Stand: 11.03.2016 14:42 Uhr

Unbekannte Schriften Heinrich Manns in Lübeck

von Katrin Bohlmann

Liebesbriefe, Postkarten und Textentwürfe von Heinrich Mann: Genau 66 Jahre nach seinem Tod zeigt jetzt das Lübecker Buddenbrookhaus mehr als 400 bisher unbekannte persönliche Schriftstücke des Schriftstellers in der Ausstellung "Hand/Werk". Heinrich Manns Enkel hat die Originale dem Lübecker Museum vermacht.

Einige Dokumente noch in Kurrent

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Heinrich Mann (1871 bis 1950) war der ältere Bruder von Thomas Mann. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs erschien einer seiner bekanntesten Romane: "Der Untertan".

Es ist für Bernhard Veitenheimer eine Ehre, die persönlichen Schriftstücke von Heinrich Mann in den Händen halten zu dürfen. Der Literaturwissenschaftler hat einen Auftrag: Er soll die 411 mit Bleistift oder Tinte handgeschriebenen Texte transkribieren, also abschreiben, damit die Inhalte für die Nachwelt gut leserlich erhalten bleiben: "Im Grunde ist es wichtig, dass man die deutsche Kurrent lesen kann. Das ist die Schrift, die zu der Zeit geschrieben wurde und die Heinrich Mann noch bis in die 1920er schon in der Mischung mit der Lateinischen geschrieben hat. Aber seit er seine Frau Mimi kennengelernt hat, 1912, hat er sich, glaube ich, umgestellt auf die lateinische Schrift, damit sie das lesen kann. Sie war ja gebürtige Tschechin, insofern war es für sie einfacher, das zu lesen."

"Handschriften sind wunderbar"

Seit zehn Jahren beschäftigt sich der 49-Jährige mit Heinrich Mann und dessen Schrift, seit er an der Gesamtausgabe der Essays mitarbeitet. Dabei hat Veitenheimer die Handschriften der Manns, ihrer Freunde und Schriftstellerkollegen lesen gelernt: "Es ist immer wieder spannend, weil man das Original nicht ersetzen kann. Es ist immer wieder das, was einen fasziniert, dass es überliefert wurde. Und von Heinrich Mann fehlen leider auch Sachen - alles, was er in Berlin Ende der 20er und Anfang der 30er geschrieben hatte, ist wohl durch die Nazis vernichtet worden. Deswegen: Handschriften sind immer wunderbar, wenn sie da sind."

Unbekannte Manuskripte darunter

Viele der Schriftstücke stammen aus der Zeit zwischen 1895 und 1932. Der Enkel Heinrich Manns - der Filmemacher Jindrich Mann - hat sie in dem Nachlass seiner Mutter gefunden. Für die Heinrich Mann-Gesellschaft ist das ein bedeutender Fund.

Unter den Arbeiten sind bis jetzt unbekannte Manuskripte; ein Dramenentwurf von 1915 sowie ein berührendes Telegramm von 1910 nach dem Selbstmord der Schwester Karla.

Ein Schriftstück, was der stellvertretenden Museumsleiterin Britta Dittmann Gänsehaut verursacht. Zuvor hatte Heinrich Mann in einer Postkarte vom 12. Juli 1910 an seine Mutter nach seiner geliebten Schwester gefragt: "Wenn man sich mit dem Leben von Heinrich Mann ein wenig auskennt, dann weiß man, dass das Ganze schon ein wenig unheimlich ist. Denn seine Schwester nimmt sich am 31.7. das Leben. Und er fragt am 12., ob er noch Karla sehen würde. Da bekommt man schon ein ungutes Gefühl. Und das nächste Dokument, was man in der Hand hält, ist ein Telegramm vom 1.8.1910, das er aufgegeben hat, wo er schreibt, an seine Mutter: Nachricht verspätet erfahren, Reise heute Nacht, bitte um Aufklärung, mit Eilbrief oder Telegramm. Das heißt, er hat gerade vom Selbstmord seiner Schwester erfahren."

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Heinrich Mann habe alles beschrieben, was ihm in die Finger gekommen sei, stellt Britta Dittmann fest. Er habe sich auf Rückseiten von Briefen sowie auf Briefumschlägen vorne und hinten Notizen gemacht: "Hier haben wir ein schönes Beispiel: Dies ist eine Visitenkarte von einem Verlag, dort hat er Notizen zu einem Roman 'Empfang bei der Welt' aufgeschrieben, weil es ihm gerade eingefallen war und er nichts anderes zum Schreiben zur Hand hatte, um das alles zu schreiben."

Neben einem neuen Einblick in sein literarisches Arbeiten erfährt der Leser auch viel Persönliches über die Familie Mann: "Hier haben wir eine Postkarte von 1901 von Heinrich an seine Mutter aus Italien. "Er schreibt: 'Liebe Mama, Thomi ist da!' Das heißt, sein Bruder ist gerade in Italien angekommen, hat auf der Karte auch noch mit unterschrieben. Um das Bildmotiv herum wurde mit feiner, kleiner Schrift geschrieben."

Zeitgeschichte im Nebensatz

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Thomas Mann (r.) begrüßte den Ersten Weltkrieg, Heinrich lehnte ihn entschieden ab. Das Foto der Brüder entstand Jahre vor Kriegsausbruch.

In vielen der mehr als 400 Schriftstücke kommt in einem Nebensatz ein Stück Zeitgeschichte vor. So schreibt Heinrich Mann seinem Bruder Thomas einen Tag vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges Er berichtet nebenbei von den Versailler Verträgen und der Auflösung des Reichstages. Es sei ein unglaublicher Schatz, den das Buddenbrookhaus bekommen habe, sagt Britta Dittmann. Eine Auswahl zeigt das Lübecker Museum nun der Öffentlichkeit. Die anderen Schriftstücke wandern in den Tresor.

 

Unbekannte Schriften Heinrich Manns in Lübeck

Mehr als 400 bisher unbekannte persönliche Schriftstücke des Schriftstellers Heinrich Mann zeigt jetzt das Lübecker Buddenbrookhaus. Sein Enkel Jindrich Mann hat sie dem Museum vermacht.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ort:
Buddenbrookhaus
Mengstraße 4
23552  Lübeck
Telefon:
(0451) 122 41 90
Preis:
7 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, Kinder 2,50 Euro
Öffnungszeiten:
Mo - So: 11 bis 17 Uhr (bis 31.03.)
Mo - So: 10 bis 18 Uhr (ab 1.04.)
Besonderheit:
Ausstellungseröffnung am 12.03.2016, 18 Uhr
Anmeldung:
Karten im Museumsshop des Buddenbrookhauses
Hinweis:
Führungen am 3.04. (16 bis 17 Uhr) und am 17.04. (16 bis 17 Uhr) Eintritt: 11/7,50/6,50 Euro
Weitere Führungen für Gruppen auf Anfrage: (0451) 122 42 43
oder buchungen@buddenbrookhaus.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.03.2016 | 19:00 Uhr