Stand: 25.09.2017 16:34 Uhr

Werktreue Inszenierung oder Regietheater?

Die einen sitzen im Theater und raufen sich die Haare: Was hat die Regie nur mit dem schönen Theaterstück angestellt, man erkennt es ja kaum noch wieder?! Gleich daneben sitzen andere und sind verzückt: Was hat die Regie nicht alles aus dem Stoff herausgeholt?!

Der Streit um die Theaterregie währt bereits so lange, wie das Regietheater selbst zur Kunstform geworden ist. Wie halten es zwei der führenden Köpfe Niedersachsens mit dem Verhältnis von Texttreue und Regie-Idee? Wie viel Kunst liefert der Stoff und wie viel dessen Interpretation? NDR Kultur Redakteur Jürgen Deppe hat den Intendanten am Schauspiel Hannover Lars-Ole Walburg und die neue Generalintendantin am Staatstheater Braunschweig Dagmar Schlingmann die gleiche Frage gestellt:

In welchem Mischungsverhältnis müsste für Sie ein richtig gutes Stück aussehen in Sachen Stofftreue, in Sachen Regiearbeit?

Bild vergrößern
Lars-Ole Walburg findet, dass eine stringente Erzählung im Theater notwendig ist, bevor man etwas dekonstruieren kann.

Lars-Ole Walburg: Die Werktreue ist ein schwieriger Begriff. Ich persönlich - und das kann man an meinen Regiearbeiten ablesen - bin der Meinung, dass eine stringente Erzählung oft im Theater notwendig ist, bevor man irgendetwas dekonstruieren kann, von dem der Zuschauer vielleicht gar nicht weiß, was da eigentlich dekonstruiert wird. Das ist genuaso sinnlos wie die Provokation um der Provokation Willen. Ich bin dezidiert jemand, der erstmal den Anspruch hat, Erzähltheater auf die Bühne zu bringen. Dass das mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Mitteln stattfinden kann, finde ich notwendig - und das zeigen auch die letzten 20 Jahre Theatergeschichte. Dass man Elemente des Tanztheaters oder der Oper im Schauspiel entdecken kann, das ist inzwischen völlig normal. Dahinter bleibt immer die Aufgabe, dass ich als Zuschauer an die Hand genommen werde, dass mir etwas erzählt wird, was dann eine Wirkung entfalten kann auf mein Denken und Fühlen.

Bild vergrößern
Für Dagmar Schlingmann gibt es nur gutes oder schlechtes Theater - kein Regietheater.

Dagmar Schlingmann: Ich kenne den Begriff Regietheater natürlich, aber ich verbinde damit gar nichts. Für mich gibt es immer nur gutes oder schlechtes Theater - und auch das wage ich manchmal gar nicht zu beurteilen. Ich habe größten Respekt vor jeder Theaterarbeit, weil es immer ein Kraftakt ist. Auch wenn es hinterher einem gar nicht gefällt, was dabei herausgekommen ist, ist es doch eine ganz intensive Arbeit. Ich finde Respekt in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Natürlich würde ich nur Texte von Autoren auswählen, die ich wirklich schätze. Das heißt ja automatisch, dass ich einen gewissen Respekt vor diesem Text habe. Dennoch kann es sein, dass dann in der Inszenierung - auch das ist ein künstlerischer Vorgang - eine gewisse Freiheit gegenüber Text genommen werden kann. Nicht muss: Es gibt auch sehr gute Inszenierungen, die sehr eng am Text bleiben.

Ich denke, das Theater ist ein Gesamtkunstwerk, und da ist der Text das Eine - das Andere ist aber auch: Was machen die Schauspieler auf der Bühne?`Das ist jenseits des Textes, natürlich sprechen sie den Text, aber was machen sie dabei? Zeigen sie mir, dass sie den Text ehrlich meinen, zwigen sie mir, dass das eine Lüge ist? Das ist die körperliche Komponente, die dazukommt. Natürlich auch Bühnenbild, Musik, Kostüme, auch Video- und Medienkunst. Das Gesamtkunstwerk zählt für mich - aber immer mit Respekt.

Weitere Informationen

Was geht in der Theaterszene Niedersachsen 2017?

Wir blicken auf das Theaterland Niedersachsen und lassen uns erklären mit welchen Herausforderungen die Theatermacher dort zu kämpfen haben und welche Idee sie verwirklichen wollen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.09.2017 | 19:00 Uhr

Übersicht

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

05:06

NDR Buch des Monats: "Tyll"

16.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
05:05