Stand: 15.10.2015 14:00 Uhr  | Archiv

"Männer trauern einfach anders"

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Martin Kreuels weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer der Verlust eines geliebten Menschens zu verarbeiten ist.

Der 46 Jahre alte Martin Kreuels ist ein gefragter Mann. Er reist durch die Lande und weist bei Lesungen und Vorträgen auf die großen Unterschiede in der Trauerarbeit von Frauen und Männern hin. Kreuels weiß, wovon er redet. Seine Frau starb 2009 an Krebs. Der Biologe blieb mit den vier gemeinsamen Kindern zurück. Über seine Erfahrungen in dieser Zeit schreibt er in seinem Buch "Männer trauern anders". Gerade war Kreuels als Redner auf der Hamburger Hospizwoche zu erleben - es ist die bundesweit größte ihrer Art. Mit seinen Kindern lebt Kreuels im ostfriesischen Bunde. NDR.de hat mit ihm über das Phänomen Trauer gesprochen.

Sie sagen: Männer trauen anders. Inwiefern?

Martin Kreuels: Männer sprechen sehr wenig über ihre Trauer, sie fressen sie in sich hinein. Bei Frauen ist das ganz anders: Wenn man sie auf ihre Trauer anspricht, halten sie gleich einen Monolog. Sie können viel besser über ihre Gefühle reden.

Trauern Männer nicht so stark, beispielsweise beim Verlust eines Kindes?

Kreuels: Nein, das lässt sich so nicht sagen. Sie gehen mit ihrer Trauer einfach anders um. Frauen bleiben schon mal wochenlang im Bett liegen. Männer hingegen stürzen sich in die Arbeit oder in sportliche Aktivitäten wie Joggen und Radfahren. Oder sie gehen mit Kumpels öfter einen trinken. Das Problem dabei ist: Frauen verstehen das nicht, weil sie stets von ihrer Art der Trauer ausgehen. Und so kommt es schnell zu Vorwürfen in einer Beziehung. Denn beide Seiten bewerten die Trauer des anderen. Es verwundert daher nicht, dass rund 90 Prozent der Ehen nach dem Tod eines gemeinsamen Kindes geschieden werden.

Weinen Männer lieber heimlich?

Kreuels: Ja, denn Weinen ist für die meisten gleichbedeutend mit Schwäche zeigen. Viele trauernde Männer setzen sich einfach ins Auto, fahren durch die Gegend und weinen dann. Der Vorteil ist: Man wird dabei nicht gesehen. Auch ich habe das nach dem Tod meiner Frau so gemacht. Man kann im Auto seinen Frust herausschreien und so laut Musik hören, wie es einem passt. Das hat mir gut getan. Andererseits ist es so, dass sich Frauen gerade wünschen, dass sie den Mann auch mal weinen sehen. Das ist für sie der sichtbare Beweis, dass der Mann trauert.

Wenn in einer Familie die Mutter gestorben ist: Soll der Vater vor den Kindern den harten Kerl mimen?

Kreuels: Nein, es ist besser, gemeinsam mit den Kindern zu trauern. Der Vater sollte auch ruhig vor und mit den Kindern weinen. Es ist wichtig für die Kinder zu sehen, dass auch der Vater unter dem Verlust der Mutter - also seiner Partnerin - leidet.

Wie sind Sie nach dem Krebstod Ihrer Frau mit der Trauer umgegangen?

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Manche Männer brauchen Jahre, um einen Trauerfall in der Familie zu verarbeiten.

Kreuels: Das erste Jahr danach war eine Katastrophe. Ich habe sehr gelitten, auch körperlich. Ich habe stark abgenommen. Es war das reine Gefühlschaos, dem ich hoffnungslos ausgeliefert war. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt. Im zweiten Jahr hatte ich dann eine neue Partnerin. Das hat mir in meiner Trauerarbeit sehr geholfen. Sie hat mehr Stabilität in das bestehende familiäre Gefüge gebracht.

Woher rührt das Phänomen, dass Männer anders trauern? Ist es eine Frage der Erziehung?

Kreuels: Ja, eindeutig. Jungs sollen von Anfang an mutig und stark sein. Dieses Bild wird ihnen eingeimpft. Aber auch die Evolution spielt mit hinein. Bei der Jagd waren die Männer auf sich gestellt, Gesprächigkeit war dabei nicht gefragt. Sonst hätte ja auch die Beute aufgeschreckt werden können. Auch später auf dem Acker waren die Männer allein, während die Frauen mit den Kindern für die Kommunikation in der Familie zuständig waren. Das Kommunikationsverhalten der Frau ist in der heutigen Gesellschaft auch deshalb anders, weil in der Urzeit bei der Frau mehrere Sprachzentren angelegt wurden, während es beim Mann nur eines gibt.

Wollen Männer in ihrer Trauer in Ruhe gelassen werden? Oder hilft ein ständiges Nachbohren?

