Stand: 27.12.2015 17:04 Uhr

Chronologie: Der Dioxin-Skandal

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2010 wird Dioxin in Futtermitteln festgestellt. Belastete Eier kommen in Umlauf.

Der Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter verunsichert die Verbraucher. NDR.de zeigt, wie sich die Lage in Norddeutschland entwickelt hat.

23.12.2010: Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium in Hannover erfährt von der Selbstanzeige eines Betriebes aus Dinklage (Kreis Vechta), der bei Eigenkontrollen in Legehennen-Futtermitteln deutlich erhöhte Dioxinwerte festgestellt hatte. Es liegt eine Liste der mit diesen Futtermitteln belieferten Betriebe vor. Diese dürfen vorerst keine Eier mehr auf den Markt bringen.

27.12.2010: Beim Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) in Oldenburg gehen 34 Proben aus den betroffenen Legehennen-Betrieben ein.

28.12.2010: Es wird bekannt, dass das verseuchte Tierfutter von einem Betrieb aus Schleswig-Holstein stammt: dem Futtermittel-Hersteller Harles und Jentzsch in Uetersen (Kreis Pinneberg). Die Firma soll am 11. November 2010 unerlaubterweise technische Fette, die mit Dioxin belastet waren, zur Futter-Herstellung verwendet haben. Das Landwirtschaftsministerium in Hannover geht zunächst von einem einmaligen Versehen aus.

29.12.2010: Der Futtermittel-Mischbetrieb Lübbe im niedersächsischen Bösel (Kreis Cloppenburg) wird für die Futtermittel-Herstellung gesperrt. Eine Überprüfung ergibt, dass bei der Firma Lübbe technische Fettsäuren in mehr Tanks als zunächst angenommen gefüllt worden war. Somit ist klar, dass Lieferungen mit verseuchtem Futter an weitere sieben Futtermittel-Unternehmen in Niedersachsen gingen. Diese Betriebe werden nun überprüft.

03.01.2011: Der Skandal weitet sich aus. Das Landwirtschaftsministerium in Hannover geht nicht mehr von einem einmaligen Versehen bei der Futtermittel-Herstellung aus. Landesweit werden 1.000 Betriebe vorsorglich gesperrt. Betroffen sind Legehennen-Farmen, Schweine- und Putenzüchter. "Wir legen erstmal alles still. Der Verbraucherschutz geht vor", heißt es aus dem Ministerium.

Der Geschäftsführer von Harles und Jentzsch, Sievert, sagt: "Wir waren leichtfertig der irrigen Annahme, dass die Mischfettsäure, die bei der Herstellung von Biodiesel anfällt, für die Futtermittel-Herstellung geeignet ist." Die Staatsanwaltschaft Itzehoe ermittelt gegen den Betrieb.

04.01.2011: Die Landesregierung in Kiel teilt mit, dass auch mehr als 50 landwirtschaftliche Betriebe und einige Genossenschaften in Schleswig-Holstein mit verseuchtem Futter beliefert worden sind.

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In den Agrarministerien ist von "kriminellen Machenschaften" bei Harles und Jentzsch die Rede.

05.01.2011: In Schwerin verkündet Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD), dass Lieferungen mit verseuchtem Tierfutter auch an Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern gingen.

Die Behörden führen Durchsuchungen beim Futtermittel-Hersteller Harles und Jentzsch in Uetersen und beim Mischbetrieb Lübbe in Niedersachsen durch. Die Oldenburger Staatsanwaltschaft leitet gegen die Lübbe-Geschäftsführer ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts von Verstößen gegen das Lebens- und Futtermittel-Gesetzbuch ein. Die Anlage sei illegal betrieben worden.

06.01.2011: Die Landesregierung in Düsseldorf wirft der niedersächsischen Landesregierung vor, im Dioxin-Skandal zu langsam reagiert zu haben. Das Landwirtschaftsministerium in Hannover habe Ende Dezember nicht rechtzeitig Listen jener Mastanlagen herausgegeben, die unter Umständen mit dioxinverseuchtem Futter beliefert wurden. Das Ministerium weist die Vorwürfe zurück.

Die Firma Harles und Jentzsch widerspricht Medienberichten über eine mögliche Insolvenz. "Wir arbeiten weiter", sagt Geschäftsführer Sievert.

07.01.2011: Das Landwirtschaftsministerium in Kiel bestätigt einen Zeitungsbericht, demzufolge die Firma Harles und Jentzsch schon länger dioxinverseuchte Fette zu Tierfutter verarbeitet habe. Bereits im März 2010 habe ein Privatinstitut das Gift in einer Probe gefunden. Der Befund sei aber damals nicht gemeldet worden, so das Ministerium.

In Niedersachsen sind wegen des Dioxinskandals inzwischen mehr als 4.400 Höfe vorsorglich gesperrt. Nach Ansicht des dortigen Agrarministeriums spricht vieles dafür, dass der Futterfett-Hersteller aus Uetersen seine Kunden betrogen und minderwertiges Industriefett als Futterfett verkauft habe.

08.01.2011: Entwarnung für Niedersachsens Milchbetriebe: Die 462 vorsorglich gesperrten Höfe werden wieder freigegeben. Laut Agrarministerium ist der Dioxin-Grenzwert in keiner Probe überschritten worden.

