Stand: 25.01.2015 23:50 Uhr

"Crystal Meth macht extrem psychisch abhängig"

Suchtforscher Sascha Milin und Psychologin Charlotte Kleinau arbeiteten nicht nur bei der Studie zusammen, sondern auch beim neuen Suchthilfeforum "Breaking Meth", das im Februar starten soll.

Was kann getan werden? Wie könnten Präventionsprojekte aussehen?

Milin: Man muss schauen, wie man potenzielle Konsumenten erreicht. Besonders geeignet sind szenenahe Präventionsprojekte wie beispielsweise die Drug Scouts in Leipzig oder Mindzone in München. Diese Initiativen arbeiten mit jungen Helfern, die selbst aus der Partyszene kommen. Vermieden werden sollte, dass man Crystal-Konsumenten stigmatisiert und pauschal als gewalttätig oder als "selbst schuld" an ihren Problemen ansieht. Junge Menschen probieren Dinge aus. Man muss Verständnis aufbringen. Eine seriöse Aufklärung ist wichtig. Wir brauchen kein Unterrichtsfach Crystal Meth - aber es sollte versucht werden, in der Schule präventiv die Einstiegsmotivation für den Konsum von Crystal zu beleuchten. Mit Jugendlichen offen darüber zu sprechen, könnte der Sache den Reiz nehmen. Die positiven Wirkungen am Anfang dürfen auf keinen Fall verschwiegen werden. Nur so wird es glaubhaft.

Neues Selbsthilfeforum: "Breaking Meth"

Ein Internet-Selbsthilfeangebot für Menschen mit Methamphetamin-Erfahrung soll Ende Februar 2015 an den Start gehen. Unter breaking-meth.de soll eine Community entstehen. In unterschiedlichen virtuellen Räumen können Betroffene kommunizieren und sich austauschen - und damit gegenseitig helfen. Zudem wird es Hinweise auf Hilfsprojekte und Hotlines geben. Initiiert wird das Projekt vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) in Hamburg unter der Leitung von Ingo Schäfer, betrieben wird das Portal vom Leipziger Präventionsprojekt Drug Scouts. Gefördert wird "Breaking Meth" vom Bundesministerium für Gesundheit - zunächst als Pilotprojekt für anderthalb Jahre.

Laut Studie sind es eher junge Menschen, die Crystal Meth nehmen. Wie können Eltern erkennen, dass ihre Kinder die Droge nehmen?

Milin: Ich bin generell nicht der Fan von Checklisten für Laien für diesen Zweck. Typisch sind Stimmungsschwankungen, euphorische Zustände, extreme Wachzeiten und starker Rededrang. Aber man sollte hier zurückhaltend sein. Nicht jeder, der sich mal auffällig verhält, nimmt Drogen. Grundsätzlich konsumieren Menschen, die Crystal Meth nehmen, fast immer auch andere Drogen wie Cannabis oder Alkohol, um runterzukommen.

Wie sollen sich Angehörige verhalten, wenn sie den Verdacht haben?

Milin: Wenn jemand stark durch sein Verhalten negativ auffällt, ist klar, dass er Probleme hat - ob mit oder ohne Drogen. Da sollte unbedingt das Gespräch gesucht werden.

Und wenn derjenige nicht mit sich reden lassen will?

Milin: Das ist ein großes Problem. Der beste Rat für Eltern und Freunde ist, sich wenn nötig auch selbst abzugrenzen und eine Therapie vorzuschlagen. Man darf die Sucht nicht mit Geld oder Lügen unterstützen. Aber es ist wichtig dem Betroffenen zu vermitteln: "Wir können dich verstehen, aber wir können Dir jetzt nicht helfen. Aber wenn du dir Hilfe gesucht hast, sind wir wieder für dich da." Alle Suchthilfeangebote bieten auch Unterstützung für Angehörige an. Diese Beratungsangebote sollten genutzt werden.

Wie sehen die Therapiemöglichkeiten aus?

