Stand: 15.06.2017 16:26 Uhr

Londoner Brand facht Kritik an Wärmedämmung an

Ein komplett ausgebranntes 24-stöckiges Hochhaus, derzeit 17 bestätigte Todesopfer und die Frage, wie sich das Feuer so schnell über die Fassade ausbreiten konnte: Nach der Brandkatastrophe im Grenfell Tower in London ist auch in Norddeutschland die Diskussion um die Wärmedämmung wieder angefacht worden. Denn der Wohnturm im Stadtteil Kensington war erst im vergangenen Jahr mit einer neuen Fassadendämmung versehen worden.

Milliardenförderung für brandanfällige Dämmung

Bereits vor fünf Jahren hatte ein Test im Rahmen einer NDR Dokumentation nachgewiesen, dass Dämmstoffe aus dem aus Erdöl hergestellten Polystyrol besonders brandanfällig sind. Dieses Material wird in Deutschland am häufigsten zur energetischen Gebäudesanierung eingesetzt, die öffentlich mit Milliardensummen gefördert wird. Und das, obwohl mittlerweile von Experten angezweifelt wird, dass das Material wirklich eine entscheidende Energieeinsparung bewirkt, ökologisch zweifelhaft ist und eine erhöhte Brandgefahr aufweist. In der Simulation eines Wohnungsbrandes stand die Polystyrol-gedämmte Fassade innerhalb von acht Minuten lichterloh in Flammen.

Generelles Verbot brennbarer Dämmmaterialien?

Gemäß der Musterhochhausrichtlinie gilt in Deutschland ein Verbot von brennbaren Materialien bei allen Häusern über 22 Metern Höhe. Allerdings gibt es daran auch Kritik, weil im Umkehrschluss bei niedrigeren Gebäuden entflammbare Stoffe zum Einsatz kommen dürfen. "Das bemängeln wir als Feuerwehr", sagte der Berliner Branddirektor Wilfried Gräfling. "Weil wir da schon schlechte Erfahrungen gemacht haben - nicht hier in Berlin, aber schon in anderen Städten."

Unter anderem in Hamburg: Hier sprang der Brand einer Mülltonne im November 2013 in einem Spalt zwischen zwei Häusern auf die just zuvor gedämmte Fassade über und konnte sich bis zum Dach ausbreiten. Damals gab es acht Verletzte. "Wir wissen um die Gefahr", sagte Thorsten Wessely von der Feuerwehr Hamburg im Gespräch mit NDR.de. "So ein Wärmeschutz hat unschöne Eigenschaften, denen wir begegnen müssen." Beispielsweise könne das Material einen schnelleren Abbrand unter ungünstigen Bedingungen zur Folge haben. Wie oft Wärmedämmung jedoch einen Brand verstärke, werde derzeit noch nicht gesondert ausgewertet.

Porträtbild von Wilfried Gräfling, Landesbranddirektor der Feuerwehr Berlin. © Wilfried Gräfling

"Brennbare Dämmung in Deutschland verbieten"

NDR Info - Mittagsecho -

Nach dem Hochhausbrand in London fordert Berlins Landesbranddirektor Wilfried Gräfling ein Umdenken bei der Verwendung brennbarer Fassadendämmung auch in Deutschland.

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Wohnungsverbände sind sensibilisiert

Auch die Hamburger Wohnungswirtschaft schaut mit Sorge auf den Londoner Hochhausbrand. Der Wohnungsverband VNW, der die SAGA und die Genossenschaften vertritt, will seine Hochhäuser überprüfen. Verbandsdirektor Andreas Breitner sagte NDR 90,3: "Niemand muss sich jetzt in Hamburg davor fürchten, dass eine zusätzliche Gefahr entstanden ist. Wir sind aber auch sensibilisiert: Jeder Fall, der wie jetzt in London auftritt, führt dazu, dass wir unsere Rahmenbedingungen überprüfen."

