Stand: 09.07.2012 06:00 Uhr  | Archiv

Gutes Geschäft? Pflegehilfe aus Osteuropa

von Bettina Less, NDR Info
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Die polnische Pflegerin Anna übernimmt auch Hauswirtschaftsaufgaben bei Klaus Regenfuß, kocht ihm zum Beispiel sein Essen.

Wer zum Pflegefall wird, will in den meisten Fällen möglichst nicht ins Heim. Eine Vollzeit-Betreuung zu Hause kann sich aber gleichzeitig kaum jemand leisten. Es sei denn, er gibt den Auftrag dafür an osteuropäische Pflegekräfte. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di schätzt, dass Frauen vor allem aus Polen in weit mehr als 100.000 deutschen Familien bei der Pflege helfen und den Haushalt in Ordnung halten.

Mehr Verdienst als zu Hause

Weil die Nachfrage immens ist und so genügend Osteuropäerinnen für diese Jobs gerne nach Deutschland kommen, hat sich eine eigene Vermittlungsindustrie für sie entwickelt. Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung bieten in Deutschland etwa 100 solcher Vermittler ihre Dienste zu unterschiedlichen Bedingungen an, die man sich im Einzelfall genau anschauen sollte. Deutsche Firmen vermitteln Frauen, die zum Beispiel in Polen festangestellt sind. Sie arbeiten für weniger Lohn als deutsche Pflegekräfte, verdienen mit der Arbeit in Deutschland aber deutlich mehr als bei sich zu Hause.

Sprachschwierigkeiten werden gemeinsam gemeistert

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Da die sprachliche Barriere zwischen ihnen steht, hilft Klaus Regenfuß und Eva oft ein Wörterbuch weiter.

Eine dieser Frauen ist die 43 Jahre alte Eva. Die Pflege- und Haushaltshelferin kümmert sich um Klaus Regenfuß in dessen Altbau-Wohnung im Zentrum von Rendsburg. Der 79-Jährige ist nach einer schweren Krankheit vom Bauchnabel abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Der Witwer freut sich über die Hilfe von Eva. Dass sie nur wenig Deutsch spricht, ist ihm egal: "Wenn ich ihr sage, dass ich eine Tasse Kaffee möchte, und die junge Dame guckt mich nur mit großen Augen an, dann fahre ich mit ihr in die Küche, zeige auf die Kaffeemaschine und sage: Das ist der Kaffee."

Bevor Eva bei Klaus Regenfuß einzog, betreute ihn ein ambulanter Pflegedienst: morgens und abends je 45 Minuten. Den Rest des Tages war er auf sich gestellt, konnte nicht einmal alleine zur Toilette gehen, trotzdem bezahlte er immerhin 1.760 Euro. Jetzt zahlt er fast dieselbe Summe, kann sich dafür aber mit Eva auf eine ganztägige Pflegekraft verlassen - "ein Glücksfall", sagt er.

Nach zwei Monaten geht´s zurück nach Polen

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Für den teilweise gelähmten Rollstuhlfahrer ist die tägliche Gymnastik ganz wichtig.

Regenfuß buchte die Polin bei der deutschen Vermittlungs-Agentur "Pflege-Helden", die auch unter dem Namen "Ost-Profis" firmiert. Das Unternehmen arbeitet zusammen mit der Firma in Krakau, bei der Eva festangestellt ist: sozialversichert, kranken- und unfallversichert und mit einwandfreiem Formular der deutschen Behörden ausgestattet.

Da die Arbeitsbelastung für die Pflegerin auch davon abhängt, wen sie betreut, war sie froh, dass er ihr am Telefon sympathisch war. Eva ist jeweils für zwei Monate in Deutschland, bevor eine andere Pflegekraft sie ablöst. Dann geht es für sie zurück zu ihrer Familie in Polen. Ihre Tochter studiert, ihr 17-jähriger Sohn geht noch zur Schule. Weil sie alleinerziehend ist, wohnt der Junge bei den Großeltern, solange sie in Rendsburg arbeitet. Traurig seien ihre Kinder nicht, dass Eva jetzt gerade weit weg in Deutschland sei und dort arbeite. Sie wissen, dass die Familie die 950 Euro pro Monat gut gebrauchen kann. Das ist etwa viermal so viel Geld, wie sie zuvor in Polen verdient hat.

