Stand: 10.08.2016 14:23 Uhr

Verborgene Schätze im Stralsunder Meeresmuseum

von Silvana Mundt

Viele verborgene Schätze lagern in den Museen Norddeutschlands. Einige von ihnen wollen wir in einer kleinen Sommerserie heben. Maritim geht es im Meeresmuseumin Stralsund zu. Mit seinen vier Standorten gilt es als größtes Meeresmuseum in Deutschland.

Zwischen Meerneunaugen und Walskeletten

In etwa vier Metern Höhe, direkt unter der Decke des Trockenmagazins, hängt ein Gotteslachs. Der große, silbrig-hellblaue Mondfisch mit den weißen Sprenkeln und leuchtend roten Flossen ist so groß, dass er nicht in die Regale des Trockenmagazins passt. Zwischen den Regalböden hängen so viele bunte Fische, dass der Eindruck eines reichhaltigen Angebots auf einem Basar entsteht.

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Das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund verteilt sich inzwischen auf vier Standorte - hier das Stammhaus im ehemaligen Katharinenkloster mitten in der UNESCO geschützten Altstadt.

Der wissenschaftliche Leiter des Meeresmuseums Timo Moritz, der gleichzeitig auch Kurator für Fische ist, steuert auf einen Stapel aus Sägen und Schwertern zu. Die zahnbesetzten Stücke sind nicht nur Sammlungsgegenstände, erzählt er, sondern dienen auch der Forschung: "Die wurden früher oft als Souvenire mitgebracht und auch mal im Meeresmuseum abgebeben. Deswegen haben wir mittlerweile einige von diesen Sägen hier. Die kamen früher eigentlich alle ohne irgendwelche Daten hierher. Ich habe das als Ausgangspunkt genommen, zu versuchen sie zu bestimmen. Es gibt nicht nur einen Sägefisch, es gibt Sägehaie und Sägerochen und von jedem gibt es verschiedene Arten. Wir haben es dann geschafft, ausgehend von dem Material, das wir hier haben, einen Bestimmungsschlüssel zu entwickeln, damit zum Beispiel Zöllner diese Sägen bestimmen können. Die haben das Problem, dass sie, wenn das eingeführt wird, entscheiden müssen, ob das eine geschützte Art ist oder nicht."

Sammelsurium der Tiergebeine

Der in Stralsund entwickelte Merkmalskatalog wird inzwischen überall auf der Welt eingesetzt. Er ist Ergebnis der Forschungsarbeit an der Sammlung, die insgesamt fast 50.000 Schätze ausmacht. Und so hocken, neben den Sägen und den bunten Fischen, verschiedene präparierte Vögel auf Baumstümpfen. In Regalen liegen Schildkröten, Robben und Seehunde; in großen und kleinen Schubladen findet man hunderte Seevogel-Eier, Muscheln, Schnecken und Korallen; auf dem Boden: eimerweise Knochen von Schweinswalen, die im Nautineum seziert wurden oder gar mannshohe Kisten mit ganzen Wal-Skeletten. Das alles verteilt sich auf drei Depots. Hinzu kommen tausende Tiere in den Aquarien.

In einem großen Bassin im Quarantänebereich sind ein paar grau gemusterte Fische an die Wasseroberfläche gekommen. Sie öffnen ihre Mäuler und es wirkt, als wollten sie gefüttert werden. "Das sind Meerhasen", sagt Timo Moritz, "die haben wir letztes Jahr aus Norwegen mitgebracht. Die sind aber noch klein und immer so zutraulich!" Anfassen ist aber nicht erlaubt. Das will man auch gar nicht - die stacheligen Steinkrabben, mit denen die Meerhasen quasi in WG leben, schrecken davon ab, den Finger durch das Netz zu stecken, das über dem Bassin liegt.

Neue Art auf dem Fischmarkt entdeckt

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Viele der im Meeresmuseum gezeigten Fischarten sind durch einen Tunnel unter einem der Aquarien ganz von Nahem zu sehen.

