Stand: 18.03.2016 15:07 Uhr

Passionsmusik - es gibt ein Leben neben Bach

von Daniel Kaiser

Bach geht immer. Wenn seine Matthäus-Passion vor Ostern auf dem Programm steht, haben die Kirchen und Konzertsäle ein volles Haus. Auch jenseits von Johann Sebastian Bach gibt es wunderschöne Musik zur Passionszeit. Doch wenn man diese Stücke aufführt, ist es beim Kartenverkauf immer eine Zitterpartie.

In der Hamburger Kirche St. Johannis in Harvestehude zum Beispiel steht am Gründonnerstag eine Passionsmusik aus dem 20. Jahrhundert auf dem Programm: Frank Martins großes Oratorium "Golgotha". So richtig ruhig schlafen kann der Kirchenmusiker vor dem Konzert noch nicht.

Rembrandt als Inspiration

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Auch Kirchenmusiker Christopher Bender wirft alle Vorsätze über Bord. Er möchte das Stück unbedingt aufführen.

Christopher Bender sitzt am Klavier vor der Partitur und arbeitet an den anspruchsvollsten Stellen. Der Schweizer Frank Martin hat das Werk komponiert, als er 1945 in einer Ausstellung plötzlich ein besonderes Bild erblickte. "Er sah 'Die drei Kreuze' von Rembrandt und beschloss augenblicklich, alle Vorsätze über Bord zu werfen", erklärt Bender. "Er wollte nämlich nie geistliche Musik schreiben. Doch als er das Bild gesehen hatte, wusste er: 'Ich muss eine Passionsmusik komponieren.'"

Keine Angst vor 'Golgotha'

"Golgotha" ist eine Musik gewordene Bildmeditation mit Bibelzitaten und Texten des Kirchenvaters Augustinus. Es ist Musik des 20. Jahrhunderts, vor der man wirklich keine Angst haben muss. "Martin ist Romantiker mit modernen Mitteln", erläutert Bender. "Die Magie liegt darin, dass er nicht durch das Passionsgeschehen marschiert, nach dem Motto 'Erst kommt diese Szene, dann schreien die Chöre und dann gibt es eine reflektierende Arie', sondern es ist alles ein großer Fluss."

Der ruhige, einfühlsame Klang des Werkes erinnert Bender an ein anderes Genre: "Es ist eine Bildbetrachtung, und Martin hat tatsächlich so etwas wie Filmmusik geschrieben."

Respekt für Mut

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Die historische Marcussen-Orgel der St. Johannis-Kirche musste 2013 komplett für eine Restauration abgebaut werden. Teile der alten Orgel wurden in der neuen Orgel verwendet.

"Golgotha" gilt als Meisterwerk. Christopher Benders Kirchenmusiker-Kollegen nicken ihm anerkennend und vor allem aber auch aufmunternd zu, wenn er ihnen von seinem Programm erzählt. Nicht viele trauen sich nämlich, etwas anderes als die Greatest Hits und Evergreens der Passionszeit anzubieten. "Viele zollen mir Respekt, weil sie wissen, wie schwer das Werk ist", sagt Bender. Er probt mit seinem Chor seit zwei Monaten an dem Stück - inklusive Sonderproben und Übe-CDs für Zuhause. "Und die Kollegen haben Respekt vor meinem - naja, nennen wir es einmal positiv: Mut“, lacht der Kirchenmusiker.

Risikofaktor "neue Musik"

Für eine Matthäus-Passion müsste er nicht mal Plakate aufhängen, die Kirche wäre trotzdem voll. Das "Golgotha"-Konzert ist dagegen auch ein großes finanzielles Risiko. "Es ist vergleichbar mit dem Kauf eines neuen Autos", sagt Bender. 20.000 Euro kostet die Aufführung. Da denkt man durchaus zweimal nach, welche großen Werke man aufführt. Auch die Chefmusiker an anderen großen Kirchen, wie dem Hamburger Michel, haben vor Passions-Konzerten, bei denen nicht 'Bach' auf dem Plakat steht, einen höheren Puls.

Keine Experimente!

Den finanziellen Erfolgsdruck spüre man deshalb mittlerweile auch an den Konzertprogrammen der Kirchen und Konzertveranstalter, sagt Bender. "Es werden immer weniger Stücke in den Konzert-Kanon aufgenommen, weil immer weniger Stücke die Sicherheit bieten, dass sich die Konzerte finanziell rechnen."

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St. Johanniskirche in Harvestehude. "Kirchen dürfen nicht zum Museum werden!", fordert Christopher Bender.

Große, zeitgenössische Werke wie "Golgotha" sind ein großes Risiko, weil das Konzertpublikum eher skeptisch ist. Christopher Bender will das Risiko trotzdem eingehen. "Kirche und Kirchenmusik dürfen nicht zum Museum werden. Wir dürfen nicht nur alte Musik, die jeder kennt, abspulen. Nichts gegen diese Musik - die ist toll! Ich finde aber diese Eingrenzung furchtbar, und mich als Musiker bedrückt das."

Die Musik Martins gebe einem etwas, was einem eine Matthäus-Passion nicht geben kann. "Man darf den Blick auf die Moderne nicht verschließen."

Konzert

Frank Martin: "Gologotha"

Donnerstag, 24.03.2016, 19.30 Uhr
St. Johannis-Kirche, Harvestehude

Orchester und Chor St.Johannis
Katharina Müller, Sopran
Leitung: Christopher Bender

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 10.03.2016 | 19:03 Uhr