Stand: 08.09.2017 15:14 Uhr

Die SPD und der Wunsch nach einer starken FDP

Kann es sein, dass man bei der Bundestagswahl seine Lieblingspartei auch dadurch unterstützen kann, indem man sie nicht wählt - sondern die politische Konkurrenz? Gedankenspiele vor der Wahl am 24. September.

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts"

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Lars Haider meint, dass man der SPD einen Gefallen tut, wenn man sie dieses Mal nicht erneut als "kleinen" Partner in eine Große Koalition wählt.

"Ich weiß noch nicht, wen ich wählen soll!" Den Satz hört man oft in diesen Tagen, nach dem langweiligen Kandidaten-Duell im Fernsehen sogar noch mehr als zuvor. Hier kommt eine kleine Entscheidungshilfe: Wer will, dass Angela Merkel weitere vier Jahre Kanzlerin ist, wählt die CDU, natürlich mit Erst- und/oder Zweitstimme. Das ist einfach.

Komplizierter wird es für die Anhänger der SPD. Wer will, dass die Sozialdemokraten auf Bundesebene Erfolg haben, der kann, auch natürlich, die SPD wählen. Oder, und jetzt wird es interessant, die FDP.

Stimmen für die FDP können auch der SPD helfen

Ja, Sie haben richtig gehört: Man kann der SPD auch einen Dienst erweisen, wenn man Christian Lindner wählt. Das klingt nach einer ziemlich steilen These, lässt sich aber gut begründen. Wenn die Sozialdemokraten nicht endgültig den Anschluss an CDU/CSU verlieren wollen, dürfen sie auf keinen Fall noch einmal Juniorpartner in einer Großen Koalition werden. Die Gefahr besteht, weil es nach dem 24. September rechnerisch auch nur für eine Mehrheit von Schwarz-Rot reichen könnte. Das wäre der schlimmste Fall für die SPD. Die müsste aus staatspolitischer Verantwortung noch einmal den Bund mit Angela Merkel eingehen - was das bei der nächsten Wahl im Jahr 2021 bedeuten würde, lässt sich erahnen.

Für die SPD gibt es angesichts der Umfragewerte, die einen Sieg von Martin Schulz unmöglich erscheinen lassen, nur eine Hoffnung: nämlich die, dass es diesmal wieder zu einer schwarz-gelben Mehrheit reicht. Erstens müsste man dann nicht die unbequeme Rolle als kleine Partei in der Großen Koalition übernehmen. Zweitens könnte man mit Linken und Grünen im Bundestag eine starke Opposition sowohl zur Regierung als auch zur AfD bilden. Und drittens hätte man vier Jahre Zeit, aus den linken Strömungen ein regierungstaugliches Gegenmodell zu entwickeln.

SPD braucht die Grünen in der Opposition

So seltsam es klingt: Nach Schulz ist Lindner für die SPD in den Tagen bis zur Wahl der zweitwichtigste Mann. Je besser er abschneidet, desto wahrscheinlicher wird eine Neuauflage der schwarz-gelben Koalition. Je schlechter Lindner am Ende dasteht, desto wahrscheinlicher wird eine Regierung, die den Sozialdemokraten nicht gefällt. Denn auch ein Bündnis aus CDU, FDP und Grünen kann die SPD im Ernst nicht wollen, weil sie dann ihren geborenen Partner, die Grünen, verlieren würde. Und die Opposition im Bundestag wäre auch geschwächt.

Merkel und Schulz sind sich zu ähnlich

Schulz wird trotzdem nicht Wahlkampf für Lindner machen, aber das muss er auch nicht: Der FDP-Chef hat wie kaum ein anderer Spitzenkandidat von dem Duell zwischen dem SPD-Vorsitzenden und der Kanzlerin profitiert, weil er auch als Typ eine Alternative ist. Merkel und Schulz sind sich zu ähnlich, das beginnt bei der Art des Auftretens und endet beim Alter.

Lindner ist der einzige in diesem Wahlkampf, der auch nur ansatzweise an jene Politiker erinnert, die viele Deutschen schätzen, also an Kanadas Premier Justin Trudeau oder an Frankreichs Emmanuel Macron.

Wer mit Lindner im Wahlkampf unterwegs, staunt, wie das Interesse an seiner Partei gestiegen ist. Das führt dazu, dass Hotels, in denen er auftritt, wegen Überfüllung geschlossen werden müssen. "Früher hatten wir keine Sitze in Parlamenten, jetzt haben wir keine Plätze für Anhänger", sagt der FDP-Chef dazu. Und dass ihm Letzteres deutlich besser gefalle.

Auf Christian Lindner kommt es an

Dass die FDP nach vier Jahren Abstinenz den Einzug in den Bundestag schafft, ist auf jeden Fall sicher. Bleibt nur die Frage, wie stark sie sein wird. Die Liberalen selbst hoffen auf Platz drei, allein schon, damit die AfD nicht direkt hinter den beiden großen Parteien landet. CDU und SPD haben aus verschiedenen Gründen ein ähnliches Interesse. Ja, es kommt auf Lindner an. Wer hätte das vor vier Jahren für möglich gehalten?

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NDR Info | Kommentare | 10.09.2017 | 09:25 Uhr

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