Milin: In vielen Fällen beginnt eine Langzeittherapie mit einer Entgiftung, die etwa 30 Tage dauert. Da geht es darum, erst einmal von der Substanz runterzukommen. Auf eine Entgiftung folgt häufig eine etwa sechsmonatige stationäre Langzeittherapie. Das ist ähnlich wie bei Alkohol oder Heroin. Leute bearbeiten bedarfsgerecht in bestimmten Therapiegruppen unterschiedliche Probleme - etwa soziales Kompetenztraining, Konfliktlösung und Traumabearbeitung. Auch der sexuelle Aspekt steht im Vordergrund. Es gibt viele Menschen, die sagen: "Ich kann mir Sex ohne Crystal nicht mehr vorstellen."

Wie nimmt man Crystal Meth eigentlich zu sich?

Milin: Üblich ist vor allem der nasale Konsum - also das Schniefen. Die nächste Stufe ist das Rauchen. Genauer gesagt: Es wird über Alufolie erhitzt und die Dämpfe werden eingeatmet. Außerdem wird es auch von einigen Konsumenten gespritzt. Geschluckt wird es eigentlich nicht, weil es den Leuten um den Kick geht.

Woraus besteht die Droge?

Milin: Es sind kleine Kristalle aus Methamphetamin - eine synthetisch hergestellte Substanz, die pur und extrem hirngängig ist - also schnell die Blut-Hirn-Schranke überwindet. Es wirkt sehr lang und intensiv.

Es gilt ja als etwas billiger als andere Drogen ...

Milin: Das ist noch schwer zu beurteilen, weil man nicht weiß, wie der Markt sich entwickelt. Spottbillig ist es nicht. Dauerkonsumenten nehmen außerdem sehr viel - bis zu einem Gramm pro Tag. Das sind dann 60 bis 70 Euro - da ist häufig Beschaffungskriminalität nötig.

Wie präsent ist Crystal Meth in Norddeutschland?

Milin: Aus Nordbayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird berichtet, dass die Zahlen der Nutzer stark ansteigen. In Norddeutschland ist es dagegen noch kaum angekommen. Es ist hier noch kein Massenphänomen. Der typische drogen-affine Jugendliche wüsste gar nicht, wo er sich das besorgen sollte. Es ist schwer einzuschätzen, wie sich das entwickeln wird. Meine Hypothese ist: Es wird auch in norddeutschen Städten ankommen - aber nicht in dem Ausmaß, wie wir das aus Leipzig, Chemnitz oder Bayreuth kennen. Es wird nicht die typische Droge sein, bei der Schüler Gefahr laufen, sie auszuprobieren. Der Schwerpunkt wird bei speziellen Gruppen liegen. Es wird nicht flächendeckend die Club- oder Partyszene erreichen.

Zurück zum Tatort: Sie haben ihn vorab gesehen - was halten Sie als Suchtexperte von dem Drogen-Krimi?

Milin: Ich fand ihn klasse. Ich bin ja nicht nur Suchtforscher, sondern auch ein begeisterter Tatort-Fan. Er war nicht nur spannend, sondern auch authentisch. Den Schauspielern ist es ausgesprochen gut gelungen, richtig darzustellen, wie Konsumenten sein können unter dem Einfluss von Crystal. Alle waren bestens vorbereitet, die Thematik wurde gut recherchiert.

Dadurch, dass auch einige positive Aspekte der Droge gezeigt werden, könnten einige Zuschauer den Tatort vielleicht als drogenverherrlichend empfinden. Was sagen Sie dazu?

Milin: Dem würde ich vehement widersprechen. Für Menschen, die sowieso keine Drogen probieren würden, ist es fast egal, wie man diese darstellt. Gefährdet sind diejenigen, die zu riskanten Verhaltensweisen neigen. Da ist es wichtig zu zeigen, dass auch normale, "coole" Leute abhängig werden können. Es wurde ehrlich gezeigt, dass es anfangs auch schön sein kann - weil man die Nacht durchtanzt und euphorisch ist. Würde man dies nicht tun und nur abschreckende Bilder zeigen, würde man sofort die Glaubwürdigkeit verlieren. Unsere Studie hat gezeigt, dass sich die Betroffenen vor allem Offenheit bei Präventionsprojekten wünschen. Dieser Tatort kann also eine positive und präventive Wirkung haben.

Das Gespräch führte Heiko Block, NDR.de.

Dieses Thema im Programm:

Tatort | 25.01.2015 | 20:15 Uhr

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