Stand: 14.06.2017 18:42 Uhr

"Seeleute sind keine Flüchtlingsretter!"

Wer an die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer denkt, hat in der Regel Bilder von NGOs wie Ärzte ohne Grenzen oder des Vereins Sea Watch im Sinn. Erst in dieser Woche haben diese Organisationen in einem Brief an die Bundesregierung darüber geklagt, dass sie bei der Seenotrettung an ihre Grenzen geraten. Doch nicht nur die NGOs üben Kritik, sondern auch die Deutsche Seemannsmission mit Hauptsitz in Bremen.

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Zu hoch, zu steil: Über die Außenwände der Frachtschiffe können Flüchtlinge kaum an Bord gelangen.

Markus Schildhauer, stationiert für die Deutsche Seemannsmission im ägyptischen Alexandria, ist Ende 50 und unprätentiös. Zum Interview kommt er mit Sportjacke und Jutebeutel über der Schulter. Er ist zu Besuch in Hamburg und berichtet von seiner Arbeit in Alexandria. Es sei gar nicht lange her, erzählt er, da sei er auf einem Frachter mit einer Szene konfrontiert worden, die exemplarisch für die derzeitige Situation sei: "Ich wollte an Bord gehen, einen Gottesdienst mit ihnen feiern, hatte auch schön Lieder dabei. Da waren die alle sehr am Ende mit ihren Nerven." Es stellte sich heraus, dass die Seeleute ein paar Tage vorher ein Schiff retten wollten und diese Rettung nicht geklappt hatte. Das Schiff sei gekentert, und vor ihren Augen seien fast 100 Menschen ertrunken.

Markus Schildhauer von der Seemannsmission Alexandria. © Screenshot/NDR

"Frachtschiffe ungeeignet für Flüchtlingsrettung"

NDR Info - Infoprogramm -

Frachtschiffe sind nicht dazu geeignet, Flüchtlingen im Mittelmeer zu helfen. Warum, das erklärt Markus Schildhauer von der Seemannsmission im griechischen Alexandria.

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Keine ausreichende Schulung der Besatzungen

Schildhauer betreut in Alexandria Seeleute psychologisch. Er geht an Bord von Frachtschiffen und fragt die Besatzung, was sie im Moment so beschäftigt. Die Deutsche Seemannsmission geht davon aus, dass im vergangenen Jahr rund 150.000 Flüchtlinge durch die Handelsschifffahrt im Mittelmeer gerettet wurden. Ähnlich wie Ärzte in Notfällen zur Hilfe eilen müssen, sind Besatzungen von Schiffen dazu verpflichtet, Menschen in Seenot zu bergen - ohne aber dafür ausreichend geschult zu sein, so die Kritik der Seemannsmission.

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Hilflosigkeit während der Rettungsaktionen

In der Regel sei es so, dass "die Seeleute bei den Rettungsaktionen eigentlich immer mit dem Thema Tod konfrontiert werden", so Markus Schildhauer. Sei es, dass auf den Schiffen bereits Menschen sind, die verstorben sind. Sei es aber auch, dass bei den Rettungsaktionen selber das Schiff kentert, Leute ins Wasser fallen. Gerade in solchen Fällen sei es dramatisch, weil die Seeleute oben an der Reling stehen und sehen, wie die Menschen, die sie retten wollen, ertrinken. "Und sie können eigentlich nichts machen."

Und wenn es mittels einer heruntergelassenen Leiter gelinge, die Flüchtlinge an Bord zu holen, setze sich das Chaos fort, so Schildhauer. Denn ein Frachtschiff sei nur für die Zahl der Besatzungsmitglieder, in der Regel um die 20 Personen, ausgerichtet. Das betreffe vor allem die Menge der vorhandenen Lebensmittel, Medikamente, Schlafplätze und sanitären Anlagen an Bord.

Wer betreut die Seeleute psychologisch?

Die Seeleute versuchten zwar, die Flüchtlinge zu betreuen, müssten aber gleichzeitig ja auch noch das Schiff bewegen und ihrer eigenen Arbeit nachgehen, weil die ja nicht weniger werde. Auf professionellen Rettungsschiffen gäbe es einen Psychologen, der die Crew nach der Rettungsaktion betreut, aber auf Handelsschiffen gäbe es das nicht, so Schildhauer.

Große Angst, tote Flüchtlinge im Wasser zu entdecken

Dem jüngsten Vorwurf mehrerer NGOs, die Bundesregierung lasse sie mit der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer alleine, schließt sich Schildhauer an. Auch er wünsche sich mehr Unterstützung - personell wie finanziell, erzählt er. Bei seiner Arbeit stößt er häufig an seine Grenzen. Zum Teil kommen Offiziere und Matrosen zu ihm, die sich auf See kaum noch aus dem Inneren des Schiffes heraustrauen. So groß ist die Angst, tote Flüchtlinge im Wasser zu entdecken.

Investitionen statt Mittelkürzungen

Was den Seeleuten helfen könnte, wäre "eine höhere psychologische Beratung". Die Seemannsmission in Alexandria sei die einzige Station in der arabischen Welt. Aufgrund von Mittelkürzungen stehe selbst diese Station zur Disposition. Da müsse auch Deutschland als Exportnation, die ja auch von diesen Seeleuten getragen werde, viel mehr investieren, so Schildhauer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 15.06.2017 | 08:38 Uhr

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