Stand: 30.06.2017 17:00 Uhr

Für die "Ehe für alle" wurde es höchste Zeit

Der Bundestag hat mit großer Mehrheit die Einführung der "Ehe für alle" beschlossen. In namentlicher Abstimmung votierten 393 Abgeordnete für das Vorhaben. 226 Parlamentarier sprachen sich dagegen aus, vier enthielten sich. Der Gesetzentwurf war auf Wunsch von SPD, Grünen und Linken ins Plenum eingebracht worden.

Ein Kommentar von Carsten Schabosky, Westdeutscher Rundfunk

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Carsten Schabosky findet es peinlich, dass es so lange gedauert hat, bis die "Ehe für alle" in Deutschland Realität geworden ist.

Liebe ist Liebe. Punkt. Jede Lesbe und jeder Schwule kann das nun auch in Deutschland sagen. Das ist ein historischer Tag. Homosexuelle, die ab jetzt verheiratet sein können, wurden früher noch öfter verhöhnt als heute - und während der Nazizeit sogar vergast. Dieses Signal wird vielen beim Coming-out helfen, sie selbstbewusster machen und Homo-Hasser alt aussehen lassen. Egal, ob sie am Stammtisch sitzen, in der Moschee oder in der Kirche.

Kein Sieg für die Politik

Die "Ehe für alle" könnte auch dafür sorgen, dass Deutschland international noch selbstbewusster auftritt, wenn es darum geht, für die Rechte von Homosexuellen einzutreten. Zum Beispiel in der Türkei und Russland.

Ein Sieg der Politik ist das aber nicht wirklich. Dafür hat die "Ehe für alle" zu lange auf sich warten lassen. Die SPD war in der Großen Koalition zu lange zu ängstlich. Die Union hat aus einem Bauchgefühl blockiert. Und nur die Linken und vor allem die Grünen dürfen sich feiern lassen. Sie haben echt fürs Thema gekämpft. Diesen historischen Tag gibt es also nicht aus Überzeugung, sondern eher aus Taktik vor der Bundestagswahl und Zufall, weil sich die Kanzlerin womöglich verplappert hat, als sie den Fraktionszwang aufhob.

Das hat zu lange gedauert

Videos
01:05

"Ehe für alle ist das i-Tüpfelchen!"

30.06.2017 13:10 Uhr
NDR Info

Die schwul-lesbische Szene feiert die Ehe für alle. Aber nicht uneingeschränkt: In Hamburg-St. Georg gibt es auch Stimmen, die die Entscheidung als "ersten Schritt" betrachten. Video (01:05 min)

Als eines der letzten westeuropäischen Länder bekommt Deutschland nun die volle rechtliche Gleichstellung im Eherecht. Es ist peinlich, dass es so lange gedauert hat. Frau-Frau oder Mann-Mann. Einer Mehrheit in Deutschland ist das seit Jahren so was von egal. Lesben und Schwule, die nun heiraten, nehmen niemandem etwas weg. Für Heteros ändert sich nichts. Und: Wer behauptet, dass es Kindern in schwulen und lesbischen Beziehungen schlechter geht als bei heterosexuellen Paaren, der hat die Studien, die es dazu gibt, nicht gelesen.

Mehrere Wünsche sind noch offen

Dieser historische Tag wird auch dafür sorgen, dass es weitere Forderungen an den Bundestag geben wird. Ein umfassender Diskriminierungsschutz im Grundgesetz aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität ist ein Wunsch, den es schon lange gibt.

Die Lücken im allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz müssen geschlossen werden - das ist ein anderer. Und: Einen nationalen Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie gibt immer noch nicht wirklich, obwohl das sogar im Koalitionsvertrag stand.

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Nachdem der Bundestag die Ehe für alle beschlossen hat, fallen die Reaktionen in Mecklenburg-Vorpommern unterschiedlich aus: Vom "traurigen Ergebnis" bis zum "Sieg für die Liebe" ist alles dabei. mehr

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Ehe für alle bekommt deutliche Mehrheit

Nach jahrelanger Debatte hat der Bundestag Homosexuellen in Deutschland den Weg zur Ehe geebnet. Der Gesetzentwurf der Länder erhält eine klare Zustimmung. Mehr bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 30.06.2017 | 18:30 Uhr

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