Stand: 14.11.2015 15:30 Uhr

"Wir können Konzerte nicht gegen Terror schützen"

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Konzert-Veranstalter Marek Lieberberg organisiert die Deutschland-Tour der US-Band Eagles of Death Metal, die in Paris spielte.

Bei den Anschlägen in Paris haben die Terroristen auch die Konzerthalle Bataclan in der Innenstadt angegriffen. Dort spielte vor mehr als 1.000 Menschen die US-Band Eagles of Death Metal. Konzertveranstalter Marek Lieberberg organisiert die Deutschland-Tour der Band. Im Interview mit N-JOY berichtet er, wie er von den Ereignissen erfahren hat. Außerdem äußert er sich darüber, wie Großveranstaltungen besser geschützt werden können.

Herr Lieberberg, kennen Sie diese Konzerthalle in Paris? Haben Sie da auch schon Konzerte organisiert?

Marek Lieberberg: Nein, ich kenne nur die Halle und ich bin insbesondere natürlich zutiefst erschüttert, weil eine meiner Gruppen davon betroffen ist. Der Schock sitzt besonders tief, weil die Band zwar, wie wir gehört haben, aus dem Konzertsaal flüchten konnte, aber wohl mehrere Crew-Mitglieder sicher vermisst sind. Man muss hier das Schlimmste befürchten.

Haben Sie noch näheren Kontakt zu der Band? Wissen Sie noch mehr über die Situation?

Lieberberg: Über den Agenten sind wir informiert worden, dass die Band glücklicherweise überlebt hat und aus dem Konzertsaal flüchten konnte. Vielleicht war der Backstage-Bereich derjenige, der nicht von den terroristischen Angreifern in Augenschein genommen worden ist. Während dieser schrecklichen Stunden ist es der Band offenbar gelungen, aus dem Gebäude zu kommen. Mehr wissen wir auch nicht. Wir wissen nur, dass die in Sicherheit sind. Für Mittwoch ist ja ein Konzert in Köln angesetzt. (Donnerstag, 19.11., in München und Sonntag, 22.11., in Bremen wären weitere Termine, Anm. d. Red.) Wir wissen aber zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht, ob es stattfinden wird.* Das ist auch nicht wichtig. Im Moment gilt unser ganzes Mitgefühl der Entourage, der Band und all den Betroffenen, die hier liebe Menschen verloren haben.

Wie sind denn Bands und Zuschauer normalerweise bei Konzerten geschützt?

Lieberberg: Wir unternehmen alle Maßnahmen, die ein solches Konzert erfordert und Sie können hier auch erkennen, dass die meisten Konzerte in einer sehr zivilisierten Form ablaufen. Es gibt kaum Auseinandersetzungen, es gibt kaum Vorfälle in den Hallen selbst. Mir ist kein einziger aus den letzten Jahren bekannt. Vor dem Konzert findet eine Art Bodycheck statt, die Taschen werden untersucht, es geht durch Schleusen. Wir haben vor allem natürlich den Schutz der Zuschauer vor den Bühnen zu kümmern. Es gibt aber keinen Schutz gegen terroristische, wahnsinnige, religiös motivierte Angreifer, die mit Kalaschnikows reinstürmen. Wie sollen wir mit bloßen Händen oder mit Metalldetektoren hier das Publikum schützen? Das ist absurd, aber man soll auch keine "Lex Musik" machen. Wenn Behörden der Meinung sind, dass Konzerte geschützt werden müssen und die Polizei das Gewaltmonopol hat, dann muss die Polizei diese Konzerte schützen. Wir könnten das nicht! Das geht nicht. Das ist nicht möglich!

Kann man trotzdem als Veranstalter Konsequenzen ziehen oder liegt der Ball wirklich im Bereich der Polizei?

Man muss ganz klar Ausschau halten, ob es irgendwelche Ereignisse gibt, die etwas befürchten lassen, und dann sich bei den Behörden melden. Ich glaube, die gesamte Gesellschaft muss sich endlich dieser Bewegung entgegenstellen. Ich glaube, die Zeit des Appeasements (Beschwichtigungspolitik, Anm. d. Red.) ist endgültig vorbei. Alle Bereiche der Gesellschaft müssen sich hier wehrhaft mit dieser Situation auseinandersetzen. Wir müssen uns vor allem durch den Versuch von Normalität diesem barbarischen Versuch entgegenstellen. Nichts anderes versuchen diese Terroristen mit ihrem Regime der Angst, uns dazu zu bewegen, alles aufzugeben und damit hätten sie auch ihr Ziel erreicht.

Die deutsche Nationalmannschaft überlegt, ob sie das Freundschaftsspiel gegen die Niederlande in Hannover am Dienstag machen soll. Wenn man sagt, die Paris-Anschläge sind ein Ende des Appeasements, dann wäre das zu setzende Zeichen "Spielen!"?

Lieberberg: Ich finde, auf jeden Fall spielen! Ein Zeichen setzen! Spielen und den Menschen das geben, was sie als Teil ihres Lebens verstehen, nämlich Sport, Kultur, Parks, Erholung - alles was wir so hier in unserer Welt schätzen. Es wäre vollkommen falsch, jetzt einzuknicken und als Konsequenz dieser Ereignisse alles aufzugeben, was uns lieb ist.

Das Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich ist ja trotz der Explosionen direkt vor dem Stadion nicht abgebrochen worden. Dafür gibt es auch spontan Kritik. Aber warum hat man sich gegen einen Abbruch entschieden?

Lieberberg: Zum einen hätten es auch Böller sein können, das wusste man noch nicht, glaube ich. Zum anderen ist auch die Frage: Ist die Gefahr größer, wenn man abbricht und dann eine Panik ausbricht, Menschen über die Tribünen zu den Ausgängen stürzen? Ich denke, wenn das Stadion selbst Ziel des Anschlags gewesen wäre, dann hätte man abbrechen müssen. Das Stadion war ja insbesondere durch die Prominenz und durch den Besuch des französischen Staatspräsidenten und des deutschen Außenministers natürlich ein Objekt, das in einem erheblich größeren Maße geschützt ist als ein Konzertsaal, bei dem man überhaupt keinen Angriff erwarten konnte zu diesem Zeitpunkt.

Das Interview führte Nina Zimmermann, N-JOY.

*Anmerkung der Redaktion: Die Band Eagles of Death Metal sagte am Sonntag alle Deutschland-Konzerte ab. (Stand: 15.11.2015)

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