Stand: 15.09.2017 16:12 Uhr

Der Bund muss das Thema Bildung ernst nehmen

Niedersachsen ordnet Gymnasiallehrer an andere Schulen ab. In Berlin sollen pensionierte Lehrkräfte wieder aktiv werden. Und in Sachsen übernehmen auch mal Mütter den Unterricht, damit der Stundenplan nicht völlig zusammenbricht. In Deutschland fehlen Lehrerinnen und Lehrer. Etwa 3.300 sind es bundesweit - vor allem an den Grundschulen. Norddeutschlands Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern bekommen das jeden Tag zu spüren.

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"Das Kernproblem ist immer noch, dass Bildungspolitik Ländersache ist", schreibt Verena Gonsch im Kommentar.

Bildung steht hoch im Kurs bei den Wählerinnen und Wählern. Eine Mehrheit gibt sogar an, dass dieses Thema für sie sehr wichtig ist. Die vergangenen Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben es gezeigt. Allerdings: Noch während sich die Parteien in ideologischen Debatten über G8 oder G9 verstricken, drohen die fehlenden Lehrer den Schulbetrieb komplett zu lähmen.

Wer seine Kinder in Hamburg oder Mecklenburg-Vorpommern zur Schule schickt, hat dabei noch Glück. Vor allem Hamburg als Großstadt ist beliebt und zahlt großzügig. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind die Ausfälle schon deutlich schwerwiegender. Da müssen Direktoren mühsam Tag für Tag Löcher stopfen und die Kinder früher nach Hause schicken. Und in den Grund- und Förderschulen findet sich oftmals noch nicht mal jemand, der diesen Posten überhaupt will und den Mangel verwaltet.

Demografischer Wandel trägt eine Teilschuld

Dabei kann man den Lehrermangel nur bedingt den Politikern in die Schuhe schieben. Eher den Demografen. Denn bei der künftigen Schülerzahl hat sich schon manche Behörde gründlich verschätzt. Geschehen ist das zuletzt in den Nach-Wendejahren, als die Geburtenrate in Ostdeutschland in den Keller ging. Viele Lehrer standen auf der Straße. Derzeit haben wir den umgekehrten Effekt.

Demografen sprechen von einem Babyboom und einer riesigen Pensionierungswelle. Viele Schüler und wenig Lehrer und dazu noch einen unerwartet hohe Zahl an Studierenden, die auch an den Unis viele Lehrkräfte binden. Hinzu kommt der sogenannte Schweine-Zyklus, bekannt aus volkswirtschaftlichen Grundkursen: Viele Studierende werden jetzt anfangen, auf Lehramt zu studieren. Im Schnitt werden sie in fünf bis sieben Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Ob dann noch so viele Lehrer gebraucht werden, ist heute unklar.

Kernproblem: Bildungspolitik ist Ländersache

Das alles soll nicht als Entschuldigung für die Politik in Bund und Ländern herhalten. Das Kernproblem ist immer noch, dass Bildungspolitik Ländersache ist. Viel Energie geht in den Ländern in neue Reformprojekte. Der Bund zieht sich darauf zurück, große Investitionen zu versprechen, von denen momentan noch nicht viel zu sehen ist.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) musste kürzlich einen Rückzieher machen bei ihrem Versprechen, die Schulen fit für den digitalen Wandel zu machen. Manches Schulgebäude sieht auch von innen aus wie aus dem vergangenen Jahrtausend. Tablets und Smartboards und frisch geweißte Wände lösen nicht das Problem des Lehrermangels. Dazu braucht es Bildungsgipfel, veränderte Studienordnungen und Notfallpläne. Trotzdem würden moderne Schulen die Lust am Lernen und dort arbeiten erhöhen.

Lehrermangel kann die Schulen zurückwerfen

Insgesamt wird es Zeit, Bildung wirklich ernst zu nehmen. Die Leistungen der Schüler haben sich kontinuierlich verbessert. Der PISA-Schock hat Konsequenzen gehabt. Deutschland findet sich im oberen Drittel des weltweiten Schulvergleichstest. Aber der Lehrermangel kann die Schulen zurückwerfen. Nach der Wahl wird der neuen Regierung das Problem auf die Füße fallen. Noch in diesem Herbst muss etwas passieren.

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Dank des Lehrermangels haben Seiteneinsteiger die Chance, den Entertainer für Schüler zu geben. Klasse Sache, meint Detlev Gröning - und bittet in seiner Glosse auf ein Wort. mehr

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NDR Info | Kommentare | 15.09.2017 | 17:08 Uhr

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