Stand: 25.02.2016 16:04 Uhr

Verfassungsbeschwerde: Macht Windkraft krank?

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Ist Infraschall gesundheitsschädlich? Experten und deren Gegner streiten über die Gefahr durch Windenergienanlagen

"Windkraftanlagen senden Schallwellen aus, die Anwohner der direkten Umgebung krank machen können." So lautet die Aussage von Windkraft-Gegnern. Gesundheitliche Auswirkungen seien unter anderem Schwindel, Schlafstörungen und Nasenbluten. Auch einer Familie aus Schleswig-Holstein ging es so. Der Verein von Windkraft-Kritikern "Regionalverband Taunus - Windkraft mit Vernunft e.V." will deshalb Verfassungsbeschwerde einreichen.

Erst Verfassungsgericht, später Gerichtshof für Menschenrechte

Am Donnerstag hat die Initiative in Berlin ihre geplante Verfassungsbeschwerde vorgestellt. Sie verlangt, dass die Vorgaben, unter denen Windenergieanlagen errichtet werden, erneuert werden. Die Beschwerde soll im März beim Bundesverfassungsgericht eingereicht werden. Eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg werde etwa acht Wochen "verzögert" erfolgen. Grund sei der Verstoß gegen das Grundrecht der "körperlichen Unversehrtheit." Der Verein handele "stellvertretend für eine Vielzahl von Bürgern, die durch in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft errichtete Windenergieanlagen erheblich gesundheitlich beeinträchtigt werden", heißt es in einer Mitteilung.

Dem Verein zufolge ist unter den Klägern eine Familie aus Schleswig-Holstein, genauer aus Langenhorn in Nordfriesland. Demnach wohnte die Familie rund einen Kilometer von einer Windenergieanlage entfernt und klagte deshalb über Unruhe, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Die Symptome seien verschwunden, sobald sie sich aus der direkten Nähe der Anlage entfernte. Für NDR.de war die Familie für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Wissenschaftlich nicht erwiesen

Ob die Infraschall- und tieffrequenten Schall-Immissionen, die die Windkraftanlagen aussenden und für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind, tatsächlich krank machen können, ist umstritten. "Bisher gibt es keine konsistente Evidenz dafür, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Infraschallemissionen von Windenergieanlagen verursacht werden", sagt das Umweltbundesamt. Bei den aktuell üblichen Abständen zwischen einer Anlage und einer Wohnsiedlung werde die von einer Norm vorgeschriebene Belastung sogar unterschritten. "Die Infraschallbelastung ist in Entfernungen über 700 Metern kaum davon beeinflusst, ob eine Windenergieanlage in Betrieb ist oder nicht", sagt das Umweltbundesamt.

"Feldversuch an Millionen von Menschen"

Der klagende Verein wiederum argumentiert, es sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von Infraschall und tieffreequentiertem Schall beträchtlich sind. "Die Menschen haben ein kompliziertes Bild von Dauerermüdungsbeschwerden, dass sie gar nicht mehr leistungsfähig sind", sagt der Göttinger Landarzt Thomas Carl Stiller.

Der Verein meint deshalb: "Der momentan gesetzliche Genehmigungsrahmen (für Windparks) ist seit dem letzten Weltkrieg der größte unfreiwillige Feldversuch an Millionen von Menschen zum Thema Krankheit durch Infraschall."

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