Stand: 28.01.2016 10:03 Uhr

Debatte um Glyphosat-Zulassung geht weiter

In Brüssel beraten Vertreter der EU-Staaten über das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. In den kommenden Monaten wird die EU-Kommission entscheiden, ob Glyphosat für weitere zehn Jahre in der Europäischen Union zugelassen bleibt. Mitten im Zulassungsverfahren hat das Umweltbundesamt eine neue Studie vorgelegt.

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Glyphosat ist weltweit das meistverkaufte Unkrautgift.

Wenn in Brüssel über Glyphosat gesprochen wird, dann findet die Untersuchung des Bundesumweltamtes höchstwahrscheinlich keine Beachtung. Über einen Zeitraum von 15 Jahren - zwischen 2001 und 2015 - hat die Behörde regelmäßig Urin-Stichproben von 400 Menschen untersucht. Das Ergebnis beschreibt Andreas Gies, der Leiter der Abteilung Umwelthygiene im Umweltbundesamt: "In mehr als der Hälfte finden wir diese Glyphosat-Belastung."

Ist Glyphosat krebserregend?

In ihrer Analyse stellt die Behörde zwar keine erhöhten Werte im Urin fest - vielmehr liegt die höchst gemessene Konzentration des Unkrautvernichters laut Studie um den Faktor 1000 niedriger als das, was die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit für vertretbar hält. Gies hält die Ergebnisse trotzdem für besorgniserregend: "Die Weltgesundheitsorganisation hat festgestellt, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend im Menschen ist. Und wenn Glyphosat krebserregend ist, ist es ein Problem, dass wir es überhaupt im Körper haben."

Glyphosat ist das meistverkaufte Unkrautgift weltweit. Es ist in Dutzenden Mitteln enthalten. Das bekannteste von ihnen heißt Roundup. Landwirte setzen es auf ihren Feldern ein. Außerdem wird es im Gartenbau angewendet, aber auch an Bahnstrecken und in öffentlichen Parks.

BfR-Bewertung kontra Umweltbundesamt-Studie

Was ist Glyphosat?

Der Wirkstoff Glyphosat ist Bestandteil von Unkrautvernichtungsmitteln. Er hemmt ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym. Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen werden durch Glyphosat nicht geschädigt. In Deutschland kommt das Mittel Schätzungen zufolge auf 30 bis 40 Prozent der Ackerflächen zur Anwendung.

Seit der Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation, wonach Glyphosat wahrscheinlich krebserregend ist, ist ein Streit unter Wissenschaftlern entbrannt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bescheinigt dem Unkrautvernichter Unbedenklichkeit. Und wenn in Brüssel über Glyphosat diskutiert wird, dann spielt die Bewertung des BfR eine entscheidende Rolle, weniger die Untersuchung des Umweltbundesamtes. Beim BfR will man sich zu der Untersuchung durch das Bundesumweltamt nicht äußern. Für das Zulassungsverfahren müsse sie nicht herangezogen werden, heißt es. Nur so viel: Die publizierten Daten seien keine repräsentative Studie. Roland Solecki, beim BfR zuständig für Pestizide, sagt: "Wir haben die wissenschaftliche Bewertung zunächst abgeschlossen. Jetzt ist es Sache der Politiker zu entscheiden: Soll Glyphosat erstmal genehmigt werden?"

Grüne berufen sich aufs Vorsorgeprinzip

Harald Ebner, Pestizid-Experte bei den Grünen, will, dass die Neuzulassung von Glyphosat auf EU-Ebene gestoppt wird. Aus seiner Sicht fehlten umfassende Untersuchungen darüber, wie hoch die Gefährdung durch das Mittel wirklich ist. Bis dahin müsse das Vorsorgeprinzip gelten: "Das heißt, man kann die Zulassung nicht verlängern. Vor allem brauchen wir einen Stopp von Glyphosat-Anwendungen, gerade auch im öffentlichen Raum."

Niedersachsen und Hamburg haben reagiert

Ebenso wie die Grünen mahnt auch Andreas Gies vom Umweltbundesamt weitere Untersuchungen an: "Wir können heute noch nicht sagen, wie beispielsweise Kinder belastet sind. Wir können auch nicht sagen, welche Faktoren die Menge von Glyphosat beeinflussen, die wir in den Körper aufnehmen. Wenn wir uns zum Beispiel vegetarisch ernähren: Haben wir dann geringere Gehalte an Glyphosat in unserem Körper?"

Mehrere Bundesländer, darunter Niedersachsen und Hamburg, haben vor wenigen Tagen die Anwendung von Glyphosat an öffentlichen Plätzen vorläufig gestoppt - bis, so die Formulierung aus Hamburg, geklärt ist, ob und unter welchen Bedingungen das Mittel krebserregend ist. Viele Baumärkte haben entsprechende Mittel aus ihren Regalen genommen.

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NDR Info | 28.01.2016 | 07:38 Uhr