Kreuels: Meine Erfahrung zeigt: Männer wollen nicht bedrängt werden, ihre Gefühle preiszugeben. Das hilft nicht. Aber es gibt mitunter eine andere Lösung. Das belegt der Fall einer Frau, deren Mann sterbenskrank war. Er wollte nicht über die Situation reden, sie aber schon. Also legte sie ihm eines Tages einen Zettel auf den Küchentisch - mit einer bestimmten Frage, die sie beschäftigte. Der Mann nahm den Zettel und antwortete nach einer Weile darauf - sogar recht offen. Er konnte auf diesem Weg seine Gefühle ausdrücken. Im Gespräch mit Augenkontakt hätte er das nicht gemacht.

Kann es nicht für manche Männer der richtige Weg sein, die Trauer zu verdrängen?

Kreuels: Nein, man kann die Trauer nicht für sein ganzes Leben verdrängen. Irgendwann bricht sie hervor. Das kann auch erst nach 40 Jahren sein. Ich kenne den Fall eines Mannes, der heute Anfang 70 ist. Den Tod seiner ersten Frau in den 70er-Jahren hat er nie verarbeitet, vor fünf Jahren starb dann seine zweite Frau. Damit kam er dann gar nicht mehr klar, weil er den ersten Verlust noch nicht verarbeitet hatte. Der Mann wurde daraufhin drogensüchtig.

Was könnte Männern in ihrer Trauer helfen?

Kreuels: Eigentlich bräuchten Männer eine Art Trauerlotsen, mit dem sie lernen, sich gefühlsmäßig zu öffnen. Aber das würden sicherlich die wenigsten machen. Man sieht das schon daran, dass man mit Mühe auf bundesweit 16 Männer-Trauergruppen kommt, aber locker auf 1.500 Frauen-Trauergruppen. Vielen Männer hilft es, bald eine neue Partnerschaft einzugehen. Sogar statistisch zeigt sich: Männer, die nach dem Tod der Partnerin keine neue Beziehung eingehen, haben eine geringere Lebenserwartung. Denn bei ihnen ist die Gefahr größer, dass sie in eine Sucht abdriften - also sich mit Alkohol oder Drogen betäuben.

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Die Homepage von Martin Kreuels

Im Internet informiert Martin Kreuels über seine Schriften, Termine der Lesungen und über seine Foto-Projekte. Denn der 46-Jährige nutzt für seine Arbeit mit Trauernden auch die Fotografie. extern

Wie gehen Hospize mit dem besonderen Trauer-Verhalten der Männer um?

Kreuels: Das Problem aus Männersicht ist: Die ganze Hospizarbeit ist weiblich. Männer öffnen sich aber nicht in ihren letzten Lebenstagen einer Frau gegenüber. Ich erlebe das immer wieder: Zurzeit führen wir in norddeutschen Hospizen eine Studie durch, die auf zwei bis drei Jahre angelegt ist. Dabei geht es um die Frage: Was denken Männer am Lebensende? Womit hadern sie? Reflektieren sie überhaupt? Das sind simple Fragen, aber die Antwort kennt keiner. Auffallend ist: Die Männer, die wir für die Studie befragen, wünschen sich als Gesprächspartner immer einen Mann. Und schon jetzt zeigt sich: Männer reden viel sachlicher als Frauen über ihr Leben, das bald endet.

Können Sie einen konkreten Fall schildern?

Kreuels: Ja, typisch ist ein Fall, den ich kürzlich hatte: Der sterbenskranke Mann bilanzierte ganz nüchtern sein Leben, er haderte mit nichts. Ich musste schon sehr nachfragen, um auf etwas Weiches zu stoßen. Und dann öffnete sich der Mann plötzlich: Es tue ihm leid, dass er vor langer Zeit eine Katze weggegeben hat, weil er beruflich zu wenig Zeit hatte. "Das arme Tier", meint er - und fing an zu weinen. Die Frauen, die er im Laufe seines Lebens verschlissen hatte, bedauerte er nicht. Aber diese Katze machte ihm bis zuletzt zu schaffen. Um auf die Hospize zurückzukommen: Es wäre wünschenswert, dass dort mehr Männer in der Begleitung der Sterbenden eingesetzt werden. Aber dafür müsste man erst einmal Männer für diese Aufgabe finden.

Kommen auch Männer zu Ihren Lesungen und Vorträgen?

Kreuels: Bei meinem Vortrag "Männer trauern anders" in dieser Woche im Rahmen der Hamburger Hospizwoche saßen etwa 35 Frauen im Saal und drei Männer. So ist das eigentlich immer. Die Frauen kommen, weil sie sagen: Wir wollen unsere Männer zu Hause besser verstehen. Oder es sind Hospiz-Mitarbeiterinnen. Die Männer melden sich bei den Veranstaltungen nie zu Wort, sie nicken nur zustimmend. Das sehe ich dann von der Bühne aus. Hinterher kommen aber einige von ihnen auf mich zu. Aber vor versammelter Frauenmannschaft würden sich die Männer nie äußern.

Das Gespräch führte Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de.

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