Stand: 18.10.2015 10:00 Uhr

Patentlösung für Kapitäns-Nachwuchs gesucht

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de

Für Tobias Westmann ist es ein Traum, der inzwischen zum Albtraum geworden ist. Der 32-Jährige - der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte - will seit Langem als Kapitän auf hoher See fahren. Aber der Weg dorthin ist steiniger als gedacht. "Als ich 2004 mein Seefahrt-Studium an der Jade Hochschule in Elsfleth begonnen habe, haben die Reeder wie wild nach Nachwuchs gesucht", erinnert sich Westmann. "Davon ist nichts mehr zu spüren." Denn die Schifffahrtskrise hält seit 2008 an. Viele deutsche Reedereien haben in den zurückliegenden Jahren Schiffe ausgeflaggt, um unter ausländischer Flagge geringere Lohnkosten zu verbuchen. Osteuropäische oder asiatische Seeleute sind unterm Strich günstiger. "Mehr als 1.000 Bewerbungen habe ich geschrieben", erzählt Westmann, der sein Diplom 2009 mit der Note 1,7 abgeschlossen hat. "Aber 90 Prozent der Reeder wimmeln gleich ab: Wir nehmen keine deutschen Seeleute - die sind zu teuer."

ein fahrendes Lotsenschiff

Elblotsen klagen über Nachwuchsmangel

NDR//Aktuell -

Die Anforderungen an Lotsen sind hoch. Doch weil es Nachwuchssorgern gibt, wird darüber diskutiert, die Voraussetzungen für Bewerber zu verändern.

5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Im Büro statt auf hoher See

Für das große Kapitäns-Patent müssen Nautiker nach dem Studium drei Jahre Fahrtzeit auf See vorweisen - Westmann fehlen noch fünf Monate. "Seit zweieinhalb Jahren habe ich höchstens mal einen Zeitvertrag ergattern können, zuletzt war ich im Sommer für vier Wochen am Stück auf See." Zwischendurch arbeitete er anderthalb Jahre im Büro - im Consulting-Bereich der maritimen Wirtschaft. Aber das war nur eine Notlösung für den Familienvater.

"Viele Reeder nutzen die Situation schamlos aus"

Bild vergrößern
Viele deutsche Seeleute würden gerne einen Platz auf einer Schiffsbrücke finden - aber viele Reeder setzen aus Kostengründen lieber auf ausländische Offiziere.

Westmann empört, dass viele Reeder die Situation schamlos ausnutzten. "Sie bieten keine festen Verträge mehr an, zahlen deutlich schlechter als früher - und streichen sogar das Urlaubsgeld", berichtet Westmann. Hinzu komme, dass auch viele erfahrene Kapitäne zurzeit eine Arbeitsstelle suchen - weil sie ihren angestammten Job verloren haben. Ein Beispiel aus Norddeutschland: Bei der Niederelbe Schifffahrtsgesellschaft (NSB) mit Sitz in Buxtehude verlieren bis Juni 2017 knapp 500 Seeleute ihre Arbeit. Die Reederei will künftig alle Schiffe unter einer ausländischen Flagge fahren lassen.

Hamburg fordert Lohnkosten-Senkung

Nun schreiten Politiker ein. Hamburg hat jüngst eine Bundesrats-Initiative gestartet, die den deutschen Reedereien ermöglichen soll, die Lohnnebenkosten deutlich zu senken. Konkret geht es um den sogenannten Lohnsteuereinbehalt. Bislang ist es so, dass Reeder 60 Prozent der entstandenen Lohnsteuer an das Finanzamt abführen und 40 Prozent einbehalten dürfen. Diese Regelung sei nicht mehr ausreichend, um den Wettbewerbsnachteil der deutschen Flagge im Vergleich zu anderen europäischen Flaggen zu reduzieren, findet Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos). Künftig soll ein hundertprozentiger Lohnsteuereinbehalt gelten - zunächst bis 2020. Ende September stimmte der Bundesrat für das Gesetz. Nun ist der Bundestag am Zug. Niedersachsen ist eines der Länder, die das Vorhaben unterstützen.

Nicht die Heuer ist das Problem

Bild vergrößern
VDR-Präsident Hartmann fordert für die Reeder finazielle Entlastungen, damit sie im weltweiten Wettbewerb besser bestehen könnten.

