Stand: 17.08.2017 18:08 Uhr

Die Bundeswehr braucht einen Kulturwandel

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) erwartet eine sorgfältige Aufarbeitung der Tradition der Bundeswehr. Dies sei kein Prozess, der in wenigen Wochen abgeschlossen sei, sagte sie bei einem Workshop in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Von der Leyen betonte, dass die Wehrmacht als Institution für die Bundeswehr nicht traditionsstiftend sein könne. In Hamburg diskutieren 300 Teilnehmer über den Traditionserlass von 1982. Nationalsozialistische Symbole sind seitdem in der Bundeswehr verboten, wenn sie nicht der politischen Bildung dienen. Das Sammeln von Waffen und anderen Ausrüstungsgegenständen, Fahnen, Bildern und Orden ist den Soldaten laut Erlass erlaubt, muss aber in einen geschichtlichen Zusammenhang eingeordnet werden.

Ein Kommentar von Christoph Prössl, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

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Viel drängender als die Formulierung eines neuen Traditionserlasses wäre also die Umsetzung des Papiers von 1982, meint Christoph Prössl.

Der Traditionserlass der Bundeswehr aus dem Jahre 1982 enthält einige Sätze, die bemerkenswert sind. "Das Grundgesetz ist Antwort auf die deutsche Geschichte", steht da geschrieben. Und: "Traditionsbewusstsein und Traditionspflege sollen dazu beitragen, die ethischen Grundlagen des soldatischen Dienstes in der heutigen Zeit zu verdeutlichen."

Ich könnte noch mehr Sätze aus dem Papier zitieren, denn der Text ist klug und klar formuliert. Verteidigungsministerin von der Leyen will den Traditionserlass trotzdem erneuern. Er soll konkreter und praktischer werden. Aus meiner Sicht ist das unnötig und auch falsch.

Von der Leyen schießt über das Ziel hinaus

In den vergangenen Wochen musste die Verteidigungsministerin viel Kritik einstecken, gerade aus der Truppe. Viele glauben zu erkennen, dass die CDU-Politikerin oft übereilt handelt, um sich selber zu schützen und so über das Ziel hinausschießt. Der Traditionserlass ist dafür ein gutes Beispiel. Denn wer diesen über drei Jahrzehnte alten Text liest, dem wird deutlich: Eigentlich müsste doch alles klar sein. Auch heute noch.

Das Papier muss auch umgesetzt werden

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Von der Leyen will neuen Umgang mit Traditionen

Wie geht die Bundeswehr mit ihren Traditionen um? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Workshop in Hamburg. Bundesverteidigungsministerin von der Leyen: "Das Thema verträgt keine Eile." mehr

Die Debatte um Kasernennamen, Vorbilder, Umgang mit der Geschichte ist erst in den vergangenen Monaten wieder intensiver geführt worden. Anlass waren Meldungen über den mutmaßlichen Rechtsterroristen Franco A., der Anschläge geplant haben soll, wirre rechtsradikale Gedanken zu einer Abschlussarbeit zusammen fasste und dabei auch noch von Vorgesetzten gedeckt worden sein soll. Es folgte die Bestandsaufnahme von Devotionalien in den Kasernen, die viele Bundeswehrangehörige als Durchsuchung unter Generalverdacht erlebt haben.

Viel drängender als die Formulierung eines neuen Traditionserlasses wäre also die Umsetzung des Papiers von 1982. Dass dies bislang nur unzureichend geschehen ist, hat auch Verteidigungsministerin von der Leyen zu verantworten.

Die Basis ist das Grundgesetz

Warum ist die Lent-Kaserne in Rotenburg/Wümme immer noch nach einem Piloten der Wehrmacht benannt, der nicht Teil des Widerstandes war? Warum soll ausgerechnet dieser Soldat ein Vorbild sein? Meiner Meinung nach ist das völlig aus der Zeit gefallen. Die Debatte läuft auf kommunaler Ebene. Aber das letzte Wort hat die Ministerin. Von der Leyen hat das Thema zu lange ignoriert.

Der Traditionserlass von 1982 macht deutlich, dass die Basis jeder Tradition der deutschen Streitkräfte das Grundgesetz ist. Traditionsbewusstsein zu wecken, sei wichtige Aufgabe der Vorgesetzten, steht da. Und vielleicht ist das einer der wichtigsten Sätze in diesem Papier, den von der Leyen beherzigen sollte. Eine Ministerin kann nicht alles bis ins Detail vorgeben. Sie muss der Führung der Bundeswehr den Raum geben, sich mit ihrer Tradition auseinander zu setzen. Und vielleicht müssen Offiziere auch mutiger sein, die Debatte um Tradition und Brauchtum zu führen.

Die Bundeswehr braucht einen Kulturwandel. Die Angst, möglicherweise einen Fehler zu machen, darf die Führung nicht lähmen. Penible Vorgaben, was Tradition ist und was nicht, sind einer Armee nicht würdig, die das Prinzip der Inneren Führung, also der Verantwortung der einzelnen Soldatin/des einzelnen Soldaten in den Mittelpunkt ihrer Kultur gestellt hat.

Ursula von der Leyen bei einer Pressekonferenz zum Thema "Gorch Fock". © NDR Fernsehen

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Zeugt der Skandal um Bundeswehroffizier Franco A. von "Haltungsproblemen" und "Führungsschwäche"? Ein Problem mit "rechtem Korpsgeist" hat die Truppe jedenfalls schon länger.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 17.08.2017 | 18:30 Uhr

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