Sendedatum: 03.03.2015 16:16 Uhr  | Archiv

Burnout wird zur Kinderkrankheit

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Dr. Michael Schulte-Markwort ist Autor des Buches "Burnout-Kids: Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert".

Schlafstörungen, kein Appetit, oft traurig - das Burnout-Syndrom ist längst keine Erwachsenenkrankheit mehr. Immer häufiger sind auch Kinder und Jugendliche davon betroffen. Doch wie kann das sein, Burnout bei Kindern? Michael Schulte-Markwort ist Kinderpsychiater am UKE in Hamburg und gilt als führender Experte in Deutschland. Im Interview mit NDR 1 Welle Nord spricht er über Kinder, die Terminkalender wie Manager haben, guten und schlechten Stress sowie Möglichkeiten, den Problemen zu entgegnen.

Wie kommt es zum Burnout bei Kindern?

Dr. Michael Schulte-Markwort: Das, was bislang für die Erwachsenenwelt reserviert war und als Manager-Krankheit galt, ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geworden und hat inzwischen auch unsere Kinder erreicht.

Woran liegt das?

Schulte-Markwort: Der Kalender von Schulkindern unterscheidet sich heute manchmal nicht von dem ihrer Väter oder auch von Managern. Das alleine ist aber nicht unbedingt ausschlaggebend für Burnout, weil da ja auch manche Bereiche sind, die viel Spaß machen. Aber es gibt immer mehr Kinder, bei denen der Eustress - der gute Stress - in Distress umschlägt. 20 bis 30 Prozent der Kinder geben dann an, dass sie eigentlich das Gefühl haben, ihr Leben sei erschöpfend.

Und dieser Distress kommt vom Schulischen?

Schulte-Markwort: Es wäre sicherlich verkürzt, das nur mit der Schule zu verbinden. Wobei man schon sagen muss: Die Schule ist der gesellschaftliche Ort für Burnout, weil auch die Lehrer die Berufsgruppe stellen, die am meisten von diesem Phänomen betroffen ist. Aber unabhängig davon wachsen Kinder von früh an damit auf, dass wir ihnen ein Prinzip der durchdringenden Ökonomisierung beibringen. Im Rahmen dieser Ökonomisierung - ich nenne dieses das Prinzip Leistung - geht es immer nur um Wert und Gegenwert. Es geht immer darum, dass man immer mehr bringen, immer besser werden muss - und dann sagen mir Abiturienten: Ein Abitur schlechter als 1,5 ist nichts wert.

Es geht also darum, was wir unseren Kindern vorleben?

Schulte-Markwort: Richtig, es geht ums Vorleben im positiven Sinne, aber natürlich auch im negativen Sinne. In diesem Fall leben wir eine gehetzte Leistungsorientierung vor, die niemandem gut tut.

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Schulische Belastung und auch Freizeitstress können den Leistungsdruck auf Kinder erhöhen.

Was können Eltern denn tun, wenn sie den Eindruck haben, ihr Kind leidet unter Burnout?

Schulte-Markwort: Ich empfehle, dass Familien sich die Mühe machen und sich die Kalender aller einzelnen Familienmitglieder vornehmen und schauen: Wer hat eigentlich was, an welchem Tag? Welche gemeinsamen Zeiten gibt es? Gibt es Inseln der Gemeinsamkeit? Wo gibt es tatsächlich Bereiche, wo man sich auch gemeinsam erholt?

Wie sieht eine Therapie aus?

Schulte-Markwort: Wenn die Erschöpfungsdepression oder die Erschöpfungssymptome so weit fortgeschritten sind, dass ein Kind tatsächlich nicht mehr leistungsfähig ist, dann empfehle ich immer eine ausführliche Diagnostik beim Facharzt für Kinder- und Jugend-Psychiatrie. Abhängig vom Schweregrad geht es dann darum, dass man die Depression, wenn sie dann schon manifest ist, behandelt. Das ist immer eine Kombination aus Psychotherapie oder verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren. Manchmal auch mit medikamentöser Unterstützung, wenn das Krankheitsbild sehr schwerwiegend ist. Ansonsten kann es auch darum gehen, über Lerntherapie den Kindern andere Strategien des Lernens beizubringen.

Was können Eltern tun, damit es gar nicht so weit kommt?

Schulte-Markwort: Ich finde unsere Fürsorge gegenüber den Kindern muss sich auch darin äußern, dass wir uns anschauen, wie viel sie wirklich zu tun haben und genau überlegen: Ist das etwas, was sie aus sich heraus machen oder machen sie das vielleicht doch uns zuliebe? Zum Beispiel das zweite Instrument: Spielen sie das, weil wir als Eltern wissen, Musik ist etwas, was für die Gehirnentwicklung gut ist? Ist das ein Geschenk an uns Eltern oder machen sie das tatsächlich auch für sich?

Das Gespräch führte Jan Malte Andresen.

Weitere Informationen

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Seine jüngsten Patienten sind acht Jahre alt: Michael Schulte-Markwort leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Hamburger UKE - ein anstrengender, aber auch erfüllender Job. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein am Nachmittag | 03.03.2015 | 16:16 Uhr

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