Ver.di befürchtet "Dienstmädchenwesen"

Die Gewerkschaft ver.di kritisiert, dass nicht alle Osteuropäerinnen so gute Bedingungen vorfinden wie Eva. Sie befürchtet ein neues "Dienstmädchenwesen". Zum Beispiel, wenn Frauen tatsächlich 24 Stunden im Einsatz sind - selbst wenn ein Vertrag das anders vorsieht. "Deswegen sprechen wir auch an der Stelle von einem grauen Arbeitsmarkt. Wer will in einem privaten Haushalt kontrollieren, ob die normale Arbeitszeit eingehalten wird, ob Ruhepausen da sind und ähnliches", sagt Margret Steffen von ver.di.

"Das kann man nicht genug honorieren"

Wie lässt sich dieses Problem lösen? Auch ver.di schätzt, dass eine vergleichbare Betreuung zum Beispiel durch deutsche, ambulante Pflegedienste im Monat bis zu 10.000 Euro kosten dürfte. Für die meisten Pflegebedürftigen wäre das nicht finanzierbar. Auch Klaus Regenfuß könnte dann eine Pflegerin und Helferin wie im jetzigen zeitlichen Umfang nicht bezahlen. Er ist sich aber bewusst: "Diese Arbeit, die diese Frauen machen, an einem Körper, der nicht in Ordnung ist: Das kann man gar nicht genug honorieren."

Für die Beschäftigung von Hilfskräften aus Osteuropa gibt es drei Möglichkeiten:

Die Agenturlösung
Private Vermittlungsfirmen arbeiten mit ausländischen Unternehmen zusammen, die die Pflegerinnen bei sich fest angestellt haben. Im Rahmen des EU-Entsendegesetzes schickt das Unternehmen die Frauen dann für meist zwei oder drei Monate nach Deutschland. Rechtlich sauber ist das Verfahren nur, wenn die Bundesagentur für Arbeit eine "Verleiherlaubnis" ausstellt und die Haushaltshilfe die Bescheinigung A1 vom ausländischen Sozialversicherungsträger vorweisen kann. Man schließt zwei Verträge: mit der deutschen Vermittlungsagentur und mit der ausländischen Firma. Allerdings muss man dabei genau aufpassen, denn nicht alle Anbieter sind seriös.

Eine Helferin selber fest anstellen
Die EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit macht das seit Mai 2011 möglich. Die Vermittlung kann zum Beispiel über die Bundesagentur für Arbeit erfolgen. Mit Ausnahme von Bulgarien oder Rumänien ist für EU-Bürger keine Arbeitserlaubnis mehr notwendig. Zwischen der Familie und der Haushaltshelferin wird ein Vertrag geschlossen, der Inhalt, Ort, Zeit und Arbeitsleistung definiert. Der Lohn darf nicht sittenwidrig sein, allerdings gilt der Mindestlohn nicht, wenn die Frauen in erster Linie als Haushaltshilfen arbeiten und nur teilweise Grundpflege betreiben. Der Arbeitgeber, also die Familie, muss die Haushaltshilfe versichern.

Eine "selbständige" Pflegekraft beschäftigen
Vor dieser Variante wird gewarnt. Zwar erlaubt die EU-Niederlassungsfreiheit es Unternehmen und Selbständigen, ihre Dienste anzubieten. In der Regel muss allerdings darauf geachtet werde, dass die Abhängigkeit von einer Familie - also dem Auftraggeber - nicht zu groß wird. Das ist vor allem dann schwierig, wenn die Pflegerin in der Familie wohnt. Gegebenenfalls sollte man Nachweise darüber verlangen, dass es mehrere Auftraggeber gibt. Ansonsten gilt das Arbeitsverhältnis als Scheinselbständigkeit.

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NDR Info | 09.07.2012 | 06:00 Uhr