Lob für die Gesetzesinitiative kommt naturgemäß vom Verband Deutscher Reeder (VDR) mit Sitz in Hamburg. Die Forderung nach einer Lohnkosten-Senkung für die Reeder sei ein kluger Entschluss. "Die Bundesrats-Entscheidung ist ein erster, aber sehr wichtiger Schritt, um die Beschäftigung deutscher Seeleute genau so zu unterstützen, wie dies bei unseren europäischen Nachbarn, etwa in Dänemark und den Niederlanden, für einheimische Seeleute seit Jahren üblich ist", sagt VDR-Präsident Alfred Hartmann. Viele Reedereien müssten aufgrund der wirtschaftlichen Lage deutsche Seeleute entlassen, um nicht die Existenz ihres Unternehmens zu gefährden. Die Mehrkosten für ein Schiff unter deutscher Flagge belaufen sich nach VDR-Angaben - im europäischen Vergleich - jährlich auf mehrere Hunderttausend Euro. Wobei sich die Heuer gar nicht so sehr von den Heuern anderer Staaten unterscheide. Den großen Unterschied machten die höheren Lohnnebenkosten aus.

Nur ein Bruchteil unter deutscher Flagge

Mit mehr als 3.200 Schiffen ist die deutsche Handelsflotte die viertgrößte der Welt, bei Containerschiffen steht sie sogar an erster Stelle. Nur ein Bruchteil der Schiffe fährt unter deutscher Flagge - etwa jedes neunte. Am beliebtesten sind unter deutschen Reedern die Flaggen von Liberia und Antigua & Barbuda (zusammen knapp 2.000 Schiffe). Laut dem Verband Deutscher Reeder werden auch unter ausländischer Flagge die weltweit geltenden Sicherheits- und Umweltstandards eingehalten. Aktuell gibt es etwa 6.700 deutsche Seeleute.

Know-How ist auch an Land gefragt

Es gehe bei den Subventionen nicht darum, den Reedern größere Gewinne zu bescheren, sondern darum, dass Know-How für die maritime Wirtschaft zu sichern. So verkauft der VDR seine Forderung nach einer Lohnkosten-Senkung. "Viele Bereiche an Land, darunter die Lotsen, die Hafenwirtschaft, die Schifffahrtsverwaltung, Forschungseinrichtungen und die Zulieferindustrie, sind auf das nautische und technische Fachwissen angewiesen, das nur die Seeschifffahrt bereitstellen kann", meint VDR-Präsident Hartmann.

Für einen Reeder sei es egal, ob ein Nautischer Offizier an Bord aus Deutschland komme oder von den Philippinen. Die fachliche Qualifikation sei ähnlich. Aber wenn Nautiker sich nach spätestens zehn Jahren auf See einen Beruf an Land suchen, geht der philippinische Offizier zurück in seine Heimat - und steht somit mit seinem Erfahrungsschatz nicht für den deutschen maritimen Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Was wird Merkel sagen?

Weitere Informationen

Gabriel pocht auf Vertiefung von Elbe und Weser

Bei der Maritimen Konferenz in Bremerhaven hat sich Wirtschaftsminister Gabriel für die Vertiefung von Weser und Elbe stark gemacht. Verkehrsminister Dobrindt will die Häfen unterstützen. mehr

Die Reeder tragen noch einen weiteren Wunsch an die Politik heran: Sie wollen, dass die Zahl der vorgeschriebenen EU-Bürger an Bord halbiert wird. Aktuell müssen auf einem Schiff unter deutscher Flagge mindestens vier EU-Seeleute beschäftigt werden. Unter ihnen müssen nicht zwingend Deutsche sein. Der VDR hätte nun lieber, dass nur zwei EU-Besatzungsmitglieder verordnet werden. Dieser Schritt könnte die Lohnkosten senken und so Raum schaffen, um deutsche Bewerber zu nehmen. "Wir erwarten uns von der Nationalen Maritimen Konferenz in der kommenden Woche klare politische Signale", sagte Hartmann. Mit Spannung wird in der Branche vor allem die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag auf der Konferenz in Bremerhaven erwartet.