Stand: 04.02.2016 10:35 Uhr

Wahrheit oder Lüge? Die Rolle des Internets

von Ocke Bandixen
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Gerade übers Internet und über Facebook verbreiten sich Gerüchte rasend schnell.

Die Wahrheit - damit ist es nicht so einfach. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine, die genügend aktuelle Beispiele hat. Was ist wahr? Was ist nur Gerücht oder eine Lüge? Gerade durch neue digitale Medien verschwimmen die Grenzen bisweilen. In unserer Debatte wollen wir den Begriffen auf den Grund gehen. Wahrheit oder Meinungsmache: Welche Rolle spielt das Internet?

"Jeder kann sich seine Wirklichkeitssicht zusammengoogeln"

"Egal, was die da sagen, sie wollen tatsächlich uns zum Schweigen zu bringen. Aber ich werde nicht schweigen. Ich fühle mich nicht sicher", sagt ein Redner auf einer Demonstration in Berlin, es geht um den Fall der angeblich vergewaltigten 13-jährigen Lisa: "Wir haben Internet, wir haben Facebook, wir schaffen Sicherheit für unsere Kinder, für unsere Mütter."

In den russischen Medien wurde tagelang über den Fall berichtet, der keiner war. Hunderte Demonstranten, meistens russischer oder russlanddeutscher Herkunft, gingen auf die Straße. Alle Überprüfungen und die Aussagen des Mädchens selbst bewiesen: Es gab keine Vergewaltigung. Das Gerücht aber verbreitete sich rasend schnell. Über das Internet und über Facebook. Hier kann jeder alles finden, lesen, herumschicken: Tatsachen, Meinungen, Gerüchte, Belege für Tatsachen. Und das Gegenteil."Das Netz ist - und das ist eigentlich eine wunderbare Nachricht - ein barrierefreies Medium. Jeder kann sich zuschalten. Jeder kann sich in neuen Gemeinschaften zusammenfinden. Aber jeder kann sich gleichsam auch seine Wirklichkeitssicht zusammengoogeln", sagt der Medienforscher Bernhard Pörksen in einem Interview mit den Tagesthemen.

Individuelles Zusammensetzen der Wirklichkeit

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Fiete Stegers, Multimedia-Redakteur beim NDR, meint, im Internet sei der Ton im Diskurs härter und schärfer als woanders, aber dadurch nicht repräsentativ.

Die Wirklichkeit zusammensetzen mit Google, YouTube. Facebook. "Genau das ist da Problem", sagt Fiete Stegers, Multimedia-Redakteur beim NDR. "Das Stichwort ist 'Filterblase'. Man verfolgt zwar eine Menge Quellen, aber man neigt dazu, sich Dinge anzeigen zu lassen, die man auch sehen möchte. Gerade Facebook hat ja einen Algorithmus, durch den mir sowieso einige Seiten häufiger angezeigt werden - und andere nicht."

 Jagd nach Aufmerksamkeit

Gefangen in der eigenen Meinung, im eigenen Weltbild, in der Blase. Technisch gesehen, aber auch ideologisch. Befeuert durch Likes, Klicks, Smileys und bestätigende Kommentare. Muss doch stimmen, sagen ja auch alle. Und alle wollen mitspielen, jagen nach Aufmerksamkeit anderer Nutzer. Ein Post, ein Klick, eine Nachricht. "Stand auf Facebook", heißt es. Auch klassische Medien lassen sich davon anstecken, geraten unter Druck, schnell zu sein, auch wenn man wenig weiß: siehe Übergriffe von Köln, siehe Anschläge von Paris. Weil man - verständlicherweise - Teil im neuen Medienkonzert sein möchte. Der Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann rät zur Vorsicht: "Die Forderung, dass man möglichst schnell alle Informationen weiterleitet, ungeprüft, die ist beim Laien vielleicht vorhanden. Aber eigentlich wollen wir doch deshalb Journalismus haben, damit eben nicht jede Information weitergeleitet wird, ohne dass sie stimmt."

Ungebremst quatschen und hetzen

Aufmerksamkeit ist aber kostbar. Und auch deshalb gehen drastische Meldungen, schrille Forderungen und Meinungen in sozialen Medien besser. Und: Auch Ränder der Gesellschaft, die früher nicht diskursfähig waren, können zum Beispiel auf Facebook beinahe ungebremst quatschen und hetzen. Auch auf den Internetseiten der klassischen Medien. Kein Kommentar, kaum ein Post, der nicht auch von Lesern, Hörern, Zuschauern bewertet, beschimpft, zumindest wiederum kommentiert würde.

"Der Ton im Diskurs ist hier härter, schärfer als woanders, aber dadurch nicht repräsentativ", sagt Stegers. "Da geht es um die schnelle Pointe, das schnelle 'sich Luft verschaffen'. Und es machen sich eben auch Stimmen breit, die früher geschwiegen haben oder nur an Stammtischen geäußert wurden. Das ist natürlich beklagenswert, weil sich dann die besonnene Mitte, die Nachdenklichen, sich nicht mehr zu Wort melden - und dadurch ist der Ton dann schnell vergiftet."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.02.2016 | 06:56 Uhr