Stand: 13.02.2017 10:00 Uhr

"Geschäfte mit dem Körper sind problematisch"

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Raymund Horch appelliert an Patienten, sich vor einer Schönheits-OP von einem Facharzt beraten zu lassen.

Oberlidstraffung, Face-Lifting, Brustvergrößerung - das Geschäft mit der Schönheit boomt. Doch welche Gefahren bergen Billig-Angebote aus dem Ausland? Und was sollten Patienten generell beachten, wenn sie sich einer Schönheitsoperation unterziehen wollen? NDR.de sprach darüber mit dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC),  Professor Dr. Dr. Raymund E. Horch. Horch leitet als Direktor die Plastisch- und Handchirurgische Klinik am Universitätsklinikum Erlangen.

Im Ausland werden Schönheits-Operationen zum Teil zu deutlich günstigeren Preis angeboten als in Deutschland. Was halten Sie von Brustvergrößerung zum Billigpreis? 

Prof. Dr. Raymund Horch: Ich frage mich schon, wie die großen Preisunterschiede bei Schönheitsoperationen zustande kommen. Es gibt nur wenige Hersteller von Mamma-Implantaten für eine Brustvergrößerung, die Produkte kosten überall in etwa dasselbe. In Tschechien bezahlen Sie für eine solche Operation angeblich nur 1.500 Euro. Es mag sein, dass die Lohnkosten in Osteuropa geringer sind - aber arbeiten die Kollegen dort denn umsonst? Wenn etwas besonders günstig ist, ist meiner Meinung nach immer Misstrauen angebracht.

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Für die Schönheits-OP nach Tschechien

17.02.2017 21:15 Uhr
Die Reportage

Mehr als eine halbe Million Deutsche lassen sich pro Jahr aus ästhetischen Gründen operieren. Die Reportage begleitet drei Frauen aus Norddeutschland auf ihrer Schönheitsreise nach Tschechien. mehr

Welche Gefahren bestehen denn, wenn ich mich im Ausland statt in der Heimat operieren lasse? 

Horch: Ein Infektionsrisiko besteht bei jeder Operation - da gibt es keinen großen Unterschied, ob ich das  im In- oder Ausland machen lasse. Und ich unterstelle mal, dass auch dort die Kollegen, wenn sie gut ausgebildet sind, ihr Handwerk beherrschen. Probleme sehe ich aber bei der Beratung vorab und bei der Nachsorge. So ist es in Deutschland zum Beispiel seit Langem üblich und inzwischen auch Pflicht, dass Patientinnen einen Implantat-Pass bekommen, aus dem hervorgeht, was genau für ein Implantat verwendet wurde. Denn wenn eine Patientin nach der OP Probleme bekommt und zum Arzt geht, muss dieser wissen, welches Material verwendet wurde. Eine vernünftige Nachsorge ist sonst kaum möglich. Zudem können Sie bei Operationen im Ausland nur schwer jemanden belangen, wenn einmal etwas schief gegangen ist. Also, die reine Leistung kann im Ausland vielleicht billiger erbracht werden. Aber es fehlt meistens an der hinreichenden Risiko-Aufklärung.

Facharzt-Verband gibt Tipps zur Arztsuche

1.700 Fachärzte gehören der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) an. Die Gesellschaft appelliert an Patienten, sich für Schönheitsoperationen an einen erfahrenen Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie zu wenden. Ästhetische Operationen im Gesichtsbereich könnten auch von HNO-Ärzten oder Mund-Kiefer-Chirurgen mit der Zusatzqualifikation "Plastische Operationen" durchgeführt werden. Vor einer OP sollte eine ausführliche Aufklärung über den Eingriff und seine Risiken stehen. Vorsicht sei unter anderem geboten, wenn im Vorgespräch nicht auf die Beweggründe für eine OP eingegangen werde und wenn erklärt werde, dass mehr korrigiert werden solle, als Sie selbst beabsichtigt haben.

Worauf kommt es bei der Aufklärung denn an?

