Stand: 05.09.2017 18:11 Uhr

"Warum ich dieses Mal nicht wählen gehe ..."

von Franziska Amler & Niklas Schenck, NDR Info

Sie treten gar nicht erst den Weg ins Wahllokal an: Bei der letzten Bundestagswahl 2013 gab es knapp 18 Millionen Nichtwähler in Deutschland, das war fast ein Drittel aller Wahlberechtigten. Experten schätzen, dass es bei der Wahl am 24. September ähnlich viele werden. Warum? NDR Info hat bei zwei Nichtwählern auf Wochenmärkten in Norddeutschland nachgefragt.   

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Mirja Francken hat seit einigen Jahren kein Interesse mehr, das politische Geschehen zu verfolgen.

Wir besuchen zwei, die nicht vorhaben, mit über die Zukunft des Landes abzustimmen. Auf einem Wochenmarkt in Hamburg trennt sich Mirja Francken mit der Gartenschere vom Überflüssigen: Sie knipst Dornen von den Blumensträußen ab. Die schlanke Frau mit dem blond gewellten Haar grinst ansteckend und winkt immer wieder Bekannten, die an ihrem Stand vorbeikommen. Vor drei Jahren entschied sie sich für einen drastischen Schnitt: Sie knipste die Politik von ihrem Leben ab. Einfach so. Seitdem schaut und hört sie keine Nachrichten mehr.

"Es geht nur darum, was die Leute hören oder sehen wollen"

"Ich bin einfach nicht mehr bereit, Dinge aufzunehmen, die mich belasten, und wo einfach Halbwahrheiten hinter stecken", sagt die 40-Jährige. Halbwahrheiten sind aus ihrer Sicht alle Aussagen von Politikern. Sie traue ihnen nicht. Deshalb will sie es auch mit der Wahl bleiben lassen. Politiker verhielten sich ihrer Meinung nach wie Schauspieler. Es gehe nicht um Persönlichkeit, sondern darum, was die Leute hören oder sehen wollten, erklärt sie.  

Wahlforscher teilen Nichtwähler in verschiedene Typen ein. Etwa in solche, die aus Protest einer Wahl fernbleiben oder konjunkturelle Nichtwähler, die mal zur Urne gehen und mal nicht. Für Mirja Francken steht noch nicht fest, ob und wann sie das nächste Mal abstimmt. Bei dieser Bundestagswahl jedenfalls nicht.

Blumenverkäuferin Mirja Francken hält einen Strauß Blumen in der Hand und lacht in die Kamera. © NDR Fotograf: Niklas Schenck

Darum geht Mirja Francken nicht zur Wahl

NDR Info - Infoprogramm -

Etwa ein Drittel der Wahlberechtigten wird voraussichtlich nicht an der Bundestagswahl teilnehmen. Auch die Blumenverkäuferin Mirja Francken ist eine Nichtwählerin.

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Politik-Frust bei Wählerinnen und Wählern

Auch Renate aus Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern will am 24. September nicht wählen gehen. Aber ihr tut es innerlich weh. Sie geht aus Protest nicht ins Wahllokal. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Renates himmelblauer Trabi auf dem Wochenmarkt in der Güstrower Südstadt sticht direkt ins Auge. Die 63-Jährige hat ihn mit grünen Wiesen und glücklichen Hühnern bemalt.

Nicht weit davon schauen sie von den Wahlplakaten optimistische Politiker an. Von ihnen fühlt sich Renate im Stich gelassen. "Man sieht die Leute, man kennt die Gesichter, und man denkt nicht mehr positiv. Warum soll sich denn jetzt etwas ändern? Es wurde doch schon so viel versprochen."

Mit dieser Meinung ist die "Eierfrau mit dem Trabi", wie ihre Kunden sie liebevoll nennen, nicht alleine im Wahlkreis 17 "Mecklenburgische Seenplatte Landkreis Rostock". Nirgendwo sonst im Norden gingen 2013 weniger Menschen zur Bundestagswahl, die Wahlbeteiligung lag bei 62,6 Prozent.

