Stand: 03.02.2016 18:13 Uhr

Gerüchte, Desinformation und Propaganda

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Stephan Weichert ist Professor für Journalismus und Kommunikationswissenschaft in Hamburg. Der digitale Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit gehört zu seinen Schwerpunkten.

Erst war es Lisa. Die Geschichte von der Entführung und Vergewaltigung der 13-jährigen Russlanddeutschen durch Flüchtlinge sorgte für Wirbel. Vorausgegangen war eine Reportage im russischen Staatsfernsehen. Diese Geschichte hat sich als unzutreffend erwiesen. Aber sie war in der Welt. Ein weiteres Gerücht war ein Film über die Vergewaltigung und Ermordung einer Frau in einem hannoverschen Flüchtlingsheim - gezeigt vom russischen TV-Sender Zwezda. Mindestens in Teilen gefälscht: Es hat diesen Mord nicht gegeben. Es gibt aber zweifellos Gerüchte von vielen Seiten. Noch ein Fall: Der angebliche Tod eines Flüchtlings in Berlin - von einem Helfer erfunden, von Wohlmeinenden verbreitet, ehe die Nachricht bestätigt war.

Es ist offensichtlich: Unsere NDR Debatte über "Wahrheit und Meinungsmache" kommt am Phänomen des Gerüchts, der im Netz verbreiteten Propaganda nicht vorbei. Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert hält diesen Trend für brandgefährlich.

Herr Weichert, die genannten Fälle sind vermutlich besonders prägnante Beispiele für ein grundsätzliches Phänomen. Wie lässt sich das auf den Begriff bringen, was da geschieht?

Stephan Weichert: Interessant ist, dass sich diese Gerüchteküche in der letzten Zeit vermehrt hat. Die Flüchtlingskrise scheint einer der Auslöser zu sein, dass im Netz Stimmungsmache passiert, Propaganda geschürt wird. Die digitalen Protestgemeinschaften, die sich da bilden, machen ihren Ärger Luft, indem sie sich nicht mit Fakten auseinandersetzen oder Argumente austauschen, sondern indem sie ganz gezielt Stimmung gegen bestimmte Bevölkerungskreise machen, um Ängste und Vorurteile zu schüren. Das ist ein interessantes Phänomen, gerade diese Verselbstständigung bei sozialen Netzwerken, wie schnell und mit welcher Dynamik sich ein digitaler Mob bildet, der auch brandgefährlich wird, wenn es um Aufrufe geht, auf die Straße zu gehen und beispielsweise Flüchtlinge anzugreifen.

Teilen Sie den verschiedentlich geäußerten Eindruck, Russland nutze diese Situation, die Sie geschildert haben, und führe eine Art Informationskrieg in der Absicht, Deutschland - oder Europa - politisch zu destabilisieren?

Weichert: Auch das ist wieder ein Teil von einer größeren Verschwörungstheorie. Man muss als Journalist immer an den Faktencheck erinnern. Wir können solche Behauptungen nicht einfach aufstellen. Das muss geprüft werden, bevor man so etwas behauptet.

Das Problem ist heute aber, dass sich in den sozialen Netzwerken die Kommunikationshierarchie auf den Kopf gestellt hat. Die Nachrichtenagenda hat sich etwas verschoben und die Deutungshoheit der klassischen Medien wird ein Stück weit untergraben. Das Problem ist, dass ein normaler Facebook-Nutzer ein Gerücht in den virtuellen Raum stellt, das zum Beispiel neben einem journalistisch geprüften Artikel steht, und diese gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Die mangelnde Unterscheidbarkeit zwischen dem, was professionell recherchiert wurde, und dem, was einfach nur behauptet wird, das ist ein Prinzip, was vor allem Facebook und die sozialen Netzwerke vorangetrieben haben.

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Wie wehrt man sich gegen diese diffuse Wirkung von allgegenwärtigen Gerüchten und Desinformationen? Wie markiere ich also glaubhaft, dass die von mir überbrachte Information der Überprüfung standhält?

Weichert: Ein wichtiger Punkt ist natürlich, Quellenprüfung zu betreiben. Ich kann durch ein paar Mausklicks sehr schnell überprüfen, wer der Absender einer solchen Nachricht ist. Die Unterstellung der Zensur und der Unterdrückung von Informationen ist brandgefährlich. Da muss sich die Öffentlichkeit selber in die Pflicht genommen fühlen, indem sie eigene Quellenprüfungen vornimmt.

Man hat den Eindruck, dass es Gerüchte, Propaganda, Verschwörungstheorien in krisenhaften Zeiten besonders leicht haben - und zwar nicht erst im Internet-Zeitalter. Gibt es dafür spezifische Gründe?

Weichert: Im virtuellen Raum stehen so viele Meinungen nebeneinander; selbst Politiker twittern heute im Sekundentakt und unterwandern damit eine klassische Öffentlichkeitsagenda, die wir jahrzehntelang als gegeben hingenommen haben. Was sind die verlässlichen Anlaufstellen im Netz, was sind die glaubwürdigen Marken, denen ich vertrauen kann - diese Unterscheidbarkeit wird immer stärker aufgehoben. Hier liegt eine große Verantwortung bei den Journalisten, der Bevölkerung klarzumachen: Wir enthalten euch keine Informationen vor, sondern wir müssen erst einmal prüfen, was genau passiert ist, bevor wir behaupten können, dass es so oder so gewesen ist. Alles andere würde wieder Wasser auf die Mühlen derer bedeuten, die behaupten, das sei alles Lügenpresse, Zensur. Da muss man sich als Journalist ganz klar dagegen verwehren, indem man sagt: Professionalität braucht Zeit, Reflexion braucht Zeit - und die nehmen wir uns auch.

In Kriegszeiten - Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg - hat es Propaganda recht leicht gehabt, vielleicht auch aus einem verbreiteten Bedürfnis heraus, dass die Reihen geschlossen gehalten werden, dass man sich seiner Gruppe zugehörig fühlt. Könnten solche gesellschaftspsychologischen Aspekte momentan auch eine Rolle spielen bei der Bereitschaft, bestimmte Dinge zu glauben und andere ganz und gar nicht wahrhaben zu wollen?

Weichert: Man spricht im Netz von einer Filterblase: Diese selbst erfüllende Prophezeiung - je stärker ich mich in meinem Facebook-Freundeskreis bewege, desto eher bekomme ich eine Bestätigung dessen, was ich sowieso schon angenommen habe. Das hat etwas mit den Algorithmen im Netz zu tun, diesem Empfehlungsprinzip "Das könnte Ihnen auch gefallen". Und so ist es mit der Meinungs- und Stimmungsmache auch: Kaum habe ich etwas behauptet, wird mir das nächste Video empfohlen, das mich in meiner Meinung bestätigt. Das ist brandgefährlich. Es gehört heute zum politischen Selbstverständnis, zur Mündigkeit eines jeden Bürgers dazu, zu verstehen, wie das Netz und diese Eigendynamiken funktionieren.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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