Horch: Jeder Eingriff, auch jeder noch so kleine, ist im juristischen Sinne eine Körperverletzung. Daher müssen die Patienten sorgfältig über alle Risiken aufgeklärt werden, die bei einer Operation entstehen können. So kann zum Beispiel bei einer Oberlidstraffung - an sich ein kleiner Eingriff - der Sehnerv in Mitleidenschaft gezogen werden, was im schlimmsten Fall zur Erblindung führen kann. Das muss man den Leuten sagen. Zu uns kommen häufig Patientinnen, die sich beraten lassen und dann erklären, dass sie sich lieber zum Beispiel in Tschechien operieren lassen, weil es dort günstig ist. Ich kann das zwar nachvollziehen, aber viele wissen gar nicht, auf was sie sich da einlassen. Und mit dem Eingriff allein ist es noch lange nicht getan.

Wird bei OPs im Ausland denn nicht auf Risiken hingewiesen?

Horch: Ich habe zumindest die Sorge, dass das im Ausland zu wenig beachtet wird. Meist kennen die Patienten vorher noch nicht einmal den operierenden Arzt. Eine Aufklärung über die Operationsrisiken findet oft erst am Vortag der Operation statt. Der Patient ist dann zum einen schon sehr aufgeregt, zum anderen hat er bereits seine Reise fest geplant und angetreten und vielleicht sogar schon eine Anzahlung geleistet. Da springt dann keiner mehr ab, nur weil er von eventuellen Risiken hört. In Deutschland ist es üblich, dass es vor einer Operation zwei Beratungen gibt. Wobei die erste nach dem aktuellen Stand mindestens zwei Wochen vor dem Eingriff erfolgen sollte.

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"So finden Sie den richtigen Arzt"

Rund 1.700 Fachärzte gehören der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) an. Auf ihrer Homepage gibt sie unter anderem Tipps zur Arztsuche. extern

Lockangebote für Schönheits-OPs gibt es ja auch in Deutschland, Ärzte werben mit Vorher-Nachher-Bildern um Kunden. Was halten Sie davon?

Horch: Mit dem Körper des Menschen sollte man keine Geschäfte machen. Ich finde es problematisch, wenn man Schönheitsoperationen als Leistung im Internet kaufen kann. Das ist der falsche Weg. Auch Vorher-Nachher-Bilder sind unseriös, denn sie suggerieren dem Patienten ein Ergebnis, das nicht unbedingt realistisch ist. Wir als Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen haben im Übrigen auch Schwierigkeiten zu vermitteln, dass Schönheitschirurgen nicht automatisch Fachärzte sind. Schönheitschirurg oder auch Kosmetischer Chirurg darf sich im Prinzip jeder Arzt nennen, das sagt nichts über seine Qualifikation aus. Nur die Titel Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie beziehungsweise Facharzt für Plastische Chirurgie sind geschützt. Sie gewährleisten, dass ein Arzt auf dem Gebiet der Schönheitschirurgie besonders gut ausgebildet ist. Dem Patienten ist das oft nicht klar.

 Was sollte ich denn beachten, wenn ich mich einer Schönheits-OP unterziehen will?

Horch: Bevor man sich für eine Operation entscheidet, sollte man mit einem Facharzt besprechen, was überhaupt gemacht werden soll. Der Arzt muss sorgfältig abwägen und einschätzen können, ob eine Maßnahme sinnvoll ist und ob es sich um einen realistischen Wunsch des Patienten handelt. Und er sollte nur dann operieren, wenn es dem Patienten hilft - und nicht, weil es ihm selbst hilft. Sie können mit dem Skalpell keine psychischen Probleme und auch keine Beziehungsprobleme lösen.

Was sind denn Ihrer Meinung nach Gründe, die für eine Schönheitsoperation sprechen können?

Horch: Es gibt viele Leidensgründe, bei denen eine Operation sinnvoll ist. Nehmen Sie eine Frau, die nach der Geburt von drei Kindern sehr kleine Brüste hat und sich nicht mehr als Frau fühlt. Oder eine Frau, die jahrelang aufopferungsvoll einen Angehörigen gepflegt hat und nun einmal etwas für sich tun und wieder gut aussehen will. Das sind Gründe, die ich nachvollziehen kann. Und das ist etwas anderes, als wenn jemand kommt und aussehen will wie ein Prominenter, den er aus einer Glamour-Zeitschrift kennt. Es gibt nichts dagegen zu sagen, dass jemand schön sein will. Für mich wäre das allein aber kein Grund, diese Person zu operieren.

Das Interview führte Stefanie Lambernd, NDR.de.

Dieses Thema im Programm:

Die Reportage | 17.02.2017 | 21:15 Uhr