09.01.2011: Niedersachsens Landwirtschaftsministerium gibt die meisten gesperrten Agrarbetriebe wieder frei. Auch für die noch verbleibenden 1.470 Höfe soll es bald Entwarnung geben.

10.01.2011: Bundesweit sind noch 558 Betriebe gesperrt, davon 330 in Niedersachsen. Neben den betroffenen Landwirten wollen jetzt auch die Bundesländer Schadenersatzansprüche anmelden.

11.01.2011: In Niedersachsen wird bei einer Probeschlachtung im Landkreis Verden erstmals ein stark erhöhter Dioxinwert in Schweinefleisch gefunden. Mehrere Hundert Schweine des Betriebes sollen getötet werden. Der Kreisveterinär geht davon aus, dass belastetes Fleisch von dem Hof bereits in den Handel ging.

12.01.2011: Auch das Agrarministerium in Hannover räumt ein: "Leider ist nicht auszuschließen, dass mit Dioxin belastetes Fleisch in den Handel gelangt ist."

12.01.2011: Der Futtermittelproduzent Harles und Jentzsch meldet Insolvenz an.

13.01.2011: Die Region Hannover zieht nach Kontrollen in Supermärkten rund 2.000 belastete Eier aus dem Verkehr. Die Ware stammt von einem Zwischenhändler aus dem Landkreis Nienburg.

14.01.2011: Das Bundes-Landwirtschaftsministerium gibt bekannt: Das Fleisch von 180 vermutlich dioxinbelasteten Schweinen aus dem Landkreis Verden ging in den Handel, größtenteils nach Polen und Tschechien. Ministerin Ilse Aigner (CSU) will Futtermitttel sicherer machen. Künftig soll es unter anderem eine Meldepflicht für Ergebnisse von Privatlaboren geben, schärfere Vorgaben für Kontrollen und zwingende Haftpflichtversicherungen für Betriebe und Produkte.

19.01.2011: In Hannover wird Niedersachsens neuer Landwirtschaftsminister Gert Lindemann vereidigt. Der Dioxin-Skandal sei kein Argument gegen Massentierhaltung, meint Lindemann.

02.02.2011: Als Konsequenz aus dem Dioxin-Skandal beschließt das Bundeskabinett härtere Auflagen für Futtermittel-Unternehmen. In Zukunft sollen die Hersteller die Behörden über alle Testergebnisse von Tierfutter informieren.

23.06.2011: Die Schadenersatzforderungen liegen vor. Insgesamt 277 Gläubiger haben Ansprüche beim Insolvenzverwalter Heiko Fialski angemeldet. Das Ergebnis: Die Summe der Schadenersatzforderungen liegt bei 19 Millionen Euro.

28.06.2011: Im Amtsgericht Pinneberg findet die erste Gläubigerversammlung statt. Insolvenzverwalter Fialski informierte auf der Versammlung über die aktuelle wirtschaftliche Lage der Firma sowie die Ursachen der Insolvenz.

02.02.2012: Es wird bekannt, dass Harles und Jentzsch von der Hamburger Firma OleoServ übernommen wird. Der neue Eigentümer will die Produktion in Uetersen fortsetzen.

28.12.2012: Zwei Jahre nach dem Dioxin-Skandal warten viele Landwirte weiter auf Entschädigungen. Solange die Schuldfrage juristisch nicht geklärt ist, zahlen die Versicherungen des Futtermittelherstellers nicht.

15.03.2013: Die Staatsanwaltschaft Itzehoe klagt den Geschäftsführer und den Prokuristen von Harles und Jentzsch wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 102 Fällen an. Sie sollen ihren Futtermitteln verbotenerweise Fett aus Altspeiseresten untergemischt haben.

10.04.2013: In Vechta beginnt der bundesweit erste Prozess im Dioxin-Skandal: Wegen Verstößen gegen das Lebensmittel- und Futterrecht sowie eine Verletzung der Unterrichtungspflicht müssen sich zwei Ex-Vorstände der Landwirtschaftlichen Bezugsgenossenschaft Damme vor dem Amtsgericht verantworten.

24.01.2014: Ein Richter am Amtsgericht hält einen Befangenheitsantrag der Verteidigung für begründet - das Verfahren platzt. Es ist bereits der 16. Befangenheitsantrag. Der Prozess muss nun völlig neu aufgerollt werden.

16.10.2014: Am Amtsgericht Vechta geht der Dioxin-Prozess in die zweite Runde. Eine zweite Richterin hatte sich selbst für befangen erklärt, ein dritter führt nun die Verhandlung.

20.11.2014: Das Urteil fällt. Das Amtsgericht Vechta sieht im Verhalten der Angeklagten keine Straftaten, sondern Ordnungswidrigkeiten. Das Gericht verurteilt einen der Angeklagten wegen Fahrlässigkeit zu einer Geldbuße von 1.000 Euro, den anderen wegen vorsätzlichen Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futterrecht zur Zahlung von 3.000 Euro.

25.03.2015: Urteil am Oberlandesgericht Oldenburg: Ein Futtermittel-Hersteller aus dem Landkreis Vechta muss 43.000 Euro Schadensersatz an einen Landwirt zahlen. Er hatte dem Bauern Dioxin verseuchtes Futter geliefert. Dadurch habe er seine Eier zunächst nicht mehr und auch später nur zu niedrigeren Preisen vermarkten können.