experten auf absehbare Zeit für realistisch. Das wäre mehr als die Gesamtleistung der deutschen Kernkraftwerke, die auf Beschluss der Bundesregierung alle bis spätestens 2022 abgeschaltet werden sollen.
Ausbau und Optimierung des Netzes sind Ziel des neuen Netzentwicklungsplans, den das Bundeskabinett in Berlin am Mittwoch beschloss. Denmach sollen in den kommenden Jahren drei Nord-Süd-Stromtrassen von insgesamt 2.800 Kilometern Länge entstehen, die Windstrom in den Süden sowie in den Westen leiten. Weiterhin ist vorgesehen, 2.900 Kilometer im vorhandenen Höchstspannungsnetz derart zu verbessern, dass sie mit der schwankenden Ökostrom-Einspeisung umgehen können.
Doch auch die unteren Netzebenen müssen weiter ausgebaut werden, um vor allem den regional neu produzierten Wind- und Solarstrom zu den großen Verteilerautobahnen zu transportieren. Einer Studie der halbstaatlichen Deutschen Energie-Agentur (Dena) zufolge ist hier bis 2030 mit einem Neubaubedarf zwischen 135.000 und 193.000 Kilometern zu rechnen, bis zu 25.000 Kilometer seien umzubauen. Vermutliche Kosten: 27,5 bis 42,5 Milliarden Euro.
In Deutschland gibt es vier Betreiber von Höchstspannungsleitungen - den sogenannten Stromautobahnen: Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW. Sie speisen den Großteil des Stroms ein und verteilen ihn über lange Distanzen. Hinzu kommen rund 735 Verteilnetzbetreiber, darunter viele Stadtwerke, die den Strom vor Ort zum Verbraucher bringen.
Das gesamte Stromnetz umfasst laut Bundesnetzagentur derzeit 1,9 Millionen Kilometer. Über die Verteilnetze werden rund 97 Prozent der erneuerbaren Energien eingespeist - sie waren aber bisher nicht dafür ausgelegt, dass überall Wind- und Solarstrom im großen Stil erzeugt wird. Die größte Herausforderung bei der Energiewende ist der Ausbau der Stromautobahnen.
Das Netz in Deutschland im Einzelnen:
Höchstspannung (380 Kilovolt): 34.797 Kilometer
Hochspannung (110 oder 60 Kilovolt): 95.022 Kilometer
Mittelspannung (30 bis 3 Kilovolt): 532.894 Kilometer
Niederspannung (400 oder 230 Volt): 1.241.361 Kilometer
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