Stand: 02.03.2017 12:52 Uhr

Armutsquote in Bremen und MV am höchsten

Die Armut der Menschen in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand - und hat auch in den norddeutschen Bundesländern zugenommen. Das geht aus dem neuesten Armutsbericht hervor, den der Paritätische Wohlfahrtsverband und andere Organisationen am Donnerstag vorlegten. Demnach konnten im Berichtsjahr 2015 nur vier Bundesländer - Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Saarland und Rheinland-Pfalz - Armut abbauen. In den anderen elf Bundesländern wuchs der Anteil der Menschen, die unter der Einkommensarmutsgrenze liegen.

Als einkommensarm gilt der Statistik zufolge, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens erreicht. Dabei handelt es sich um das gesamte Nettoeinkommen des Haushaltes, inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, anderer Transferleistungen oder sonstiger Zuwendungen. 2015 lag diese Schwelle für einen Ein-Personen-Haushalt bei 942 Euro, bei einer Alleinerziehenden mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1.507 Euro und bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1.978 Euro.

Schleswig-Holstein hat die wenigsten Armen

Schleswig-Holstein steht mit einer Armutsquote von 14,6 Prozent im Vergleich der norddeutschen Bundesländer noch am besten da. Gleichzeitig verzeichneten die Verfasser des Berichts dort aber eine deutliche Zuwachsrate: 2014 hatte die Armutsquote noch bei 13,8 gelegen. An zweiter Stelle liegt Hamburg mit einer Quote von 15,7 Prozent, nach 15,6 Prozent im Jahr 2014. In Niedersachsen sind 16,5 Prozent der Menschen einkommensarm (2014: 15,8 Prozent), in Mecklenburg-Vorpommern sogar 21,7 Prozent (2014: 21,3 Prozent). Damit gehört der Nordosten gemeinsam mit Sachsen-Anhalt und Berlin zu den vier Bundesländern mit den meisten Armen. Bundesweit die höchste Armutsquote hat mit 24,8 Prozent der Stadtstaat Bremen (2014: 24,1 Prozent).

Regionale Zerrissenheit

Gemeinsam mit Berlin habe Bremen mit überproportionalen Wachstumsraten bei der Armut noch weiter den Anschluss verloren, teilte der Paritätische Gesamtverband mit. Im Mittelfeld liegen demnach Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Die wohlhabenden Südländer Bayern und Baden-Württemberg heben sich mit Quoten von 11,6 und 11,8 Prozent deutlich von den anderen Ländern ab. Mit Blick auf Regionen wird die Zerrissenheit noch deutlicher. Dem Bericht zufolge reicht die Spanne von 8,1 Prozent Armut im Raum München bis zu 33,4 Prozent in Bremerhaven.

Zehn-Jahres-Vergleich: Weniger Armut im Nordosten

Betrachtet man die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre, die in dem Bericht erstmals erfasst wurde, konnten vor allem die ostdeutschen Bundesländer ihre Armut signifikant abbauen - Mecklenburg-Vorpommern von 24,1 auf 21,7 Prozent. In Hamburg blieb die Quote stabil, in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen stieg sie an.

Bundesweit lag die Armutsquote 2015 bei 15,7 Prozent. Damit leben 12,9 Millionen Deutsche unter der Einkommensarmutsgrenze - dem Bericht zufolge ein neuer Höchststand im vereinten Deutschland. Weit überdurchschnittlich leiden Alleinerziehende unter Armut - rund die Hälfte von ihnen ist betroffen.

"Verteilungspolitische Korrekturen" gefordert

Die insgesamt gute Wirtschaftsentwicklung habe sich nicht in einem Abbau der Armut niedergeschlagen, heißt es in dem Bericht. Im Gegenteil: "Gemessen an der Armutsquote geht der zunehmende gesamtgesellschaftliche Reichtum mit zunehmender Ungleichheit und der Abkopplung einer immer größeren Zahl von Menschen vom allgemeinen Wohlstand einher." Dazu passe, dass der Anstieg der Armutsquote in 2015 mit einem weiteren Rückgang der Arbeitslosen- und der Hartz-IV-Quote einhergegangen sei. Offensichtlich bedürfe es verteilungspolitischer Korrekturen seitens des Staates - "sei es durch eine deutliche Anhebung von unteren Löhnen und insbesondere des Mindestlohnes oder aber bessere Transferleistungen für das untere Einkommenssegment".

Kritik vom Städte- und Gemeindebund

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund kritisierte den Armutsbericht als zu pauschal. Personen, die weniger als 60 Prozent des Durchschnitts aller Deutschen zur Verfügung hätten, würden darin generell als arm bezeichnet, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Bewertung sage nichts aus über die tatsächliche Situation eines Menschen und bedeutete schon gar nicht, dass die Betroffenen gesellschaftlich abgehängt seien.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 02.03.2017 | 11:00 Uhr

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