Stand: 07.10.2015 16:45 Uhr

Auf der S-Bahn-Trasse zurück in die Steinzeit

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Das Tunneltal war in der Eiszeit Jagdrevier - daran erinnert der Fund dieses Rentierknochens.

Pfeilspitzen, Schaber und Rentierknochen: Diese und weitere eiszeitliche Hinterlassenschaften haben Archäologen im Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal gefunden und am Mittwoch in Hamburg präsentiert. Seit dem Sommer haben sie entlang einer möglichen Bahnlinie gegraben: Nach Plänen der Hansestadt und Schleswig-Holsteins soll in einigen Jahren zwischen Altona und Ahrensburg die S-Bahn-Linie 4 rollen.

"Schatztruhe der Eiszeit"

Das Tunneltal ist geschichtsträchtiger Boden und verbirgt die "Schatztruhe der Eiszeit", wie es Ingo Clausen, Gutachter vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein, ausdrückte. Vor etwa 10.000 Jahren zogen Wissenschaftlern zufolge Rentierjäger durch die Gegend. Für die Erforschung der Besiedelungsgeschichte in der späten Eiszeit hat das Tal internationale Bedeutung.

Laut Grabungsleiter Matthias Lindemann entstand das Tunneltal am Ende der letzten Eiszeit als Schmelzwasserrinne. Die zahlreichen Tümpel und Seen lockten durstige Rentierherden an - und diese wiederum hungrige Menschen. Mit Pfeil und Bogen waren die Steinzeit-Jäger unterwegs. Clausen schätzt, dass unter der Baufläche auf schleswig-holsteinischem Gebiet mindestens 90.000 Knochen von über 2.000 erlegten Rentieren lagern.

Heute sind die Gewässer verlandet, darüber sind mehrere Meter Moor gewachsen. Der Boden hat zahlreiche Artefakte konserviert. "Die Abfälle der Rentierjäger sind wunderbar erhalten", sagte Lindemann. Bereits in den 1930er-Jahren sei dort die älteste bekannte Pfeilspitze der Menschheit gefunden worden.

Älteste Kunstwerke der Welt - "Wertigkeit wie Akropolis"

Einige der ältesten Kunstwerke der Welt liegen laut Clausen in dem Tunneltal. In den 1950er-Jahren sei ein Stück Rentiergeweih gefunden worden, auf dem ein menschliches Antlitz mit merkwürdig spitzen Ohren zu sehen sei. Die Darstellung weise Parallelen zu steinzeitlichen Höhlenmalereien in den Pyrenäen auf. Bei den jetzigen Untersuchungen sei ein Schwirrgerät, eine Art primitives Musikinstrument, entdeckt worden. Das Tal komme in seiner Wertigkeit durchaus dem Kölner Dom oder der Akropolis gleich, erklärte Clausen.

"Wir graben nicht nach Schätzen, sondern nach Informationen"

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Im Tunneltal wurden auch alte Gefäßscherben aus dem 2. bis 1. Jahrhundert vor Christus gefunden.

Die jüngsten Grabungen wurden von Fachleuten des Archäologischen Landesamts Schleswig-Holstein durchgeführt. Vor allem die hohe Dichte der gefundenen Artefakte überraschte sie. Auf einen Quadratmeter kamen in einigen Bereichen bis zu zehn Knochenfunde. Die Experten gehen davon aus, dass im Untersuchungsgebiet die Überreste von ungefähr 2.000 Tieren liegen, die aus den Jahren 12.500 bis 10.000 vor Christus stammen. Nach Erfassung und Bewertung gelangen die Funde ins Magazin des Archäologischen Museums Hamburg. Lindemann betonte: "Wir graben nicht nach Schätzen, sondern nach Informationen." Dank moderner Untersuchungsmethoden bieten die Fundstücke eine Fülle von Daten. Die DNA der Rentierknochen verrate beispielsweise Alter und Geschlecht des Tieres, über die Analyse des Knochengewebes und von Zähnen könnten Wissenschaftler Aussagen zu Weidegründen und Wanderungsbewegungen der Tiere machen.

Gutachten Teil der Vorplanung

Nach Angaben der Stadt sind die Vorplanungen für die S4 weitgehend abgeschlossen. Doch ob die 36 Kilometer lange S-Bahnlinie tatsächlich im Tunneltal gebaut wird, ist noch nicht entschieden. Laut Hamburger Verkehrsbehörde läuft die Entwurfs- und Genehmigungsplanung wohl bis 2021. Hamburg und Schleswig-Holstein gehen davon aus, dass der Bau der Strecke mehr als eine Milliarde Euro kosten wird.

Vertreter der DB Netz AG betonten am Mittwoch, dass die Funde keine direkte Auswirkung auf das S-Bahn-Projekt hätten. Es werde nur ein archäologisches Gutachten erstellt, das zur Vorplanung gehöre. Auf dieser Grundlage werde später entschieden, an welcher Stelle am besten eine Straßenquerung in dem Bereich über die neue Trasse geführt werden könne. "Die archäologischen Untersuchungen sind wichtig, um festzustellen, ob und in welchem Umfang denkmalschutzrechtliche Maßnahmen bei den weiteren Planungen zu berücksichtigen sind. Die frühzeitigen Untersuchungen sichern uns ein hohes Maß an Planungssicherheit", sagte S4-Projektleiter Stephan Albrecht.

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Nachrichten für Schleswig-Holstein | 07.10.2015 | 16:30 Uhr