Stand: 08.10.2010 16:45 Uhr  | Archiv

Karmann - Fachleute für "oben ohne" bauen keine Autos mehr

Im Kern ist er nur ein Käfer. Vielleicht windschnittiger und tiefergelegt, aber ein Käfer. Das Topmodell hat gerade mal 50 Pferdestärken unter der Haube und mehr als 160 Sachen holen auch die ausgebufftesten Fahrer aus der Kiste nicht heraus. Trotzdem heißt der Karmann Ghia bei seinen Fans "Sportwagen" - und auch gut 30 Jahre nach dem Ende der Produktion lebt der Ghia-Geist: überall Fanclubs, Tüftlertreffen und Internetforen, egal ob in Deutschland, Frankreich oder den USA. Das kleine Käfer-Coupé ist Kult.

Der Ghia ist der einzige Wagen des Autospezialisten aus Osnabrück, der auch wirklich Karmann heißt. 1953 tüftelten die Karmänner den soften Sportler auf Käfer-Basis zusammen mit dem Turiner Stylingstudio Ghia aus, knapp zwei Jahre später startete die Serienproduktion. 7.500 Mark kostete der Zweisitzer zur Premiere. Zwischen 1955 und 1974 baute Karmann mehr als 360.000 Ghia-Coupés und rund 80.000 Ghia-Cabrios - und machte sich damit auf den Straßen der Welt einen Namen.

Im Sommer 2009 geht eine Ära zu Ende

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Ein schwarzes Mercedes-CLK-Cabrio war der letzte Wagen, der vom Band lief.

Die Geschichte Karmanns als eigenständiger Autobauer ging im Sommer 2009 zu Ende: Am 22. Juni rollte das vorerst letzte Cabrio vom Band. Lange hatte sich das mittlerweile insolvente Unternehmen vergeblich um Aufträge bemüht. Doch die Autohersteller hatten ihre Produktionsstrategie verändert. Und die weltweite Finanzkrise verschärfte die Situation noch einmal. Im April 2009 musste Karmann Insolvenz anmelden. Der vorläufige Insolvenzverwalter Ottmar Hermann wollte das Unternehmen als Zulieferer für Cabrio-Dachsysteme und als Fahrzeugentwickler fortführen. Für die Mitarbeiter des Autobauers nur ein schwacher Trost. Insgesamt verloren innerhalb weniger Monate rund 2.000 Beschäftigte aufgrund der desolaten Auftragslage ihren Job. Im Herbst 2009 waren nur noch gut 800 Mitarbeiter bei Karmann unter Vertrag. Noch Ende 2007 standen weltweit bei Karmann rund 7.000 Menschen in Lohn und Brot.

Seit dem 20. November 2009 besteht aber wieder Hoffnung am Karmann-Standort Osnabrück: VW kündigte an, im Jahr 2011 die Fahrzeugproduktion neu zu starten, im Jahr 2014 soll es wieder mehr als 1.000 Arbeitsplätze geben. Zudem will die Investmentfirma Globtec gemeinsam mit einem chinesischen Unternehmen die Dachsparte übernehmen, nachdem das Bundeskartellamt dem kanadisch-österreichischen Konkurrenten Magna die Übernahme untersagt hatte. Um einen Einstieg für Investoren attraktiver zu machen, war Karmann dreigeteilt worden: Neben dem Bereich Dachsysteme gibt es den Bereich Technische Entwicklung und die Metallgruppe.

Golf-Cabrio war der Bestseller

Der schwarze Mercedes CLK war der bisher letzte einer langen Reihe von Oben-ohne-Wagen, die Karmann seit 1949 produzierte. Cabriolets und Sportcoupés waren die Spezialitäten der Autobauer aus Westniedersachsen. Mehr als 3,3 Millionen Fahrzeuge wurden in Osnabrück hergestellt. Allein rund 225.000 Mal wurde das Mercedes-Benz CLK Cabrio ausgeliefert. Fast alle großen Hersteller waren schon mal Karmann-Kunde. Und bestellten nicht nur Kleinserien: Das Golf-Cabrio gilt noch heute als meistverkauftes Verdeckmobil der Welt.

Ob Verdecke, Stahlkarossen oder das Komplettprogramm vom Reißbrett bis zum Endverbraucher - plante ein Automobilriese einen neuen Straßenflitzer oder Oben-ohne-Wagen, wandte er sich häufig an die Osnabrücker. Die Autofirma hielt sich mit dem eigenen Namen eher zurück. Zwar bauten und entwickelten die Karmänner komplette Autos, nannten sich aber ganz bescheiden Zulieferer. Und kaum einer, der in sein Audi-Cabrio, seinen Mercedes CLK oder seinen Cabrio-Golf steigt, weiß, dass er eigentlich einen Karmann fährt.

Kriegstrümmer und Volkscabriolet

Am Anfang war Karmann eine Fabrik für Pferdewagen und hieß Christian Klages. 1901 kaufte Wilhelm Karmann das Osnabrücker Wagenunternehmen und brachte ein Jahr später seine erste hölzerne Autokarosserie auf den Markt. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Karmänner vor den Trümmern ihrer Werkshallen und mussten von vorne anfangen. Den Grundstein für den Nachkriegsboom legte Wilhelm Karmann 1949, als er auf Bezugsschein einen VW-Käfer kaufte und daraus zusammen mit seinem Sohn, ebenfalls ein Wilhelm, einen Cabrio-Viersitzer bastelte. Der geköpfte Käfer kam an bei VW - die Wolfsburger bestellten sofort 1.000 Stück. Karmann produzierte das Volkscabrio bis in die 1980er-Jahre hinein und verkaufte insgesamt mehr als 332.000 Exemplare.

Kein Karmann mehr auf dem Chefsessel

Auch wenn das Unternehmen nach wie vor der Gründerfamilie gehört, sitzt kein Karmann mehr auf dem Chefsessel. Abgetaucht sind Karmanns Erben allerdings nicht: Die Gesellschafter sind in der Geschäftsführung und im Aufsichtsrat aktiv. In der Wilhelm-Karmann-Stiftung setzen sie sich für die Uni Osnabrück ein, unterstützen das Kulturgeschichtliche Museum der Stadt - und nicht zuletzt den Osnabrücker Zoo.

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