Timo Moritz geht in sein Büro. Dort stehen Dutzende Gläser mit Fischen in allen Entwicklungsstadien. Die Sammlung, so der Kurator, ist wie eine Art Bibliothek, in der man Lebewesen nachschauen kann. Sie ist gleichzeitig auch Beleg dafür, was die Wissenschaft noch nicht kennt. Timo Moritz hält ein Glas mit einem unscheinbar wirkenden Fisch in die Höhe: "2006, als ich das erste Mal im Sudan unterwegs war, hatte ich auf dem Fischmarkt so ein Tier gefunden. Mir war gleich klar: Das ist eine neue Art, aber eben ein einzelnes Tier, auf einem Fischmark, ohne ordentlichen Fundort. Da beschreibt man das eigentlich nicht. Zwei Jahre später hat ein Kollege aus München noch einmal zwei Exemplare auf dem Fischmarkt in Kartum gefunden, aber auch da wussten wir nicht sicher, wo die herkommen. Und jetzt waren wir noch einmal im April 2016 unten und plötzlich ist diese Art gar nicht mehr selten. Wir haben richtig viele auf den Fischmärkten gesehen und auch selber welche gefangen. Wir haben auch viele verschiedene Fundorte mittlerweile. Jetzt können wir eine richtige Beschreibung der Art verfassen."

In Alkohol für die Ewigkeit

Wird eine neue Art beschrieben, so ist der Holotyp das typische Exemplar dieses Individuums. Es wird nur einmal festgelegt, welche Merkmale diese Art hat. Für Timo Moritz ist es die sechste Entdeckung einer neuen Art. Holotypen sollen wegen ihrer großen Bedeutung für Nachuntersuchungen bestenfalls in öffentlichen Sammlungen deponiert werden. Und auch auf diese Weise wächst das Depot des Stralsunder Meeresmuseums. Auf dem Hof des Katharinenklosters führt eine Treppe in das unterirdische Flüssig-Magazin. "Es riecht nach Alkohol, weil wir hier gestern noch gearbeitet haben", erzählt Moritz. "Die Tiere, die vorher in Formol fixiert waren, werden erst gewässert, kriegen dann ihr eigenes Glas und dann kommt 70-prozentiger Alkohol drauf. In dem werden sie dann dauerhaft aufbewahrt."

Das Wurstglas-Problem

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Am Hafen ist einweiterer Standort des Meeresmuseums untergebracht, das Ozeaneum, Europas Museum des Jahres 2010.

Der lange Raum nebenan ist ausgefüllt von einem Regalsystem, dessen Einzelschränke sich auseinander schieben lassen. Timo Moritz öffnet den Schrank und sofort fällt der Blick auf ein Gefäß mit einem schlangenähnlichen, moddergrauen Tier, dessen rundes Maul weit geöffnet ist und den Blick auf viele Zähne und einen schier endlosen Schlund freigibt: "Hier handelt es sich um ein Meerneunauge. Meerneunaugen haben keine Kiefern, sondern diese viele Zähne und weiter im Rachen einen Zungenstempel-Apparat, mit dem sie schaben können. Normalerweise heften sie sich an größere Fische, raspeln denen ein Loch in die Haut und ernähren sich von deren Gewebsflüssigkeiten und Blut. Alle zwei, drei Jahre kommt es dazu, dass sich so ein Meerneunauge auch mal an einem Schwimmer festsaugt. Das kommt dann aber auch immer in die Zeitung." Das passiere aber nicht oft, sagt Moritz und seine Augen blitzen verschmitzt.

Im selben Regal stehen auch Gläser mit Kragenhai und Hammerhai, Eishai, Haie, die leuchten können und elektrische Rochen. In der Masse erwecken die rund 4.500 Gläser den Eindruck eines Vorratskellers: "Ein Problem, was wir heutzutage in den Sammlungen haben, ist, passende Gläser zu finden", sagt Moritz. "Vieles hier sieht nach Würstchengläser aus. Das liegt daran, dass es Würstchengläser sind! Die sind relativ günstig. Sobald die Fische aber größer sind, wird es schwierig. Es gibt zwar noch Gurkengläser, aber spätestens bei den vier Liter Gurkengläsern mit elf Zentimeter Durchmesser hört's auf."

Timo Moritz hat noch meterlange Chimären und große runde Mondfische. Auch dafür gibt es keine Gläser. Aktuell liegen die Tiere in einer große Plastikbox. Wie lange sie dort bleiben müssen, ist unklar. Irgendwann findet sich vielleicht ein Glashersteller oder es müssen, wie in den Anfängen des Museums, Gläser selbst gebaut werden - die sehen dann aber aus wie Aquarien.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 10.08.2016 | 11:20 Uhr

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