Stand: 10.07.2017 15:15 Uhr

Kirchners "Glück im Winkel" auf Fehmarn

von Andrea Ring

Badegäste auf Fehmarn oder gar eine Brücke über den Fehmarnsund, das gab es zurzeit von Ernst Ludwig Kirchner noch nicht. Zwischen 1908 und 1914 fand der Mitbegründer der Künstlergruppe "Die Brücke" auf Fehmarn sein - "Glück im Winkel". Mehr als 120 Ölbilder und Hunderte von Zeichnungen sind auf der Ostseeinsel entstanden. Nun stellt der Ernst Ludwig Kirchner Verein in Burg auf Fehmarn 50 Originalzeichnungen des Expressionisten aus.

"Der Badende auf Fehmarn" ist ein Lieblingsbild von Kuratorin Imke Ehlers. Das einzige in blauer Kreide gezeichnet. Das Gesicht ist nur ein weiches V mit einer Wellenlinie darüber.

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Ernst Ludwig Kirchner (hier um 1919) schuf unzählige Werke auf Fehmarn.

Genau das bewundert die Kuratorin: "Was viele Menschen als Gekrakel wahrnehmen würden, ist eine Auflösung des Detailgetreuen. Wir haben hier Beine, die einfach nur Striche sind, und die identischen Striche finden wir wieder in Form von Natur. Die Einheit von Mensch und Natur, der sind wir in diesem Blatt, in dieser Zeichnung besonders nahe."

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Die unverfälschte Natur hat der Brücke-Künstler Kirchner gesucht, als er 1908 zum ersten Mal aus Dresden nach Fehmarn kam. Später kam er aus Berlin zu langen Sommeraufenthalten mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling. Unzählige weibliche Akte sind unter freiem Himmel entstanden, erzählt Ehlers: "Hier haben wir eine Badende, die dem Wasser entsteigt. Wir sehen hier sehr krass für die Zeit einen Fokus auf den Genitalbereich und wir sehen an dem Körper wiederum auch die Auflösung, wir sehen die Unterarme, sie sind nur noch Gekrakel, wie ich es vorhin genannt habe."

Ist das wirklich Fehmarn?

Der kubistisch anmutende Kopf dagegen hat individuelle Züge: Erna hat Kirchner zwischen den Steinen am Strand Modell gestanden.

Doch woran erkennt man, dass es eine Landschaft mit fehmarnschen Kühen oder ein Waldweg auf Fehmarn ist? Imke Ehlers, die auf der Insel groß geworden ist, sieht es deutlich: "Wenn ich auf dieses Bild schaue, dann habe ich sofort die Allee von Staberhof vor mir und mein Herz fängt an schneller zu schlagen."

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"Gut Staberhof auf Fehmarn" entstand 1912 auf der Ostseeinsel.

Das Bild vom Gutshof ist tatsächlich charakteristisch. Die kleine feine Ausstellung in zwei sonnendurchfluteten Räumen zeigt auch später entstandene Großstadtszenen und Porträts von Freunden Kirchners. Der Herausgeber des Katalogs Stefan Eick ist besonders beeindruckt von den Bleistiftzeichnungen zweier Männerköpfe, die stark an Picasso erinnern: "Mit wie wenigen oder nur einem Strich er es schafft, das Innerste einer Person nach außen in eine Porträtzeichnung zu tragen."

Erotisch trotz harter Züge

Katalog und Ausstellungsplakat haben als Motiv einen liegenden Akt am Fehmarnstrand. Sehr erotisch, obwohl Ernas Gesicht hier völlig männliche Züge hat, findet Antje Borgwardt, die Vorsitzende des Ernst Ludwig Kirchner Vereins Fehmarn: "Aber das ist doch mit den Herzen an den Brustwarzen ganz süß."

Nah am Strand haben Kirchner und Erna Schilling bei der Familie des Leuchtturmwärters von Staberhuk am südöstlichen Inselende gewohnt. Kirchner hat die Kinder gezeichnet und ein Kanu gebaut, das allerdings nur auf seinen Bildern seetüchtig ist. Ein Aquarell in dunklen Blau-, Braun- und Grüntönen aus der Zeit zeigt als letztes Bild der Ausstellung den Kontrast zur idyllischen Ostseeinsel.

Ernst Ludwig Kirchner und die "Brücke"

Der expressionistische Maler Ernst Ludwig Kirchner wird 1880 in Aschaffenburg geboren. Zusammen mit drei anderen Architekturstudenten - Erich Heckel, Fritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff - gründet er 1905 in Dresden die Künstlergruppe die "Brücke". Weitere wichtige Mitglieder sind Max Pechstein und Emil Nolde. Die Gruppe gilt als Wegbereiter des deutschen Expressionismus. Mit ihren holzschnittartigen Werken bildet sie Szenen aus Stadtleben, Tanz und Varieté ab, später kommen Landschaftsporträts dazu. Wegen interner Streitigkeiten löst sich die Gruppe im Mai 1913 auf. Die Nationalsozialisten diffamieren expressionistische Kunst und insbesondere die "Brücke"-Werke später als "entartet". Wohl auch aus tiefer Enttäuschung über diese staatliche Hetze gegen seine Kunst nimmt Kirchner sich 1938 in der Schweiz das Leben.

Kirchners "Glück im Winkel" auf Fehmarn

In Burg auf Fehmarn zeigt eine neue Schau 50 Originalzeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner. Die Schönheit der Ostseeinsel inspirierte den Expressionisten zu unzähligen Werken.

Datum:
Ende:
Ort:
Senator-Thomsen-Haus
Breite Str. 28
23769  Fehmarn
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.07.2017 | 07:20 Uhr

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