Stand: 30.07.2015 16:30 Uhr

Heißt es nun Stengel oder Stängel?

von Franziska Starck, Kathrin Erdmann, NDR Info

Als vor zehn Jahren der erste Teil der Rechtschreibreform in Kraft trat, brach in Teilen Deutschlands ein Sturm der Entrüstung los. Warum regten sich so viele Menschen auf, obwohl zunächst tatsächlich nur 0,5 Prozent des deutschen Wortschatzes verändert wurden? Und was ist heute davon geblieben?

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Als die Rechtschreibreform im Jahr 2004 in Kraft trat, mussten viele Schülerinnen und Schüler umdenken.

Einfach so mal was in Deutschland ändern, das geht natürlich nicht - und schon gar nicht an der Sprache. Deshalb wurde 2004 extra der Rat für deutsche Rechtschreibung gegründet, der 40 Mitglieder aus den deutschsprachigen Ländern zählt. Mit dabei sind Vertreter aus der Wissenschaft, den Verlagen und der Literatur. "Das Ziel war eindeutig die Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung, um es für die Schüler leichter lernbar zu machen und die Hemmnisse für ungeübte Schreiber insgesamt zu mindern", sagt Gründungsmitglied Ludwig Eichinger, der auch heute noch dem Rat angehört.

Stopp kommt von Stoppen

In der Praxis bekamen Wörter wie Tipp oder Stopp einen Buchstaben geschenkt, werden also jetzt mit einem Doppel-P geschrieben. Für Eichinger, der den Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, ist das eine logische Änderung: "Die Verben heißen stoppen oder tippen, warum soll das Substantiv dann nicht auch mit zwei "p" geschrieben werden?" Andere Wörter mussten ein "e" für ein "ä" hergeben. Eigentlich ganz einfach, aber auch nach zehn Jahren ist das noch nicht bei jedem angekommen. Ob es nun beispielsweise "Stängel" oder "Stengel" heißt, ist nicht jedem Schüler oder Erwachsenen klar. Richtig ist "Stängel".

Viel leichter haben sich bei vielen die Neuerungen beim "ß" und Doppel-S eingeprägt. "Imbiss wird jetzt mit zwei 's' geschrieben, aber Straße wird nach wie vor mit 'ß' geschrieben", erklärt bei einer Umfrage ein Mann richtig.

Mit der Rechtschreibung arrangiert

Fast zwei Drittel der Deutschen waren vor zehn Jahren gegen die Rechtschreibreform. Auch einige große deutsche Verlage stellten sich quer, ebenso wie namhafte Schriftsteller. Inzwischen hat sich bei den Menschen auf der Straße offenbar eine ganz besondere Haltung etabliert - irgendwo zwischen Renitenz und Gelassenheit. Eine Rentnerin beispielsweise sagt, sie schreibe einfach so weiter, wie sie es früher gelernt habe: "Ich bin ja nun nicht mehr so jung. Ich habe mich auch nicht so sehr drauf eingestellt."

Eine andere Frau hat für sich einen Kompromiss gefunden: "Es ist mir nicht schwergefallen, weil es relativ einfache Regeln gibt. Mir fällt es nur schwer, Regeln zu akzeptieren bei Wötern, die nun wer weiß wie lange schon so gesprochen werden. Portmonee zum Beispiel, das mag ich nicht in der neuen Weise schreiben. Das schreibe ich auf die alte Weise: Portemonnaie." Bei einigen Wörtern sind beide Schreibweisen erlaubt: So ist Portemonnaie in der französischen Schreibweise ebenso richtig wie in der neuen, dann eben als Portmonee.

Zusammen oder getrennt?

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Deutsche Sprache, schwere Sprache? Nein, meint Ludwig Eichinger vom Institut für Deutsche Sprache.

Dass man sich von Gewohnheiten nur schwer trennt, kann Sprachwissenschaftler Eichinger gut nachvollziehen. Vieles sei jedoch auch eine Frage des Kontextes, gerade wenn es um die Zusammen- und Getrenntschreibung gehe, wie er an einem Beispiel erläutert: "Wenn ich einen Satz mache: 'Der Friseur hat meine Haare kurz geschnitten', dann will ich das gerne getrennt schreiben, und wenn ich im nächsten Satz sage: 'Mit kurzgeschnittenen Haaren sehe ich blöd aus', dann will ich das gerne zusammenschreiben. Weil ich es dort als Ganzes benenne."

Letztlich, da ist er sich sicher, ist es auch eine Generationenfrage. Schließlich müssen Schülerinnen und Schüler schon seit Jahren die neue Rechtschreibung lernen, die letztlich ja nur fünf Prozent des gesamten Wortschatzes ausmacht. Dass die hingegen auch bei allen Lehrkräften in Fleisch und Blut übergegangen ist, glaubt er nicht unbedingt. "Aber es ist jetzt auch kein Verbrechen, wenn ein Lehrer dies oder das mal nachschlagen muss", sagt Eichinger.

Rechtschreibung ist in der Schule ungeliebt

Dass sich Arbeitgeber in ganz Deutschland immer wieder über schlechte Rechtschreibkenntnisse von Bewerbern oder Auszubildenden beschweren, weiß der Sprachwissenschaftler. Er macht dafür die Schulen verantwortlich. Die Rechtschreibung spiele vor allem in den höheren Klassen kaum noch eine Rolle beziehungsweise werde dort eben nicht mehr gefördert. Hinzu komme die zunehmende Digitalisierung. Rechtschreibprogramme auf den Computer täten ihr Übriges.

Eichinger selbst schreibt seine Vorträge übrigens alle zunächst handschriftlich vor. Immer wieder muss er dabei nachschlagen, ob es nun des weiteren oder des Weiteren heißt. Richtig ist: des Weiteren.

Allen, die sagen würden, Deutsch sei eine schwere Sprache, erteilt der Sprachwissenschaftler eine Absage. Im europäischen Vergleich sei sie sogar eher leicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 31.07.2015 | 07:38 Uhr