Sendedatum: 02.06.2014 07:00 Uhr

Unentdeckte Gefahren: Bomben im Boden

Bild vergrößern
Schausteller dürfen beim Aufbau des Doms keinen Nagel in den Boden schlagen.

Bombenalarm am Hamburger Heiligengeistfeld im Jahr 2012: Bei Sondierungsarbeiten für eine Wasserleitung finden die Experten zwei Weltkriegsbomben direkt übereinander, 1.000 und 500 Pfund schwer. Auf dem Gelände neben einem ehemaligen Flakbunker findet dreimal im Jahr der Dom statt, ein Volksfest mit Tausenden Besuchern. Den Veranstaltern ist es streng verboten, für ihre Zelte und Buden auch nur einen Nagel in den Boden zu schlagen. Denn Wissenschaftler vermuten noch Dutzende weitere Bomben im Untergrund. "Wir haben immer gesagt, Eingriffe in den Boden sind absolut tabu. Wenn man sich daran hält, kann nichts passieren", sagt Daniel Stricker, Sprecher der Hamburger Finanzbehörde.

Zünder zersetzen sich mit der Zeit

Trotzdem lässt die Finanzbehörde das Heiligengeistfeld inzwischen systematisch nach weiteren Blindgängern absuchen. Gefährlich sind vor allem Munitionskörper mit einem chemischen Langzeitzünder, der sich im Laufe der Jahre zersetzt. Ein- bis zweimal im Jahr kommt es in Deutschland zu Selbstdetonationen. Dann explodiert die Bombe plötzlich neben Radwegen, an Liegewiesen und in Vorgärten. Bundesländer wie Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind besonders betroffen, sie wurden im Krieg flächendeckend bombardiert. Doch wie viele Bomben noch im Boden liegen, weiß niemand genau.

Aufschluss durch alte Luftbildaufnahmen

Die Suche nach den Bomben im Boden ist aufwendig und teuer. Hamburg und Schleswig-Holstein gehören zu den Vorreitern. Hier kaufen die Behörden Luftbildaufnahmen der Alliierten aus dem Krieg und durchsuchen Archive, um die Blindgänger zu lokalisieren. Doch das mache es nicht unbedingt einfacher, sagt Jürgen Kroll, der beim Landeskriminalamt Schleswig-Holstein für die Kampfmittelräumung zuständig ist. "Wenn sie 50 Kilometer Akten vor sich haben und haben erst fünf Kilometer durch, dann wissen sie noch gar nichts über das Endergebnis." Es werde noch ein paar Generationen dauern, bis die Behörden mit einiger Sicherheit sagen könnten, dass da nichts mehr liegt. "Selbst dann würde man immer noch auf Zufallsfunde stoßen in den folgenden Jahrzehnten", sagt der Experte.

Präventive Suche zu teuer

Doch was passiert nach den Recherchen? Bislang rücken die Kampfmittelräumdienste nur selten aus, um ein besonders betroffenes Gebiet vorbeugend zu durchsuchen und die Bomben zu entschärfen. Die Bergungstruppe kommt meist erst dann, wenn zum Beispiel Bauarbeiter Munition finden. 40.000 bis 500.000 Euro kostet die Bergung einer großen Weltkriegsbombe je nach Lage. Eine präventive Suche ist also für die Länder schlicht zu teuer.

Spielt die Politik auf Zeit?

Kampfmittelexperte Wolfgang Spyra von der Universität Cottbus plädiert dafür, den Bund stärker in die Pflicht zu nehmen. "Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Politik das nicht ganz ernst nimmt und nicht die Mittel zur Verfügung stellt, die für die Entsorgung der Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg erforderlich wären", sagt er. Gehandelt werde deshalb meist erst dann, wenn es wieder einen tödlichen Unfall gebe, sagt Spyra. Die Politik spiele auf Zeit - und mit dem Leben der Menschen. 

Weitere Informationen

So arbeiten die Sprengmeister im Norden

Die Entschärfung von Fliegerbomben und anderen Kampfmitteln ist in jedem Bundesland separat geregelt. In Norddeutschland gibt es vier verschiedene Stellen, die bei einem Bombenfund in Aktion treten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 02.06.2014 | 07:00 Uhr