Stand: 31.07.2015 13:47 Uhr

Zehntausende Kühe bekommen umstrittene Arznei

Kexxtone - so heißt ein neues Medikament für Milchkühe. Es ist seit 2013 auf dem Markt und sehr umstritten. Denn es enthält ein Antibiotikum, und es wird vorbeugend eingesetzt, um das Auftreten einer Stoffwechselkrankheit bei Milchkühen, der sogenannten Ketose, zu verhindern. NDR und WDR liegen nun erste Zahlen zur Anwendung vor. Etwa 70.000 Einheiten hat der Hersteller nach eigenen Angaben verkauft.

"70.000 Behandlungen zu viel"

"Das sind 70.000 Behandlungen zu viel", sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftexperte bei Greenpeace. Kexxtone sei völlig überflüssig. Hofstetter kritisiert, dass hier ein Antibiotikum bei Tieren eingesetzt werde, wo keines nötig sei. Dies stehe im Widerspruch zum Plan der Bundesregierung, den Einsatz solcher Medikamente zu reduzieren.

So sieht es auch der Tierarzt Matthias Link aus Varrel im Kreis Diepholz. Er ist Delegierter in der Bundestierärztekammer und engagiert sich für das Tierärztliche Forum für verantwortbare Landwirtschaft. Link kritisiert, dass Kexxtone vorbeugend eingesetzt werde. So würden auch viele Tiere behandelt, die vielleicht gar nicht erkranken würden. Zudem sei die Krankheit Ketose management-bedingt, durch unangepasste Fütterung oder andere Haltungsfehler. Und auch falls Kühe erkrankten, könne Kexxtone nicht die Lösung sein. Es gebe andere Mittel, um den Stoffwechsel zu verbessern, die ähnlich viel bringen.

Hersteller spricht von "sehr verantwortungsvollem Einsatz"

Der Hersteller, die Firma Elanco, meint dagegen, dass es selbst bei gut geführten Herden immer einen Anteil an Milchkühen geben könne, der an Ketose erkranke. Durch den vorbeugenden Einsatz werde eine Reduktion der Krankheit um bis zu 74 Prozent erreicht, teilte das Unternehmen auf Anfrage des NDR und des WDR mit. Außerdem zeuge die Zahl von 70.179 verkauften Einheiten von einem "sehr verantwortungsvollen Einsatz durch die Tierärzte in Deutschland". Maximal 1,6 Prozent aller Milchkühe seien demnach behandelt worden, so Elanco.

NRW-Landwirtschaftsminister Remmel: "Unglaublicher Vorgang"

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NRW-Landwirtschaftsminister Remmel fordert mehr Transparenz.

Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Grüne) beurteilt die Zahl jedoch komplett anders. Von NDR und WDR zu den Verkaufszahlen befragt, sprach er von einem "unglaublichen Vorgang". Es würden viel zu viele Antibiotika in der Tierhaltung verabreicht. Und hier werde es gegeben, damit der Stoffwechsel funktioniere. "Bei Kühen, die Stoffwechselprobleme haben, muss man eher darüber nachdenken, vielleicht etwas weniger Leistung zu fordern, anstatt mit Medikamenten die Leistung zu erhöhen", sagte Remmel. "Medikamente sind dazu da, dass Gesundheit gefördert wird und nicht, dass Leistung unterstützt wird."

Tatsächlich geben Kühe, die Kexxtone bekommen haben, im Schnitt mehr Milch. Der Hersteller begründet es jedoch damit, dass weniger Tiere krank würden. Bei gesunden Kühen ergebe sich keine Milchleistungssteigerung, so Elanco. Allerdings hat das in dem Medikament enthaltene Antibiotikum Monensin tatsächlich eine leistungs- und wachstumsfördernde Wirkung. In den USA darf es zu diesem Zweck eingesetzt werden. In Europa wurde es als Zusatzstoff in Futtermitteln bis 2006 verwendet, seitdem ist es in der Form verboten.

Wegfall der Milchquote könnte Einsatz lukrativer machen

Monensin verbessere die Futterverwertung und damit auch die Leistung, erklären Tierärzte. Laut der Zulassungsstudie für das Medikament wurde auch eine höhere Milchleistung bei behandelten Kühen festgestellt - nach Einschätzung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) jedoch in keinem signifikanten Maß. Sie liege nicht höher als bei anderen gesunden Tieren. Greenpeace-Experte Hofstetter sagt jedoch, dass Kühe, die Kexxtone bekämen, je nach Studie bis zu zehn Prozent mehr Milch geben würden. Er befürchtet deshalb, dass der Einsatz des Mittels weiter zunimmt. Denn dieser sei somit wirtschaftlich lukrativ - insbesondere seitdem Anfang April die Milchquote weggefallen und die Erzeuger nun so viel Milch auf den Markt bringen können, wie sie wollen.

Mehr Transparenz gefordert

Auch NRW-Landwirtschaftsminister Remmel befürchtet ein "Kuh-Doping" - mit einem Wirkstoff, der aus diesem Grund schon mal verboten worden sei. "Hier wird offensichtlich die Hintertür genutzt, um doch das zu machen, was eigentlich verboten ist", so Remmel. Er warnt auch vor den möglichen Gefahren für Menschen - dass nämlich durch Antibiotika-Gaben Resistenzen entstehen können, die Medikamente also nicht mehr wirken. Außerdem fordert er mehr Transparenz. Denn das für die Kontrolle zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit veröffentlicht keine Zahlen zur Abgabemenge dieses Antibiotikums. Es begründet dies mit Geschäftsgeheimnissen des Herstellers. Hier müsse Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) dringend handeln, "vor allem Transparenz herstellen", fordert Remmel. "Wir wollen wissen wo und an welcher Stelle das Medikament verabreicht wird."