Stand: 13.08.2015 15:53 Uhr  | Archiv

Darf mein Kind allein zur Schule gehen?

von Katharina Mahrenholtz, NDR Info

1970 haben sich 91 Prozent der Grundschüler in Deutschland allein auf den Schulweg gemacht, im Jahr 2012 waren es nur noch 50 Prozent, wie eine Umfrage des Instituts Forsa ergab. Die Eltern trauen ihren Kindern also offensichtlich immer weniger zu. Sie fürchten den Verkehr und noch mehr den bösen Mann. Zu Recht? Wann kann man Kinder allein gehen lassen und was muss man dabei beachten?

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Streitfrage: Sollen Kinder auf dem Schulweg begleitet werden - oder geht die Sorge der Eltern oft schon zu weit?

"Ab hier schaffen wir das allein!" - Schilder mit solchen Texten sollen Eltern dazu bringen, ihren Kindern etwas zuzutrauen. Die Schilder sieht man manchmal an der letzten Kreuzung vor der Schule, oft genug aber auch erst im Treppenhaus in der Schule. Denn viele Eltern würden ihre Kinder gern bis ins Klassenzimmer bringen.

Dabei können und sollten schon Sechs- bis Siebenjährige den Schulweg allein bewältigen, sagt Martin Kobusynski von der Polizei Hamburg: "Eine gute Möglichkeit ist, dass Eltern ihre Kinder anfangs begleiten. Aber wir empfehlen schon, dass Grundschulkinder sich daran gewöhnen sollen, Wege in der Öffentlichkeit auch allein zurückzulegen. Wichtige Punkte sind natürlich immer Hauptverkehrsstraßen und andere neuralgische Punkte." Man könne mit den Kindern gut üben, wie sie sich in der Öffentlichkeit bewegen oder wie sie auch mit kritischen Situationen umgehen sollen, empfiehlt der Polizeibeamte.

Oft gibt's Streit mit anderen Kindern

Eltern haben vor allem Angst vor sogenannten Mitschnackern, die Kindern zum Beispiel Süßigkeiten anbieten, wenn sie sie begleiten. Tatsächlich passiert es aber äußerst selten, dass Kinder von Fremden angesprochen oder gar mitgenommen werden. Viel häufiger sind Konflikte mit anderen gleichaltrigen oder etwas älteren Kindern oder Jugendlichen. "Die klassische Situation: Ein Kind nimmt dem anderen etwas weg, lässt es nicht aussteigen aus dem Bus, es kommt zu kleineren Körperverletzungen. Das ist es eigentlich, was viel mehr dem Alltag der Kinder entspricht", weiß Kobusynski zu berichten.

Starkes Selbstbewusstsein ist wichtig

Man sollte mit seinen Kindern solche Szenarien besprechen und ihnen erklären, wie und wo sie Hilfe holen können. So kann man zum Beispiel sogenannte Sicherheitsinseln auf dem Schulweg festlegen - Geschäfte oder Cafés, in denen die Kinder vertrauenswürdige Ansprechpartner finden. Andere Tipps sind: Möglichst in Gruppen gehen, sich bei Problemen laut und deutlich bemerkbar machen, und Fremde immer mit "Sie" ansprechen.

Weniger sinnvoll sind Selbstbehauptungsseminare, die oft schon in Kindergärten angeboten werden. Das Problem daran sei, dass den Kindern unter Umständen eine Scheinsicherheit vermittelt werde, so der Polizeibeamte Kobusynski: "Klar ist, dass bei einem Angriff eines Erwachsenen gegen ein Kind, das Kind keine Chance hat, sich körperlich dagegen durchzusetzen." Das Wichtigste sei, dass das Kind selbstbewusst auftrete und keinen Eingriff in seine Privatsphäre zulässt.

Langsam an Selbstständigkeit heranführen

Kobusynski koordiniert das Präventionsprogramm der Polizei Hamburg. Dazu gehört der Verkehrsunterricht für Grundschüler genauso wie Verhaltensprävention für Kinder ab der fünften Klasse. Unsichere Eltern können sich außerdem jederzeit an ihr zuständiges Polizeirevier wenden. Dort gibt es Tipps, wie man seine Kinder auf kritische Situationen vorbereiten kann. Die Polizisten sind auch gern bereit, für Infoveranstaltungen in die Schulen zu kommen. "Ich würde sagen, dass eine gute Kombination zwischen Schutz, Fürsorge, Training und nah an den Kindern dran sein ein guter Weg ist. Mit 'nah an den Kindern dran sein' meine ich nicht das physische Mitgehen, sondern das langsame Heranführen an eine Selbstständigkeit. Das ist eigentlich der gute Weg", so Kobusynski.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass im Jahr 2000 17 Prozent der Grundschüler in Deutschland alleine zur Schule gegangen seien und die Tendenz weiter fallend sei. Diese Angaben konnten nicht verifiziert werden. Sie wurden von uns durch die vorliegenden Zahlen eine Forsa-Studie aus dem Jahr 2012 ersetzt. Die Redaktion bittet um Entschuldigung.

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Schutz vor Fremden

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Die Angst bei Eltern ist groß, dass ihren Kindern etwas passiert oder angetan wird. Die Polizei hat Tipps zum Schutz vor Fremden zusammengestellt - für Kinder, Eltern und Lehrer. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 13.08.2015 | 12:20 Uhr

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