Stand: 02.03.2017 17:42 Uhr

Armutsbericht ist politische Marktschreierei

Armut ist in Deutschland nach Darstellung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wieder auf dem Vormarsch. Deutschland hat demnach mit 15,7 Prozent Armutsquote einen neuen Höchststand seit der Vereinigung erreicht. Doch wie aussagekräftig sind die Statistiken des Armutsberichts?

Ein Kommentar von Dagmar Pepping, NDR Info Hauptstadtkorrespondentin

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Armut muss an Notlagen festgemacht werden, nicht an einer Statistik-Referenzgrenze, meint Dagmar Pepping.

Ja, ich mache das Fass wieder auf! Der alljährliche Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes taugt nicht, um ein seriöses Bild der sozialen Situation zu zeichnen. Fast 13 Millionen Menschen in diesem Land als arm zu definieren, das ist politische Marktschreierei, mehr nicht.

Das größte Problem der Statistik ist die Definition: Als arm gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte zur Verfügung hat. Aber: Armut muss an Notlagen festgemacht werden, nicht an einer Statistik-Referenzgrenze. Die Durchschnittseinkommen sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Auch für diejenigen Menschen, die unter der 60-Prozent-Marke des mittleren Einkommens liegen, bedeutet das mehr Geld in der Tasche. Trotzdem singt Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband Jahr für Jahr das Schreckenslied, dass die Armut flächendeckend immer weiter steige.

Auch auf die Mietkosten kommt es an

Und noch ein Schwachpunkt des Berichtes: Die bundesweite Armutsquote von 15,7 Prozent geht mir nichts, dir nichts über die großen regionalen Unterschiede in Deutschland hinweg. Ein Single ohne Kind gilt mit 942 Euro netto im Monat als arm. Ein Paar mit zwei Kindern bei 1.978 Euro. Ob jemand genug Geld für ein menschenwürdiges Leben in der Tasche hat, hängt häufig von der Höhe der Miete ab. Und die ist in Hamburg-Eimsbüttel viel höher als in Rinteln oder Hagenow.

Bildung ist das beste Mittel gegen Armut

Verstehen Sie mich nicht falsch: Armut ist für viele Betroffene eine traurige Realität. Sie ist eine Schande für ein so reiches Land wie Deutschland. Wir sollten uns aber nicht an Statistiken ergötzen, sondern gezielt den Risikogruppen helfen - zum Beispiel kinderreichen Familien. Bezahlbarer Wohnraum ist für sie extrem wichtig. Das heißt, dass der Staat mehr Geld für sozialen Wohnungsbau bereitstellen muss, vor allem in den Ballungsräumen.

Alleinerziehende - eine andere Risikogruppe - benötigen mehr Betreuungsplätze für ihre Kinder und ein qualitativ hochwertiges Ganztagsschulangebot. Sie könnten arbeiten gehen und ihre Kinder gerieten mit guter pädagogischer Unterstützung erst gar nicht in den Teufelskreis von geringer Qualifikation, Arbeitslosigkeit und Armut. Bildung, Bildung, Bildung - das ist das beste Mittel gegen Armut.

Was ist gerecht?

Deutschland sollte sich in diesem Bundestagswahljahr eine ausführliche  Debatte gönnen: Was ist gerecht? Wie viel Ungleichheit wollen wir in dieser Gesellschaft zulassen? Wohlstand fällt nicht vom Himmel! Jeder von uns muss Verantwortung für das eigene Leben übernehmen. Der Staat kann nicht alles richten!

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NDR Info | Kommentare | 02.03.2017 | 17:08 Uhr

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