Stand: 17.08.2015 12:04 Uhr

Flüchtlingsheim: Zweifel an Schweigers Partner

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Die frühere Kaserne in Osterode soll zum Flüchtlingsheim umgebaut werden.

Die Pläne waren hochfliegend: Man wolle etwas Positives schaffen, das die Stadt weiterbringt. Das sagte der Unternehmer Wolfgang Koch, kurz nachdem er das Areal auf dem Gelände der ehemaligen Rommel-Kaserne in Osterode in einer Zwangsversteigerung im November 2014 für rund 160.000 Euro erworben hatte. Seit auch noch der Schauspieler Til Schweiger als Mentor im Boot ist, wird das heruntergekommene Kasernengemäuer in den Medien als künftiges Vorzeigeflüchtlingsheim in Niedersachsen gepriesen. Das Modell: Koch und seine Firma Princess of Finkenwerder bringen die Kaserne wieder in Top-Zustand - das Land mietet dann das rund 80.000 Quadratmeter große Areal, um dort ein Flüchtlingsheim betreiben lassen zu können.

Kreditausfall-Wahrscheinlichkeit: 96 Prozent

Ein Blick in die Bücher von Wirtschaftsauskunfteien lässt allerdings Zweifel aufkommen, ob aus diesen Plänen jemals Wirklichkeit wird - zumindest mit dem Stader Geschäftsmann Wolfgang Koch und seinem Firmengeflecht als Partner. Nach übereinstimmenden Rechercheergebnissen von NDR Info und der Zeitung "Die Welt" sind Zweifel an der Seriosität von Koch und seinen Firmen offenbar angebracht. Die angesehene Wirtschaftsauskunftei Creditreform bescheinigt Princess of Finkenwerder einen deutlichen Negativwert, wenn es um die Bonität geht. Creditreform beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass die Firma als möglicher Kreditnehmer innerhalb eines Jahres ausfällt, auf 96 Prozent.

"Schuldnerregisterliche Eintragungen" auf Namen Koch

Fazit von Creditreform: "Kredite werden abgelehnt, von einer Geschäftsverbindung wird abgeraten." Auf ähnlichem Niveau liegen die Einschätzungen, wenn es um Koch selbst geht: Es lägen "schuldnerregisterliche Eintragungen vor" heißt es kurz und knapp bei Creditreform. Will heißen: Bei Gerichtsvollziehern in Stade ist der Name offenbar bekannt. Der NDR hatte Koch schriftlich gebeten, zu diesen Einträgen Stellung zu nehmen, eine Antwort gab es nicht. Auf telefonische Nachfrage erklärte Koch: "Heute ist Sonntag, dafür werden Sie Verständnis haben" - und legte auf.

Gebäude in Osterode in schlechtem Zustand

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Niedersachsens Innenminister Pistorius (r.) hat Schweigers Engagement bislang gelobt.

Die Gebäude auf dem früheren Kasernengelände in Osterode befinden sich nach Angaben von Augenzeugen in einem "teilweise erbärmlichen Zustand": "Auf dem welligen Parkett kann man Achterbahn fahren" lautet die Beobachtung eines Sachkenners, der sich auf dem Gelände umgeschaut hatte. Sämtliche Rohrleitungen seien noch unter der Ägide des Vorbesitzers, der pleitegegangenen Phalanx Investment GmbH, ausgebaut und verkauft worden. In einem Gebäude habe es zudem gebrannt. Und noch etwas dürfte die Sache erschweren: Mit dem Auszug der Bundeswehr sind die Nutzungsrechte nach Informationen von NDR Info erloschen. Wer die Gebäude wieder in Gebrauch nehmen will, muss sie nach gegenwärtiger Gesetzeslage unter Neubaukriterien herrichten. Das gilt auch für die kostspielige energetische Sanierung. Es bedarf wohl mindestens einer zweistelligen Millionensumme, damit das Areal wieder genutzt werden kann. Welche Bank sollte Koch und seiner Firma diese Summe guten Gewissens zur Verfügung stellen?

Princess of Finkenwerder - Briefkastenfirma?

In der Lokalzeitung "Harzkurier" wird Koch mit den Worten wiedergegeben, man werde nur mit Subunternehmen zusammenarbeiten, die einen guten Leumund hätten. Die Suche nach dem konkreten Firmensitz gestaltet sich allerdings schwierig. Dabei spielt nach Recherchen von NDR Info vor allem eine Telefonnummer die entscheidende Rolle: ein Hamburger Festnetzanschluss in der teuren Business-Gegend am Glockengießerwall. Unter dieser Nummer ist das Koch-Unternehmen Princess of Finkenwerder zu erreichen. Telefonische Anfragen des NDR wurden dort allerdings mit der knappen Antwort beschieden: "Die Herren sind gerade nicht im Hause." Einen Rückruf gab es nicht. Mit derselben Telefonnummer wirbt im Internet auch eine Baufirma. Irritierend: Weder die Baufirma noch die Princess of Finkenwerder sind auf dem Klingelschild an dieser Adresse zu finden. Steckt eine "Briefkastenfirma" dahinter?

"Spezialist" ohne vorzeigbare Referenzen?

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Konversions-Spezialist? Nur ein Gebäude auf einem alten Kasernengelände in Stade kann mit Princess of Finkenwerder in Verbindung gebracht werden.

Die Firma Princess of Finkenwerder gilt als Spezialist für die Umwandlung von militärischen Gebäuden für eine zivile Nutzung. Zumindest wird sie in einer Antwort auf eine CDU-Anfrage im niedersächsischen Landtag so beschrieben. Die Frage von NDR Info nach vorzeigbaren Objekten ließ die Firma unbeantwortet. Lediglich ein Gebäude in Stade kann nachvollziehbar mit Princess of Finkenwerder in Verbindung gebracht werden.

FDP: Schweiger sollte seriösere Partner benennen

Nachdem die Zweifel an der Bonität von Koch und seiner Firma laut geworden sind, regen sich in Niedersachsen erste Stimmen, die dem Innenministerium in Hannover nahelegen, auf Abstand zu gehen: Der innenpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Jan-Christoph Oejten, sagte: "Princess of Finkenwerder ist aus unserer Sicht kein geeigneter Partner für das Land Niedersachsen. Wenn Til Schweiger sich einbringen will, begrüßen wir das, aber dafür sollte er dem Land seriöse Partner benennen."

Auch in der Region wächst die Empörung über die jüngste Entwicklung: Frank Kosching, Kreistagsabgeordneter der Linkspartei sprach gegenüber NDR Info von einer "desaströsen Bonität" des Unternehmens Princess of Finkenwerder. Man habe sich schon lange gefragt, warum kein Bauantrag für das Gelände gestellt worden sei. Es sei die Frage zu stellen, ob Til Schweiger über all diese Details informiert sei.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels haben wir geschrieben, dass die Firma Princess of Finkenwerder noch nicht als Eigentümer der ehemaligen Kasernengebäude in Osterode im Grundbuch eingetragen ist. Wie das zuständige Amtsgericht am Montag mitteilte, ist dies mittlerweile geschehen.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 17.08.2015 | 06:50 Uhr