Stand: 24.01.2016 17:13 Uhr

Zwischen den Extremen

Schubert / Beethoven
von Grigory Sokolov
Vorgestellt von Chantal Nastasi

CD der Woche

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Trotz aller Detailfreude hat Sokolov immer die Gesamtarchitektur eines Werkes im Blick.

Jahrelang mussten seine Fans auf eine neue CD von ihm warten, vor einem Jahr war es dann so weit: Grigory Sokolov stimmte der Veröffentlichung eines Konzertmitschnitts zu. Denn ins Aufnahmestudio geht der große russische Pianist aus Prinzip nicht - zu nüchtern, zu steril. Genau ein Jahr nach dieser langersehnten Sokolov-CD erscheint nun eine neue Aufnahme, ein Doppelalbum, auf dem Sokolov Schubert und Beethoven spielt.

Leichtigkeit und Intensität

Es ist dieser direkte Anschlag, die besondere Mischung aus Leichtigkeit und Intensität, die auch jedes noch so schlicht wirkende Schubert-Impromptu zu einem Stück voller Abgründe werden lässt. Wie makellos die Läufe perlen, ist schon beeindruckend genug. Aber darüber hinaus wiederholt Sokolov sich nie, kein Lauf klingt bei ihm gleich, sondern wird in immer anderes Licht getaucht.

Dieses Variieren von Klangfarben macht Sokolovs Spiel so besonders. Jeder Ton wird von ihm mit der gleichen Aufmerksamkeit bedacht und ins Gesamtbild eingepasst.

Sokolov pendelt zwischen den Extremen und zieht auch seine Hörer in diesen Sog. Es ist keine Musik, von der man sich berieseln lässt, sie wühlt auf und stimmt nachdenklich. Auch in den bekanntesten Stücken entdeckt man dank Sokolov immer Neues: neue Zusammenklänge oder Details, die man sonst überhört hätte.

Frei von Raum und Zeit

Sein oftmals sehr klarer Schubert-Ton überrascht, viele Akzente erinnern an die Dramatik eines Beethovens. Doch Beethovens Musik, die auf die Schubert-Stücke folgt, taucht Sokolov stattdessen in sehr viel sensitiveres Licht. Die Hammerklavier-Sonate streckt er von einer guten halben Stunde auf 50 Minuten. Frei von Raum und Zeit spielt er z. B. das Adagio des dritten Satzes und hält dennoch über 20 Minuten die Spannung.

Trotz aller Detailfreude hat Sokolov immer die Gesamtarchitektur eines Werkes im Blick. Es ist der große Wurf, den gerade er so meisterhaft beherrscht.

Zugabe! Zugabe!

Die Liveaufnahmen sind bei zwei Konzerten entstanden, die Sokolov 2013 in Warschau und in Salzburg gab. Am Ende dieses Doppelalbums kommt man in den Genuss seines langen Zugabenteils, der in Salzburg aus einem Brahms-Intermezzo und fünf kleinen, irrwitzig perlenden Rameau-Stückchen bestand. Ein unkonventioneller Schluss für eine in vieler Hinsicht überraschende und beeindruckende Aufnahme.

Schubert / Beethoven

Genre:
Klassik
Label:
Deutsche Grammophon

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 25.01.2016 | 06:40 Uhr

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