Stand: 20.01.2016 17:30 Uhr

"Noch nie beobachtet": Nordsee mit Rekordwärme

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Der Dorsch wandert offenbar schon aus der erwärmten Nordsee in Richtung Norden.

Viele Nordsee-Urlauber haben sich rund um die Weihnachtsfeiertage über die ungewöhnlich hohen Wasser-Temperaturen gewundert. Nun hat sich gezeigt, dass die Nordsee im gesamten Dezember so warm war wie lange nicht mehr. Mit einem Oberflächenwasser von 9,5 Grad Celsius sei der Rekordwert aus dem Dezember 2006 eingestellt worden, sagte der Abteilungsleiter für Meereskunde im Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), Bernd Brügge, am Mittwoch in Hamburg. Im Unterschied zu 2006 sei es aber nicht der Sommer gewesen, der das Wasser so aufheizte, sondern der warme Herbst. Besonders ungewöhnlich sei der Anstieg um 0,1 bis 0,2 Grad zwischen dem 22. und 24. Dezember gewesen. "Das haben wir noch nie beobachtet", sagte Brügge bei der Vorstellung der Jahresbilanz.

Eine Folge des Klimawandels?

Auf das ganze Jahr 2015 gesehen waren die Temperaturen aber nicht so außergewöhnlich: Mit 10,6 Grad war es für die Nordsee das elftwärmste Jahr seit 1969. Das Rekordjahr ist 2014 mit 11,4 Grad. In den vergangenen 40 Jahren habe sich das Oberflächenwasser der Nordsee um etwa 1,5 Grad erwärmt, sagte BSH-Präsidentin Monika Breuch-Moritz. Die Forschung müsse aber noch klären, ob das nur Schwankungen seien oder ob es einen Trend gebe, der dem Klimawandel entspreche.

Ebenfalls am Mittwoch meldeten US-Wissenschaftler, dass das Jahr 2015 das mit Abstand heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen gewesen sei. Die US-Behörde für Wetter- und Meeresforschung gab an, dass die weltweite Durchschnittstemperatur 0,9 Grad Celsius über dem Mittel des 20. Jahrhunderts gelegen habe. Der bisherige Hitzerekord aus dem Jahr 2014 sei um 0,16 Grad übertroffen worden.

Dem Dorsch ist es zu warm

Das außergewöhnlich warme Wasser in der Nordsee wirkt sich schon auf die Tierwelt aus. Brügge verwies auf Forschungen von Biologen, wonach kälteliebende Fischarten wie der Dorsch weiter nach Norden wanderten, während die in wärmeren Meeren beheimatete Sardelle schon in der Nordsee gefangen worden sei. Ursache der Erwärmung sei eindeutig das Wetter, nicht die Meeresströmung. Tendenziell werde auch das Wasser der Ostsee wärmer.

"Ostsee gut durchlüftet"

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Breuch-Moritz: Noch ist unklar, inwieweit die Erwärmung mit dem Klimawandel zusammenhängt. (Archivfoto)

Für die Ostsee meldete das Bundesamt einen weiteren großen Salzwassereinbruch im vergangenen November. Dabei seien 1,4 Gigatonnen Salz in die Ostsee gespült worden. Bereits im November 2014 hatte das Bundesamt den größten Salzwassereinbruch in das Binnenmeer seit 50 Jahren beobachtet. Damals waren 3,98 Gigatonnen Salz eingeleitet worden. Das Nordseewasser sei salzhaltiger, damit aber auch sauerstoffreicher als das Brackwasser der Ostsee, erklärte Breuch-Moritz. "Das ist für die Ostsee also jedes Mal eine sehr gute Durchlüftung."

"Schiffe halten sich an strengere Abgaswerte"

Positiv bewertete die Präsidentin des Bundesamtes auch den Rückgang von Schadstoffen im Meer und von schädlichen Emissionen in der Schifffahrt. Messungen der Abgasfahnen auf der Insel Neuwerk in der Elbmündung und in Wedel bei Hamburg zeigten, dass die überwiegende Mehrzahl der Schiffe die seit einem Jahr geltenden strengeren Schwefelwerte einhalten. Die Beobachtungen deckten sich mit ähnlichen Messergebnissen aus Dänemark. Ein Problem für die Meere sei weiterhin die Einleitung von Paraffin ins Wasser. Bislang dürften Schiffe ihre Tanks noch legal auf hoher See spülen. Das führe dazu, dass Klumpen der wachsartigen, aber nicht giftigen Masse immer wieder an Stränden angeschwemmt werden.

Analyse zeigt: Meeresspiegel an Küste steigt

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Meeresspiegel an der Nordseeküste kontinuierlich gestiegen. Das ergibt eine Analyse des Recherchezentrums Correct!v. (08.12.2015) mehr