Stand: 08.06.2015 19:36 Uhr

Behinderungen sollen kein Nachteil sein

Ganz gleich, ob jemand eine Lese-Rechtschreibschwäche hat, körperbehindert oder psychisch beeinträchtigt ist: Eine moderne Gesellschaft sollte versuchen, jeden so zu nehmen, wie er ist. Dafür wirbt der deutschlandweite Diversity Tag - gelebte Vielfalt eben. Nachholbedarf gibt es an vielen Stellen, zum Beispiel an den Fachhochschulen. Das haben ihre Kanzler gerade festgestellt. Eine Ausnahme ist die FH Kiel. Sie bemüht sich nicht nur um mehr barrierefreie Zugänge ihrer Studierenden.    

Beratung und konkrete Hilfe

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Studentin Sonja Borowski (l.) - hier im Büro von Roswitha Pioch - engagiert sich in der Jugendgruppe vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie.

"Ich komme von der Jugendgruppe vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie, und wir haben Flyer entwickelt, die wir gerne an jede Fachhochschule und Unis geben wollen, damit sich Betroffene an uns wenden können." Studentin Sonja Borowski sitzt bei Roswitha Pioch im Büro. Diese ist an der Fachhochschule Kiel für behinderte und/oder chronische kranke Studierende zuständig. Zwischen fünf bis zehn Prozent der rund 7.000 Studierenden sind gesundheitlich beeinträchtigt. Die Professorin berät nicht nur, sondern hat auch zahlreiche spezielle Geräte: "Hier haben wir einen der modernsten Drucker im Hochschulbereich in Schleswig-Holstein. Mit diesem Drucker können wir alle Texte auch in Braille-Schrift, der Schrift für Sehbehinderte, ausdrucken. Wir können Folien drucken, mit denen wir unsere Türschilder für Sehbehinderte lesbar machen."

Ziel ist ein Studienabschluss

Außerdem gibt es zwei Bildschirme, auf denen Texte besonders groß und kontrastreich dargestellt werden können. Ganze Bücher können dort eingescannt werden. Vielfalt zu fördern und allen die gleichen Chancen zu geben, sei für die Fachhochschule Kiel ein zentrales Anliegen, sagt Roswitha Pioch: "Das bedeutet, dass wir auch Menschen mit Beeinträchtigungen, mit chronischer Krankheit, mit Behinderung oder Teilleistungsstörung an die Hochschule kommen lassen und dass wir sie darin fördern wollen, ihren Leistungsmöglichkeiten entsprechend auch ein Studium abzuschließen."

Nachteilsausgleich bei Klausuren

Das Engagement von  Sonja Borowski findet sie deshalb besonders wichtig. Die 22-jährige Studentin ist selbst Legasthenikerin. Bei Klausuren bekommt sie Texte in extra großer Schrift und mehr Zeit zum Bearbeiten. Das nennt man Nachteilsausgleich. "Ich habe hier noch nie was Negatives erfahren. Im Gegenteil: Ich habe mit anderen Studenten darüber geredet, warum ich den Nachteilsausgleich bekomme, und dann meinten ganz viele: 'Och, ich habe ja auch eine Legasthenie, das möchte ich auch beantragen. Was kann ich machen? Das würde mir total helfen.' Das ist eine sehr positive Resonanz."

Dennoch muss Sonja Borowski mehr leisten als andere. Freunde und Verwandte sehen Hausarbeiten auf Rechtschreibfehler durch, und obwohl sie in Vorlesungen den Laptop benutzen darf, fällt es ihr oft schwer zu folgen.

"Bewusstsein für unterschiedliche Qualitäten schaffen"

Gerade an den Fachhochschulen mit ihren sehr unterschiedlichen Studierenden sieht auch Bernd Klöver Handlungsbedarf. Der Kanzler der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg hat das Thema gerade auf einer Tagung mit seinen Kollegen besprochen: "Ein Bewusstsein schaffen dafür, dass die Zuhörerschaft, die Studierendenschaft, aber auch die Mitarbeiterschaft, die Belegschaft nicht so homogen ist, wie man sich das vorstellt, sondern alle mit ganz unterschiedlichen Qualitäten zu einem kommen. Wenn man das begreift und sieht, dass man das auch viel besser nutzen könnte, anstatt alle über einen Kamm zu scheren sozusagen, hat man glaube ich schon die halbe Miete eingefahren."

Nachholbedarf in Hamburg

Bisher werde das Thema noch zu wenig als Querschnittsaufgabe gesehen, auch an der HAW in Hamburg, räumt der Kanzler ein: "So ein gesamtheitliches Konzept haben wir auch noch nicht, haben jetzt aber gerade unsere Strukturentwicklungsplanung für die nächsten fünf Jahre erarbeitet. Und da ist das Thema Diversity ganz oben." Das Ziel: konkret etwas zu verändern und das Erreichte jedes Jahr selbstkritisch auf den Prüfstand zu stellen.

Weitere Informationen

Diversity-Tag: Vielfalt als Chance

Jedes Jahr am 9. Juni veranstaltet der Verein Charta der Vielfalt den Deutschen Diversity Tag. An dem Tag legen Unternehmen den Fokus auf den Vielfaltsgedanken - auch der NDR. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 09.06.2015 | 10:20 Uhr