Stand: 21.09.2015 15:55 Uhr

Prozess: Kind mit verseuchten Spritzen misshandelt

Es ist ein drastischer Fall von Kindesmisshandlung: Eine überfürsorgliche Mutter macht laut Staatsanwaltschaft ihren dreijährigen Sohn lebensbedrohlich krank - durch Injektionen, die unter anderem mit Kot versetzt sind. Ende Juni 2015 hatte erstmals NDR Info über den Fall berichtet, dessen Hintergrund mutmaßlich eine seltene psychische Störung ist. Seit Montag steht die Frau nun in Hamburg vor Gericht - ihr drohen bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe.

Ärzte durchschauen Mutter

Das Drama beginnt im Sommer 2013. Der Dreijährige aus einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein wird schwer krank. Infektionen greifen sein Immunsystem an. Doch selbst im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) findet man keine Ursache. Dem Jungen geht es immer schlechter, er kommt auf die Intensivstation. Seine Mutter ist ständig an seiner Seite, scheinbar hochbesorgt, wie sich Vater Frank N. erinnert. Umso unglaublicher klingt für ihn, was die Ärzte den Eltern nach fast einem halben Jahr eröffnen: Die Mutter habe ihren kleinen Sohn krank gemacht. Zunächst sei er laut geworden und habe die Oberärztin für ihre Anschuldigungen angegriffen, erzählt er. "Irgendwann merkte ich: Meine Frau saß neben mir und hat keinen Ton gesagt. Und daraufhin habe ich sie dann angeguckt - und da war es für mich klar, dass sie das getan hat.

Mutter kann sich ihr Verhalten nicht erklären

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Die angeklagte Mutter ist zum ersten Prozesstag vor dem Hamburger Landgericht erschienen.

In einem Brief, der NDR Info vorliegt, gesteht die Mutter, ihren Sohn absichtlich krank gemacht zu haben. Warum, könne sie sich nicht erklären. In der Anklage wird der Vorwurf konkret. Laut Carsten Rinio, dem Sprecher der Staatsanwaltschaft, soll die Angeklagte ihrem Sohn Substanzen unter die Haut oder in die Blutbahn gespritzt haben, die mit Speichel, Blumenwasser, Fäkalien oder anderen Fremdstoffen verunreinigt waren. "Hierdurch erlitt das Kind erhebliche Schmerzen, hohes Fieber und befand sich kurzzeitig sogar in Lebensgefahr."

"Starke innerseelische Nöte"

Dahinter steckt nach Meinung der Staatsanwaltschaft eine seltene psychische Störung, das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Die Betroffenen, in der Regel Frauen, täuschen Krankheiten ihrer Kinder vor oder führen sie sogar herbei. In der Regel verberge sich dahinter eine Suche nach Aufmerksamkeit, erläutert der Psychiater Martin Krupinski. Und die Unfähigkeit der Täterinnen, das auszudrücken. "Was sie dazu treibt, sind sehr starke innerseelische Nöte, die sie nicht direkt kommunizieren können." Gleichzeitig werde das kranke Kind als Vehikel genutzt, "um dann mit Ärzten und dem medizinischen Versorgungssystem in Kontakt zu kommen".

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom macht jemand einen anderen Menschen bewusst krank oder täuscht eine Krankheit vor. Anschließend verlangt der psychisch kranke Täter eine Behandlung für sein Opfer. Häufig sind es Mütter, die ihr Kind auf diese Weise misshandeln. In der Regel wollen die Frauen so Zuwendung für sich und ihre Kinder erreichen. Bisweilen gehen die psychisch kranken Mütter so weit, dass ihr Kind an der Misshandlung stirbt. Beim Münchhausen-Syndrom fügen Menschen sich selbst Schaden zu.

Öffentlichkeit ausgeschlossen

Beim Prozessauftakt passierte die Angeklagte schnellen Schrittes das Spalier der Fotografen und Kameraleute. Den Kopf vollständig durch ein schwarzes Tuch verhüllt, nahm sie im großen Saal des Hamburger Landgerichts Platz. Die Fragen nach ihren Personalien beantwortete die 30-Jährige mit fester Stimme. Während der Verlesung der Anklageschrift aber wischt sie sich mehrfach Tränen aus dem Gesicht. Unmittelbar danach schloss das Hamburger Landgericht die Öffentlichkeit von dem Verfahren aus. Zur Begründung erklärte das Gericht, in dem Verfahren werde auch die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung erörtert werden. Dabei könnten Details aus dem absoluten Kernbereich der Persönlichkeit zur Sprache kommen. "In einem solchen Fall ist das Interesse der Öffentlichkeit an der Information gegenüber dem Interesse eines Angeklagten, intimste Details nicht öffentlich preisgeben zu müssen, gegeneinander abzuwägen", sagte Gerichtssprecherin Ruth Hütteroth, "diese Abwägung fiel hier in dem Sinne aus, dass die Öffentlichkeit auszuschließen ist."

Ist die Angeklagte schuldunfähig?

Acht Zeugen wird die Große Strafkammer nun hinter verschlossenen Türen hören. Das Urteil wird für Anfang Oktober erwartet. Bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe drohen der Mutter, unter anderem wegen Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener. Doch ihre mutmaßliche psychische Störung spielt dabei eine große Rolle. Laut Carsten Rinio geht die Staatsanwaltschaft aus, dass die Angeklagte nicht komplett schuldunfähig war. "Ob ihre psychische Erkrankung vielleicht zu einer verminderten Schuldfähigkeit geführt hat, wird sich im Rahmen des Prozesses mit sachverständiger Hilfe zeigen müssen", sagte er. "Das wird ein ganz wesentlicher Punkt sein."

Junge ist wieder wohlauf

Der heute fünfjährige Junge hat seine Krankheit körperlich gut überstanden. Er lebt beim Vater, ohne Kontakt zur Mutter. Frank N. hofft auf ein klares Ergebnis der Verhandlung. "Bei dem Prozess erwarte ich mir, dass meine Ex-Frau bestraft wird - ob sie jetzt in die Geschlossene kommt oder ins Gefängnis - und dass meine Kinder für die nächste Zukunft geschützt sind und wir wieder ein normales Leben führen können", sagt er. "Und vor allem, dass die Leute hier in der Stadt aufhören zu reden, dass ich daran Mitschuld habe."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 21.09.2015 | 07:50 Uhr