Für Experten wie die von Infratest dimap ist das keine Überraschung. Im Wahlkreis 17 gibt es Gemeinden mit höherer Arbeitslosigkeit und geringerer Kaufkraft. Typische Merkmale für eine geringe Wahlbeteiligung.

Wofür stehen die Parteien?

Blumenverkäuferin Mirja Francken bindet Blumen zu einem Strauß. © NDR Fotograf: Niklas Schenck

Desinteresse und Frust: Was Nichtwähler bewegt

Infoprogramm

Wahlforscher schätzen, dass ein Drittel der Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl zu Hause bleiben wird. Was sind die Motive der Nichtwähler? NDR Info hat im Norden nachgefragt.

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Blumenverkäuferin und Nichtwählerin Mirja Francken ist zu Hause im eher wohlhabenden Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein in der Minderheit. Die Wahlbeteiligung dort lag zuletzt bei 76 Prozent. Die Floristin übernahm mit 20 den Hamburger Marktstand von ihren Eltern. Über Politik haben ihr Vater und sie damals nur kurz vor Wahlen gesprochen. Er empfahl ihr die CDU. Aber wirklich viel konnte sie mit diesem Rat nicht anfangen: "Das waren jetzt keine Fakten, die ich für mein Leben als ausschlaggebend empfunden habe, wirtschaftliche Interessen oder Umweltschutz", meint sie. Natürlich interessiere sie sich für Umweltschutz. Sie könne aber nicht sagen, welcher Partei sie da zutraue, wirklich gute Entscheidungen zu treffen.

Mit ihren Freunden spreche sie auch nicht über Politik, sagt sie, während sie einem jungen Paar auf dem Isemarkt lilafarbene Gladiolen in Papier einschlägt. Überhaupt habe die Politik in ihrem Alltag einfach keinen Platz.

"Wir werden vor vollendete Tatsachen gestellt"

An den sechs Marktständen in Güstrow, zwischen den mehrgeschossigen Wohnblöcken, wird es dagegen häufig politisch. "Eierfrau" Renate ist verärgert über die Flüchtlingspolitik, ein Thema, über das viele Kunden mit ihr sprechen, erzählt sie. Darüber, dass Flüchtlinge in ihrer Gegend - im Landkreis Rostock - untergebracht wurden. Sie zeigt auf einen Bericht in der "Bild"-Zeitung über gestoppte Abschiebungen. Niemand werde zur Flüchtlingspolitik befragt, es werde einfach alles festgelegt, sagt Renate resigniert: "Wir werden vor vollendete Tatsachen gestellt." Für sie ist die Flüchtlingspolitik ein Grund, zum ersten Mal nicht mehr wählen zu gehen.

Aber es gebe mehr Probleme, die mit der Politik zusammenhängen. Zum Beispiel auch, dass sie bis zu fünfmal auf verschiedenen Märkten stehe, aber kaum mehr im Portemonnaie habe als ein Hartz-IV-Empfänger. Aus ihrer Sicht hilft die Politik nur anderen. Am Wahltag will sie sich davon ablenken. Wenn das Wetter gut ist, will sie an einen See fahren.

"Vielleicht überlege ich es mir ja mal wieder anders"

Mirja Francken wird am Wahlsonntag in einen Gottesdienst gehen. Nach einer persönlichen Krise sehnte sich die Blumen-Verkäuferin nach positiven Nachrichten, fand sie in einer freikirchlichen Gemeinde. Auch wenn sie sich von Politikern nicht angesprochen fühlt: Gar keinen Einfluss mehr zu nehmen, störe sie schon. Sie versucht es im Kleinen, auf dem Markt. Dort wolle sie anderen zuhören und ihnen eine Stütze sein. "Wer weiß", sagt sie, "vielleicht überlege ich es mir dann auch in ein paar Jahren mit der Politik wieder anders."

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NDR Info | Infoprogramm | 06.09.2017 | 06:20 Uhr

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