Der Eigentümerverband Haus und Grund teilte mit, dass es schon seit Längerem Hinweise darauf gebe, "dass polystyrolhaltige Dämmungen im Brandfall extrem gefährlich sind". Der Verband verlangte, den Einsatz von Polystyrol zur Dämmung von Gebäudefassaden sofort auszusetzen.

Regelung zum Brandschutz in Hochhäusern

Nach § 2 der Hamburgischen Bauordnung sind Hochhäuser Gebäude mit einer Höhe von mehr als 22 Metern des Fußbodens des obersten Geschosses über der Geländeoberfläche. Für sie gilt die bundesweite Musterhochhausrichtlinie. Danach müssen alle tragenden und aussteifenden Bauteile eines Hochhauses (wie z.B. Wände, Stützen, Decken) feuerbeständig ausgebildet sein und Außenwände in all ihren Teilen aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen. Hinsichtlich der Führung von Rettungswegen müssen in Hochhäusern bis zu 60 Meter Höhe zwei Treppenräume, in Hochhäusern mit mehr als 60 Meter Höhe Sicherheitstreppenräume ausgebildet werden, in denen kein Feuer und Rauch eindringen kann. Für zügige Rettungs- und Löschmaßnahmen müssen Hochhäuser mit einem Feuerwehraufzug und Wandhydranten in jedem Geschoss ausgestattet werden.
(Quelle: Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen)

Nach Tests: Brandriegel nun Pflicht

Nach den Erkenntnissen der vergangenen Jahre zur Brandanfälligkeit von Polystyrol-gedämmten Fassaden sei von der Bauministerkonferenz eine Untersuchung in Auftrag gegeben worden, hieß es aus der Hamburger Baubehörde. In der Folge seien die Einbau-Richtlinien verschärft worden: So müssen Neubauten zukünftig mit zusätzlichen Brandriegeln in der Fassade versehen werden, die den Kamineffekt und das rasante Abbrennen einer Fassade verhindern sollen.

Grundsätzlich gelte für alle neuen Gebäude in der Hansestadt: Außenwände müssen so beschaffen sein, dass ein Ausbreiten des Brandes auf und in der Außenwand ausreichend lange begrenzt ist. Für Häuser bis sieben Meter Höhe dürfen normal entflammbare Dämmstoffe verwendet werden. Bei Gebäuden ab sieben Metern Höhe müssen die Oberflächen von Außenwänden einschließlich der Dämmstoffe und Unterkonstruktionen schwer entflammbar sein.

Automatische Brandmelder sind Pflicht

In Hamburg sind laut Baubehörde für Hochhäuser in der Regel automatische Brandmelder vorgeschrieben, die alle Räume, Installationsschächte und Hohlräume in Böden und Decken vollständig überwachen. Für die Wohnungen in Hochhäusern gilt: Sie müssen mit Rauchwarnmeldern ausgestattet sein, die ans Stromnetz angeschlossen sind. Herkömmliche batteriebetriebene Rauchwarnmelder sind nicht erlaubt.

Genaue Rettungspläne für Hochhausbrände

In Mecklenburg-Vorpommern steht das höchste Wohnhochhaus in Rostock in der August Bebel-Straße. Es hat wie der Grenfell Tower 24 Stockwerke, 295 Menschen leben darin. Es handle sich für die Feuerwehr um ein sogenanntes Sonderobjekt, sagte der Leiter des Rostocker Brandschutz- und Rettungsamtes Johann Edelmann NDR 1 Radio MV. Für den Ernstfall gebe es ganz klare Instruktionen, wo die Eingänge sind und welche Einsatzkräfte wohin fahren. Das Ziel der Feuerwehr sei, in acht bis zehn Minuten vor Ort zu sein.

Das Gebäude wurde vor Kurzem saniert, allerdings mit mineralischer, also schwer entflammbarer Dämmung. Es gibt dort zudem Feuerwehrfahrstühle, die Leitungsschächte sind extra abgesichert, um den sogenannten Kamineffekt zu verhindern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 15.06.2017 | 16:00 Uhr

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